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11.02.2026
Foto / Quelle: Theo Barth/KNA

Rosenmontag unter Druck: Wie Wagenbauer aktuell bleiben

Satire auf Rädern – in Mainz, Köln und Düsseldorf planen Teams monatelang voraus. Teils ändern sie Motive noch kurz vor Rosenmontag.

Mainz/Köln

Trump, Ukraine, Koalitionsstreit – die Rosenmontagszüge der Republik werden auch in diesem Jahr nicht langweilig. Zumindest können die Wagenbauer thematisch aus dem Vollen schöpfen. Dafür sorgt schon allein der twitternde Mann im Weißen Haus. Doch genauso schnell wie ein Social-Media-Post kann eine gesellschaftspolitische Debatte passé sein. Aktuelle Themen mit Halbwertszeit sind gesucht. Trotzdem greifen die Wagenbauer immer wieder kurzfristig ein.

„Es müssen Themen sein, von denen wir annehmen können, dass sie die Gesellschaft über Wochen und Monate bewegen werden. Das Gespür muss man einfach haben“, sagt Boris Henkel, der den Kreativkreis beim Mainzer Carneval-Verein leitet. Seit 41 Jahren entwickelt Henkel Ideen für die Mainzer Rosenmontagszüge. Als Student ist er in den Verein eingestiegen. Bei seiner Aufgabe vertraut er auf jahrzehntelange Erfahrung. Und trotzdem geht manchmal der Puls nach oben. Zum Beispiel vergangenes Jahr, als Rosenmontag kurz nach der Bundestagswahl lag.

„Wir mussten natürlich einen Wagen machen zur Wahl“, erzählt Henkel. Die Crux: Der Bau der Satire-Wagen beginnt bereits etwa Anfang November. Dann kann eine Idee kaum mehr von Grund auf umgeändert werden. Die Mainzer haben das Problem unkonventionell gelöst, wie Henkel findet. Auf ihrem Motivwagen musste der voraussichtliche Wahlsieger Friedrich Merz eine Kröte schlucken. Nur welche würde es sein? Die Wagenbauer bereiteten eine SPD-, eine Grünen-, eine BSW- und eine Linken-Kröte vor, die sie dann kurzfristig austauschen konnten. „Das hat ganz gut geklappt.“

Zwei spontane Wagen in Köln

Auch in Köln war die Bundestagswahl ein Muss-Thema für den Rosenmontagszug 2025. In der Karnevalshochburg beginnen die Wagenbauer schon etwa Ende September mit ihrer Arbeit. Aber: Zwei der rund 20 Satire-Wagen werden erst ganz zum Schluss umgesetzt, um spontan reagieren zu können, wie Zugführer Marc Michelske erklärt. So entstand vergangenes Jahr innerhalb von nur fünf Tagen ein Wagen mit „Kanzler Schmerz“.

Kurzfristig ergänzen mussten die Kölner zudem eine bereits fertige Persiflage: Wolodymyr Selenskyj schlug Wladimir Putin mit einem Herzchen-Hammer in den Boden. Doch dann besuchte der ukrainische Präsident kurz vor Rosenmontag Donald Trump im Weißen Haus und wurde von ihm und seinem Vize J. D. Vance vorgeführt. Die Kölner Wagenbauer reagierten und bastelten ein Stars-and-Stripes-Messer, das sie Selenskyj in den Rücken rammten.

Brandaktuelles in Düsseldorf

Von solch kurzfristigen Änderungen können die Düsseldorfer ein Lied singen. Wagenbauer Jacques Tilly ist für seine bissig-kritischen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug bekannt. Seine Motive erscheinen in den Tagen nach Karneval regelmäßig auf den Titelseiten der deutschen und internationalen Presse. Wegen seiner spitzen Satire läuft aktuell gegen ihn sogar ein Strafprozess vor einem russischen Gericht. Der Vorwurf lautet auf Verunglimpfung der russischen Armee.

„Es war schon immer die Aufgabe des Narren, einmal im Jahr der Obrigkeit die Meinung zu geigen. Und das machen wir natürlich weiterhin“, sagt Tilly. „Ich werde jetzt nicht mein Leben ändern oder mich irgendwie verstecken.“

Das dürfte auch für seine Arbeitsweise gelten. In Düsseldorf entstehen die Wagen zum Teil innerhalb weniger Tage vor ihrem großen Auftritt. So wollen die Wagenbauer auch brandaktuelle Themen aufgreifen. Entsprechend halten Tilly und sein Team die Motive so lange wie möglich geheim.

Lokales hat längere Halbwertszeit

Dass sich die Weltlage schnell drehen kann, stellt auch der Kölner Zugführer Michelske fest. Gerade Trump mache die Arbeit instabiler. „Dass man eben nicht weiß: Was macht der als nächstes?“ Anders sei das bei lokalen und regionalen Themen, die ebenfalls satirisch aufgespießt werden. Wohnungsnot, öffentliche Sauberkeit, Verkehrschaos – „es gibt leider Probleme, die werden nicht innerhalb von einem halben Jahr gelöst“, sagt der Zugführer.

Ob lokal oder große Weltpolitik – die Leute sollen die politischen Botschaften verstehen. Das ist in Köln, Düsseldorf und Mainz gleichermaßen die Herausforderung. Die Wagenbauer setzen auf Bauchgefühl und Erfahrung, sagt Michelske. „Und ab und zu spielen wir auch mit einem gewissen Risiko.“

KNA
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