Rentiere führten Sonja und Stefan ins Glück
Eine „positive Eskalation“ führt ein Ehepaar an der Nahe zu 20 eigenen Rentieren. Damit finden die beiden auch ein spätes Familienglück.
Sonja und Stefan können kaum fassen, dass das hier alles wirklich wahr ist: 20 Rentiere grasen auf ihrem rund 30.000 Quadratmeter großen Gelände zwischen den Weinbergen an der Nahe, zwischen ihnen stiefelt Töchterchen Antonia herum. Wie es einmal so weit kam, ist eine ziemlich verrückte Geschichte.
Nach einer Fernsehreportage über die tierischen Arktisbewohner wollte das Paar aus Niederhausen an der Nahe diese unbedingt einmal „in echt“ sehen. Sie fanden heraus, dass im nur rund 50 Kilometer entfernten Kusel eine Herde in einem Wildpark lebt. „Am 23. Dezember 2010 sind wir dorthin gefahren“, daran erinnert sich Stefan Persch – ein ehemaliger Banker – noch genau. Ein grauer, kalter Tag; nur in der Ferne waren ein paar braune Hinterteile zu erahnen. Weil die beiden die einzigen Besucher waren, ließ sie der Inhaber in das Gehege gehen. „Schließlich kam die ganze Herde zu uns – wir waren schockverliebt“, sagt Sonja Persch-Jost.
Von da an waren sie und ihr Mann dort Dauergäste. Persch-Jost, bislang kaufmännische Angestellte im Steuerfach, verlegte ihre Arbeit in die Abendstunden und fuhr zweieinhalb Jahre lang mehrmals in der Woche in den Wildpark, um in die Lebenswelt dieser Hirschart einzutauchen. Sie gab den Tieren Namen, näherte sich ihnen „mit viel Zeit und Liebe“ an, erklärt die 48-Jährige. Schon nach wenigen Wochen konnte sie mit den ruhigen und sanftmütigen Wesen am Halfter spazieren gehen.
"Es ist positiv eskaliert"
„Als unser Fachwissen so groß wie die Liebe zu diesen wundervollen Tieren war, zogen die ersten fünf weiblichen Renies bei uns ein – die Rentieralm war geboren“, blickt sie auf die Anfänge zurück. Diese Tiere bekamen sie von einem niederländischen Hof für Menschen mit Beeinträchtigungen. „Im Lauf der Jahre ist es positiv eskaliert“, sagt der 60-jährige Persch, der heute als Musiker und Moderator seinen Jugendtraum lebt, mit einem Schmunzeln. Das Gelände wurde erweitert; neue Tiere kamen hinzu. Nach dem Einzug von Bulle „Dancer“ kam „Holly“ zur Welt – das erste Rentier, das bei ihnen geboren wurde. Inzwischen kümmert sich ein fünfköpfiges Team um die kleine Herde.
Wer hier zu Besuch kommt, sieht nicht alle auf den ersten Blick: „Ein Rentier-Zuhause muss so groß sein, dass wir sie suchen müssen“, sagt Persch-Jost, die die Tiere mit ihrem Mann auch trainiert. Über die Jahre wurde das Paar immer sachkundiger, „wir haben öfters bei Rentierzüchtern in Lappland mitgearbeitet“.
Neben dem sanften Wesen fasziniert die 48-Jährige auch die Wandlungsfähigkeit der Tiere. „Ein Rentier sieht vier Mal im Jahr anders aus“ – mal mit dichtem Winter-, dann mit seidigem Sommerfell, mal mit Geweih, mal ohne. Letzteres verlieren die Bullen im Übrigen bis Mitte Dezember: „Den Schlitten des Weihnachtsmanns müssen also Rentierweibchen gezogen haben“, wie die Expertin augenzwinkernd bemerkt.
Weil es an den Tieren immer etwas zu entdecken gibt, bieten die Perschs auch außerhalb der Weihnachtszeit mehrstündige Wanderungen an. „Ein Lebewesen – ob Mensch oder Tier – soll alles erleben, was ihm nicht die Würde nimmt und was ihm Spaß macht“, findet die Tiertrainerin. „Matti“, „Ronja“ und ihre Artgenossen werden deshalb auch für Weihnachtsmärkte, skandinavische Events, Fernsehauftritte und internationale Filme gebucht. Der berufliche Umstieg hat sich für das Paar also gelohnt.
In der samischen Mythologie gelten Rentiere als magische Tiere und Glücksbringer, wissen die Perschs. „Sie strahlen eine Ruhe aus, das hat schon etwas Mystisches.“ Vor allem die seltenen weißen Exemplare gelten als Glückstiere – das Paar hat zwei davon. Nach einer Legende der Samen, den Indigenen von Nordskandinavien, ist aus der Seele eines solchen Tieres einst die Schönheit der Welt entstanden.
Glückskind nach acht Fehlgeburten
Sonja Persch-Jost und ihrem Mann scheinen sie auch privat Glück gebracht zu haben. „Ich habe mir schon mit 28 ein Kind gewünscht“, sagt sie. „Aber ich hatte acht Fehlgeburten.“ Die Beschäftigung mit den Rentieren – erst im Wildpark, später auf dem eigenen Areal – half ihr und ihrem Mann über diese schmerzlichen Verluste hinweg und gab ihnen eine neue Perspektive.
Dass ihnen vor zwei Jahren Tochter Antonia geschenkt wurde, ist für das Paar das größte Glück. Wenn die Kleine mit Gummistiefeln und Matschhose zwischen den gutmütigen Tieren umherflitzt, geht beiden das Herz auf. Dass sie heute Mutter ist und 20 Rentiere ihr Eigen nennt, hätte Persch-Jost nach eigenen Worten nie für möglich gehalten. „Wir haben eine Tochter und so wundervolle Rentierseelen bei uns – die tollste Familie der Welt.“
Wie Antonia mit Rentieren aufzuwachsen, davon können andere Kinder nur träumen. Vor Weihnachten bekommt die 48-Jährige auch Anfragen, ob sie Tiere verkaufen. „Eine Mutter wollte ihrem elfjährigen Sohn ein Rentier schenken.“ Darüber schüttelt die Fachfrau den Kopf – schließlich sind die Arktisbewohner Herdentiere, die nur mit viel Sachkunde gehalten werden dürfen. Dass sich Menschen aber in der Weihnachtszeit nach den sanften Tieren sehnen, kann sie gut verstehen. Deshalb wird auf dem Gelände der Perschs bald ein kleines Weihnachtsdorf entstehen. „Es soll für die Leute ein Ort zum Träumen und Wohlfühlen sein – das ist in der heutigen Zeit wichtig.“