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10.04.2026
Das Forschungsschiff Polarstern am 13. Januar 2026 im Weddellmeer am Rande der Antarktis.
Foto / Quelle: Ante Medic/KNA

Reif für die Insel - eine virtuelle Reise an einsame Gestade

In der Antarktis entdecken Forscher ein neues Eiland.

Bremerhaven

Sachen gibt’s. Da meint man, der Globus sei komplett vermessen und durchkartographiert, und dann macht eine Mitteilung des Alfred-Wegener-Instituts die Welle. Im nordwestlichen Weddellmeer in der Antarktis stoßen Forscher an Bord des Eisbrechers „Polarstern“ auf eine bisher unbekannte Insel. „Auf unserem Weg war in der Seekarte ein Gebiet mit unerforschten Gefahren für die Navigation eingezeichnet, von dem nicht klar war, worum es sich handelt und woher die Information stammte“, so Teammitglied Simon Dreutter. Der Ehrgeiz des Fachmanns für Unterwasserkartierungen war geweckt.

Er habe alles an Küstenlinien durchforstet, „was wir hier so haben, und bin zurück auf die Brücke“, sagt Dreutter. „Beim Blick aus dem Fenster haben wir dann einen ‚Eisberg‘ gesehen, der irgendwie dreckig aussah.“ Bei näherer Betrachtung sei dann klar geworden, dass es sich mitnichten um einen Eisberg, sondern um eine Insel handelte. 130 Meter lang und 50 Meter breit ist das bisher unbekannte Eiland. Etwa 16 Meter ragt es aus dem Wasser.

Nun gilt es unter anderem, einen Namen für die Insel zu suchen. Das könnte noch ein paar Monate dauern. Schon zu früheren Zeiten spielten Benennungsprozesse eine besondere Rolle, wie die Autorin und Buchgestalterin Judith Schalansky in ihrem wundervollen „Atlas der abgelegenen Inseln“ schreibt.

„Wie bei der Taufe wird auch hier ein Bund besiegelt, zwischen Entdecker und Entdecktem, und die Besitznahme des vermeintlich ‚herrenlosen‘ Landes legitimiert, selbst wenn dieses nur aus der Ferne gesichtet wurde oder längst bewohnt und benannt ist“, so Schalansky.

Scheinheiligkeiten aller Art

Die Osterinsel ist so ein Fall. Am 5. April 1722 erkundete die Expedition des Holländers Jacob Roggeveen das einsam im Pazifik gelegene Eiland mit ebenso rätselhaften wie riesigen, aus Tuffstein gehauenen Köpfen. Die Europäer nannten es Osterinsel, „weil dies eben der Ostersonntag war“, wie der zu Roggeveens Mannschaft gehörende Rostocker Carl Friedrich Behrens lapidar festhielt.

Dass die Insel von ihren eigentlichen Bewohnern Rapa Nui geheißen wurde, schien die Neuankömmlinge nicht weiter zu interessieren. Die Europäer tauften sich munter durch die Weltmeere und machten dabei nicht selten Anleihen bei christlichen Feiertagen und Heiligen. Neben der Osterinsel gibt es zum Beispiel gleich zwei Weihnachtsinseln: im Indischen Ozean und im Pazifik.

Als Dreingabe zu nennen wären die heute zu Vanuatu gehörende Pfingstinsel sowie Ascension (Christi Himmelfahrt) im Atlantik und Saint Martin oder die nach der heiligen Ursula und ihren 11.000 Jungfrauen benannten Jungferninseln in der Karibik. Man könnte ein komplettes Kirchenjahr an göttlichen Gestaden entlangschippernd verbringen.

Ein Apostel und ein Vaterunser

In der „Alten Welt“ reichen die Wurzeln dagegen weiter zurück, vermischen sich Glaube und Aberglaube. So wie bei St. Paul’s Islands, zwei unbewohnten Felsen, die zu Malta gehören. Hier soll der Apostel Paulus Schiffbruch erlitten haben. Er befand sich gefangen an Bord eines römischen Schiffes, konnte sich jedoch der Überlieferung nach wie der Rest der Besatzung schwimmend an Land retten.

Mast- und Schotbruch – nicht immer geht die Geschichte glimpflich aus. Als besonders tückisch gilt etwa die Passage bei den Pierres de Lecq. Das riffartige Gebilde liegt zwischen der britischen und französischen Küste in einer Region mit einem der größten Tidenhübe überhaupt. Angeblich zwölf Meter soll der Pegelunterschied zwischen Ebbe und Flut betragen, je nach Lage ist mal mehr, mal weniger von den Pierres de Lecq zu sehen. Vorbeifahrende Seeleute schickten deswegen ein Vaterunser in den Himmel – „Paternoster“ lautet ein weiterer Name für die steinernen Hindernisse.

Die genaue Position der Insel in der Antarktis wird erst zum Abschluss des Namensgebungsprozesses veröffentlicht. Dann soll das Eiland auch in den internationalen Seekarten verzeichnet werden. Das wird all jenen Forschern helfen, die sich in der Nachfolge der „Polarstern“ durch die Gewässer des Weddellmeeres navigieren. Dass die Insel bereits zu früheren Zeiten bewohnt und damit benannt worden wäre, dürfte ausgeschlossen sein. Dafür ist die Region dann doch zu unwirtlich.

KNA

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