Neues Jahr – neues Leben durch Gott
Die vietnamesischen Gemeinden in den (Erz-)Bistümern Paderborn und Essen feierten „Têt Nguyên Đán“ – das traditionelle Neujahrsfest.
Der Klang der Trommel schwillt an, die Becken werden immer intensiver aneinander gerieben – der traditionelle Drachentanz steuert seinem Höhepunkt zu. Die bunten mythischen Wesen haben übernatürliche Fähigkeiten, so übermittelt es die Tradition. Sie verlassen die Bühne in Körbecke. Mit ihren großen, leuchtenden Augen streifen die Wesen elegant durch das Publikum. Es wird gerufen, geklatscht und dazwischen laufen Männer mit bunten Masken auf und ab. Sie necken die Drachen oder spielen sie etwa mit ihnen?
„Wen die Drachen anschauen, der hat Glück im ganzen Jahr“, erklärt Bruder Chi Thien Vu OFM. Der Franziskaner wurde selbst in Vietnam geboren und ist seit November 2025 Seelsorger für die vietnamesischen Gemeinden im Erzbistum Paderborn.
Ein großes Wiedersehen
Gut vier Stunden zuvor steht der Geistliche in der Kirche St. Pankratius, nur wenige Hundert Meter entfernt von der Schützenhalle. Er schüttelt eifrig Hände, strahlt die eintreffenden Gläubigen an. Denn das Neujahrsfest, das mit einem katholischen Gottesdienst beginnt, ist ein großes Wiedersehenstreffen. Menschen mit vietnamesischen Wurzeln treffen sich zu diesem wichtigen Fest im Jahreslauf.
Markant sind die gelben Blumen, die den Altarraum schmücken. „Sie heißen Hoa Mai und blühen im Frühling. Die Blumen stehen für neues Leben“, sagt Bruder Chi Thien. Bekannter seien Kirsch- oder Pfirsichblüten als Symbol für Neubeginn nach dem Winter. „Die blühen im Norden, Hoa Mai im Süden Vietnams. Die meisten Leute hier stammen aus dem Süden“, erklärt der Seelsorger, der 1983 mit seinem Vater als politisch Verfolgter nach Deutschland floh. Viele, die mitfeiern, dürften ein ähnliches Schicksal teilen. Doch das ist kein Thema, heute dominiert die Freude.
Was sofort auffällt: Die Gemeinde ist jung. Viele Kinder und Teenager drängen sich in die Bankreihen. Und die Menschen sind sehr elegant gekleidet. Viele Männer tragen traditionelle Kleidung kombiniert mit westlichen Anzügen. Áo dài, das lange Kleid, haben zahlreiche Frauen angezogen. Und noch etwas fällt auf: Die Menschen gehen ausgesprochen freundlich und herzlich miteinander um – auch mit Fremden.
Der Gottesdienst selbst beginnt mit Klaviermusik, die Orgel kommt nicht zum Einsatz. Es ist eine eingängige Melodie, die dafür sorgt, dass die Gläubigen zur Ruhe kommen. Die Stimmung ändert sich, wird andächtig. Dann setzt der Chor ein, der mitten im Kirchenschiff seinen Platz gefunden hat.
Bruder Chi Thien begrüßt die Gemeinde auf Vietnamesisch. Die Sprache klingt sehr melodisch, doch wer nur europäische Sprachen kennt, hat keine Chance, etwas zu übersetzen. „Paderborn“ und „Vietnam“ – mehr Worte versteht nicht, wer die Sprache nicht beherrscht. Doch das ist insofern kein Problem, da der Priester wichtige Teile übersetzt. „Ich muss vorher schauen, ob alle Vietnamesisch verstehen.“ In der Generation, die hier geboren wurde, sei es nicht mehr selbstverständlich, die Sprache der Eltern oder Großeltern zu beherrschen. Und da sind ja auch noch die beiden Franziskaner Augustinus Diekmann und Heinrich Gockel, die aus dem Konvent in Dortmund anreisten und konzelebrierten. Beide vertraten die Franziskaner Mission und wirkten selbst jahrzehntelang als Missionare. Doch Vietnamesisch sprechen beide nicht.
Auch die Lesungen gibt es in zwei Sprachen. Dann geht Chi Thien Vu mit dem Mikrofon in der Hand zu den Gläubigen, sucht den direkten Kontakt während seiner Predigt, stellt Fragen. Das macht er auch, wenn er etwa in der Gemeinde St. Franziskus in Dortmund Gottesdienst feiert. Doch gefühlt dauert es im Ruhrgebiet wesentlich länger, bis sich jemand ein Herz fasst und antwortet. Hier sind die Gläubigen sofort dabei, viele rufen ihre Antworten, es wird gelacht.
Das ist auch kein Wunder, wie nach der deutschen Übersetzung der Predigt klar wird. Es geht um Jahreszeiten und da gebe es in Deutschland ja eine Fünfte, die am Aschermittwoch endet. Und im Grunde gehe es um die gleiche Symbolik. Aschermittwoch und das Neujahrsfest stünden für einen neuen Anfang. Der Frühling sei den Vietnamesinnen und Vietnamesen so wichtig, dass sie das neue Jahr in dieser Jahreszeit beginnen. „Gott des Frühlings, Gott des Lebens“, bringt es der Geistliche auf den Punkt. Zudem ist die Rede vom „ewigen Frühling im Himmel“.
Glaube und Kultur
Das betont später auch Cao Minh Phan, Vorsitzender des Vorstands aller vietnamesischen Gemeinden im Bistum Essen sowie im Erzbistum Paderborn. Er gehört zu den Organisatoren des Festes in der Schützenhalle. „Wir verbinden Glauben und Kultur. Diese Kulturfeier ist auch gedacht für Menschen, die nicht katholisch sind.“ Auf der Bühne gibt es traditionelle Tänze, Essen aus Vietnam wird verkauft, später wird die Tanzfläche eröffnet. 500 Stühle stehen in der Halle, doch die reichen nicht aus. Gerade Jugendliche haben auch ihre Freunde, die keine vietnamesischen Wurzeln haben, eingeladen.
Zurück zum Gottesdienst: In der Kirche St. Pankratius folgen Gabenbereitung und die Wandlung. Beides wird komplett auf Vietnamesisch vollzogen. Die Rituale sind vertraut, eben nur in einer anderen Sprache. Eine Besonderheit ist, dass Brot und Wein in einer feierlichen Prozession durch das Kirchenschiff getragen werden. Flankiert von den gelben Blumen schreiten mehrere Frauen und Männer langsam Richtung Altar. Das sei in Vietnam so üblich bei besonders feierlichen Gottesdiensten, erklärt Bruder Chi Thien. „Es ist wichtig, dass Menschen Brot und Wein zu Gott bringen.“
Zur Kommunion bekommen die Gläubigen zudem kleine Papierröllchen, die von einem roten Band zusammengehalten werden. „Das sind Glücksworte“, erklärt der Geistliche.
Zu lesen sind Bibelstellen, die die Gläubigen das gesamte neue Jahr begleiten sollen. Und die halten die Röllchen strahlend vor sich. Zum Abschluss des gut 90-minütigen Gottesdienstes segnet Chi Thien Vu die Glücksworte. Dann geht die Feier in der Schützenhalle weiter.
Seit dem Jahr 2000 wird im Erzbistum Paderborn „Têt Nguyên Đán“ gefeiert, bisher immer in Dortmund. Doch das Dietrich-Keuning-Haus wurde zu klein und es gab ein weiteres, ganz irdisches Problem: zu wenige Parkplätze. Denn die Gläubigen – so viel verraten die Kennzeichen – kommen nicht nur aus dem Ruhrgebiet, sondern auch aus Oldenburg und dem Rheinland. Eben eine große Gemeinschaft, die gemeinsam feiert, ihre Traditionen lebendig hält und Gott dankt für den Frühling, der neues Leben bringt.