Nach Zwangsräumung – Rentnerin Mariacarmen gestorben
Maricarmen wurde zu Spaniens bekanntester Rentnerin. Jetzt ist sie in Madrid gestorben. Ihr Schicksal hat Konsequenzen für das Land.
Diese Bilder gingen in den vergangenen Wochen um die Welt: In Spaniens Hauptstadt Madrid gelang es Demonstranten lange, eine Zwangsräumung zu verhindern. Die 87-jährige Spanierin Maricarmen Abascal sollte nach Jahrzehnten aus ihrer Wohnung ausziehen müssen. Jetzt ist die Rentnerin im Krankenhaus Gregorio Marañón gestorben. Der Fall hat auch für Spaniens Minderheitsregierung weitreichende Konsequenzen.
Was für ein Schicksal: 71 Jahre lang war die Wohnung im zentralen Retiro-Stadtviertel das Zuhause von Maricarmen – bis am 23. September schließlich Polizisten mit einem Vorschlaghammer die Tür aufbrachen und die Wohnung stürmten. Sanitäter brachten die von der wochenlangen Aufregung völlig erschöpfte Rentnerin ins Krankenhaus. Denn sie hatte sich entschieden, Widerstand zu leisten und zu kämpfen – gegen überhöhte Mieten und mächtige Unternehmen.
Ein Immobilien-Investmentunternehmen hatte das Gebäude, in dem sich ihre Wohnung befand, 2020 gekauft. Ihre Alt-Miete betrug 500 Euro im Monat. Doch die neuen Besitzer verlangten nun 1.600 Euro.
"Wir sind alle Maricarmen"
Mit ihrer Weigerung, eine Mieterhöhung von 275 Prozent zu bezahlen, wurde sie im ganzen Land zum Symbol. In Dutzenden Städten entstanden Protestcamps, Zigtausende Menschen gingen mit dem Slogan „Wir alle sind Maricarmen“ auf die Straße, in einem Land, in dem sich die Durchschnittsmieten in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelten und laut Schätzungen mehr als 700.000 Wohnungen fehlen. Die drastisch gestiegenen Mieten und der Wohnraummangel sind schon seit Jahren das Problem Nummer eins der Spanier.
Zunächst schien der „Fall Maricarmen“ gleich ein doppeltes Happy End zu haben. Unter dem Druck der sozialen Massenproteste bot der Immobilienbesitzer der Rentnerin an, für eine Mieterhöhung von 100 Euro in ihre Wohnung zurückkehren zu dürfen.
Zudem sah sich die spanische Linksregierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez gezwungen, verschiedene Wohnungsnot-Dekrete zu verabschieden. Sogar Kardinal Luis Argüello, Vorsitzender der Spanischen Bischofskonferenz, forderte Spaniens Parteien zu einem parteiübergreifenden „Sozialvertrag“ auf, um das „gravierende Problem“ der Wohnungsnot zu lösen.
Doch die rechtskonservativen Oppositionsparteien lehnten die sogenannten Maricarmen-Dekrete im Parlament ab. Schließlich zog Ministerpräsident Sánchez, dem es mit seiner Minderheitsregierung seit langem schwerfällt, zu regieren, die Reißleine und rief für den 29. November vorgezogene Neuwahlen aus.
Der Tod der Rentnerin heizt nicht nur den Vorwahlkampf an, sondern dürfte auch die sozialen Proteste und den für den 11. November geplanten Generalstreik in Spanien noch weiter verschärfen. Während Linkspolitiker Sánchez und der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo Maricarmens Familie in Sozialen Medien Beileid bekundeten, bedauerte die Anwältin der Rentnerin den tragischen Ausgang und kritisierte: „Wäre die Zwangsräumung ausgesetzt worden, befänden wir uns heute nicht in dieser Situation.“
Gewerkschaft ruft zu Protesten auf
Der spanische Mieterbund rief unterdessen die Zivilgesellschaft auf, den Kampf gegen die Wohnungskrise fortzusetzen, damit es „keine weitere Maricarmen“ mehr gebe. Pepe Álvarez, Generalsekretär der Gewerkschaft UGT, ermunterte die Spanier, „aus Wut und Schmerz“ auf die Straße zu gehen – als Ehrung für Maricarmen und für all die „Zehntausenden“, denen „ein Zuhause verwehrt wird“.
Anders die rechte Vox-Partei: Sie warf der Linken vor, „skrupellos das Leid eines älteren Menschen instrumentalisiert zu haben, um eine Kampagne zu inszenieren, die von der Verantwortung der Regierung für das Wohnungsdesaster ablenken sollte“.
Unterdessen zogen am Mittwochabend mehr als 1.000 Menschen vom Protestcamp auf dem Madrider Zentralplatz Puerta del Sol zum nahen Parlament. Dort kamen sie im Gedenken an die Rentnerin zu einer Schweigeminute zusammen, zündeten Kerzen an und riefen „Mörder“. In Spanien wird die Debatte um hohe Mieten und Wohnungsmangel weitergehen.