Missbrauchsstudie für Erzbistum Paderborn kommt diese Woche
160 Beschuldigte – und wohl weit mehr Betroffene: Forschende stellen eine Untersuchung zu sexuellem Missbrauch vor. Im Mittelpunkt stehen zwei frühere Erzbischöfe.
Die Universität Paderborn veröffentlicht am 12. März die Ergebnisse einer unabhängigen Studie zu sexualisierter Gewalt im katholischen Erzbistum Paderborn. Zwei Kirchenhistorikerinnen der Uni haben dafür seit Anfang 2020 umfangreiche Akten ausgewertet und Zeitzeugen befragt. Die vom Erzbistum geförderte Untersuchung beleuchtet den Zeitraum 1941 bis 2002.
Die Wissenschaftlerinnen Nicole Priesching und Christine Hartig gehen der Frage nach, unter welchen Bedingungen Priester sexuelle Gewalt ausüben konnten, welche Maßstäbe Verantwortliche im Erzbistum im Umgang mit Beschuldigten und Betroffenen anlegten und welche Erfahrungen Betroffene in ihrem Umfeld machten. Im Mittelpunkt stehen die Amtszeiten der früheren Erzbischöfe und Kardinäle Lorenz Jaeger (1941-1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974-2002), in die ein Großteil der bekannten Missbrauchsfälle fällt.
Bereits 160 Beschuldigte ermittelt
In einer bereits 2021 veröffentlichten Zwischenbilanz sprachen die Wissenschaftlerinnen von 160 Beschuldigten – und gingen aber von sehr viel mehr Betroffenen aus. Jaeger und Degenhardt hätten beschuldigte Geistliche geschützt und kaum Fürsorge für Betroffene erkennen lassen. Täter seien versetzt und weitere Übergriffe in Kauf genommen worden. Auch staatliche Stellen, Eltern und Gemeindemitglieder hätten vielfach weggesehen.
Im Oktober 2025 waren zudem Vorwürfe laut geworden, wonach Jaeger und Degenhardt selbst Täter gewesen sein sollen. Das Erzbistum hatte die Anschuldigungen nach eigenen Angaben aus Transparenzgründen veröffentlicht. Die bislang bekannten Hinweise seien jedoch teils unvollständig, widersprüchlich oder über Dritte eingebracht worden. Externe Gutachter hätten sie als nicht plausibel bewertet, so die Diözese.
Ob die aktuelle Studie neue Erkenntnisse zu den Vorwürfen gegen die früheren Erzbischöfe enthält, ist bislang offen. Wegen der Sensibilität des Themas würden sämtliche Ergebnisse erst am 12. März präsentiert, teilte ein Uni-Sprecher der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) mit. Dabei müsse auch die Perspektive der Betroffenen berücksichtigt werden. Das Erzbistum erklärte auf Anfrage, die Studienergebnisse erst zusammen mit der öffentlichen Präsentation zu erhalten.
Studie wird bis 2027 erweitert
Der heutige Paderborner Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz kündigte an, die Untersuchung zeitnah einzuordnen. Einen Tag nach der Vorstellung will er gemeinsam mit Vertretern der Betroffenen Stellung nehmen. Zudem sind Gespräche mit Betroffenen sowie drei regionale Dialogveranstaltungen mit Menschen aus dem Erzbistum geplant. „Das Thema Missbrauch ist ein Teil der Wirklichkeit unserer Kirche. Und es ist wichtig, darüber gemeinsam zu reden“, sagte Bentz.
Die Studie wurde 2023 um die Amtszeit des früheren Erzbischofs Hans-Josef Becker (2003-2022) erweitert. Die Ergebnisse dieses Teilprojekts sollen nach Angaben des Erzbistums voraussichtlich 2027 veröffentlicht werden.
KNA
Zur Sache
Das Erzbistum Paderborn hat folgende Dialogveranstaltungen angekündigt: Sonntag, 15. März, 18 Uhr, Dortmund (Kongresszentrum, Goldsaal); Montag, 16. März, 19 Uhr, Schmallenberg (Stadthalle, Großer Saal); Dienstag, 17. März, 19 Uhr, Rheda-Wiedenbrück (A2 Forum, Kleiner Festsaal).