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03.07.2026
Verliebte Paare küssen sich auf der Terrazzo dell'Angelo der Engelsburg in Rom.
Foto / Quelle: Cristian Gennari/Romano Sicilian

Kuss ist nicht gleich Kuss

Geküsst wird immer. Und deshalb ist der – zweitschönsten – Nebensache der Welt seit den 1980er Jahren ein eigener Tag gewidmet.

Bonn

Ein Kuss kann gefährlich sein: Diese schmerzhafte Erfahrung hat vor wenigen Tagen ein junges Paar in Indonesien gemacht, das wegen Küssen in einem Tiktok-Livestream mit 21 Stockschlägen bestraft wurde. Auch in westlichen Ländern sind Küsse zuletzt ins Gerede gekommen – weil sie als männliche Machtdemonstration und sexueller Übergriff interpretiert wurden. 2023 sperrte der Welt-Fußballverband den früheren spanischen Verbandschef Luis Rubiales für drei Jahre, weil er die Spielerin Jennifer Hermoso bei der Siegerehrung nach dem gewonnenen WM-Finale auf den Mund geküsst hatte.

Küsse gehören zu den ausdrucksstärksten Gesten, wie auch der „Welttag des Kusses“ am Montag deutlich macht. Oft bekommt der Kuss die große Bühne: Mal als Übergriff, mal als inszenierte Provokation wie bei Madonna, Britney Spears und Christina Aguilera, die 2003 einen Skandal auslösten. Küsse symbolisieren auch Verehrung, Freundschaft und Respekt.

Im Mittelalter hatte der Kuss auch rechtliche Bedeutung: Er besiegelte einen Vertrag – was sich noch heute im Verlobungs- oder Brautkuss widerspiegelt. Der sozialistische „Bruderkuss“ zwischen Staatsführern des Ostblocks war ein politisches Statement, der Kuss des Papstrings ist ein Symbol der Unterwerfung. Der Kuss kann auch Inbegriff des Verrats werden, etwa der Judas-Kuss. Doch auch als Geste der reinen Liebe kann der Kuss zur Ikone werden, wie bei Gustav Klimts goldgewirktem Gemälde „Der Kuss“.

Thema für viele Wissenschaften

Die Wissenschaft vom Küssen bekommt ständig neues Anschauungsmaterial. Kultur-, Sprach- und Geschichtswissenschaft befassen sich damit ebenso wie Medizin, Sozialwissenschaft und Psychologie. Es gibt sogar einen eigenen Fachbegriff für die Lehre vom Kuss: die Philematologie. Sie hat zum Beispiel herausgefunden, dass zwei Drittel der Menschen den Kopf beim Küssen nach rechts neigen. Von ihnen stammt zudem die Erkenntnis, dass ein Mensch in 70 Lebensjahren im Schnitt 76 Tage mit Küssen verbringt.

Zwischen Kuss und Kuss können Welten liegen. „Ein Kuss ist ein oraler Körperkontakt mit einer Person oder einem Gegenstand.“ So nüchtern definiert Wikipedia. Nach Ansicht des Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat das gegenseitige Berühren der Lippen seinen Ursprung in der Nachwuchspflege von Menschen und Tieren.

Geknutscht wird immer

„Die Wurzel des Kusses ist der Sex“, argumentiert dagegen die Bremer Sexualwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld. So „erschnüffelten“ Männer unbewusst, ob eine Frau ihren Eisprung habe. Kein Wunder, dass Küsse gesellschaftlich stark reguliert sind. Geknutsch wird allerdings immer, aber unterschiedlich: Eine im Januar veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit ergab, dass Jugendliche in Deutschland den ersten Kuss immer weiter aufschieben. 2019 gaben noch 53 Prozent der 14-Jährigen an, bereits Erfahrungen mit Küssen gemacht zu haben; 2025 war dieser Anteil deutlich auf 33 Prozent gesunken.

Stürmisch, dynamisch oder zögerlich: Bei einem Kuss sind mehr als 30 Gesichtsmuskeln in Bewegung. Zudem sind die Lippen mit zahlreichen Nervenenden und Sensoren ausgestattet, die sie extrem empfindlich machen. Adrenalin und Glückshormone werden ausgeschüttet. Beim Kuss würden innerhalb kürzester Zeit 80 Millionen Bakterien übertragen, hat die Schweizer Entwicklungspsychologin Julia Zwank herausgefunden. Kein Wunder, dass die Geste während der Corona-Pandemie unter Generalverdacht geriet. Doch andererseits verweisen Mediziner darauf, dass Küssen das Immunsystem stärke und die Produktion von Stresshormonen einschränke.

Kino macht öffentliches Küssen salonfähig

Geküsst wird rund um den Globus. In Westeuropa und Nordamerika gilt es heutzutage meist nicht mehr als anstößig, sich öffentlich zu küssen. Das Kino hat viel dazu beigetragen. Noch in den 1930er Jahren gab es in Hollywood einen Verhaltenskodex, der „ausgedehnte und wollüstige Kussszenen“ verbot. Dennoch galten die Küsse zwischen Vivien Leigh und Clark Gable in „Vom Winde verweht“ oder von Deborah Kerr und Burt Lancaster in „Verdammt in alle Ewigkeit“ lange als erotischste Küsse aller Zeiten.

Auch in den Religionen hat der Kuss große Bedeutung: Im Islam küssen Pilger den Schwarzen Stein der Kaaba in Mekka. In der katholischen Kirche gehören der Altar-Kuss und der Kuss auf das Evangelienbuch zum Gottesdienst. Im Alten Testament haucht Gott dem Adam Lebensatem ein. Paulus fordert die Christen in Korinth auf: „Grüßt einander mit dem heiligen Kuss.“ Aus Sicht der Kirchenoberen übertrieben es die Christen damit freilich. Und so sah sich Papst Innozenz III. im 13. Jahrhundert gezwungen, den Begrüßungskuss aus Kirchenkreisen zu bannen.

KNA
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