Hortensien zur Erstkommunion
Das Kriegsende lag bereits einige Jahre zurück, aber dennoch waren die 1950er-Jahre bestimmt von Entbehrungen. Einige Bad Lippspringer erinnern sich an ihre Erstkommunion vor 70 Jahren.
11.00 Uhr vormittags: Wir sitzen in einem kleinen Café in Bad Lippspringe, einer kleinen mittelständischen Stadt, nur wenige Kilometer von Paderborn entfernt. Es duftet nach Kaffee und frischen Brötchen, der Geruch von frischen Waffeln und Kuchen erfüllt den Raum. Die Kellnerin nimmt die Bestellung von elf Gästen auf. Neun von ihnen sind vor 70 Jahren zur Erstkommunion gegangen. Hier in diesem gemütlichen Café treffen sie sich regelmäßig, alle vier Wochen, immer am letzten Freitag im Monat. Sie plaudern, frühstücken, lachen und erinnern sich an „die guten alten Zeiten“, die jedoch nicht immer so gut waren.
Die Zeit in den 1950er-Jahren war in ganz Deutschland eine andere. Die Entbehrungen, die die Nachkriegszeit mit sich brachte, waren auch in Bad Lippspringe noch deutlich zu spüren. „Armut gehörte zum Stadtbild, ebenso wie unzählige britische Soldaten, die immer noch in der Region stationiert waren, erinnert sich Josef Brockmann. „Die Briten hatten nicht nur viele Wohnhäuser in Beschlag genommen, sondern auch mehrere Parkanlagen, darunter den Arminiuspark und den Kurpark. Das hatte einen großen Einfluss auf das öffentliche Leben und natürlich auch auf uns Kinder“, erzählt Brockmann. Seine Familie habe es nicht einfach gehabt in dieser Zeit. Sein Elternhaus war von Soldaten besetzt und sie seien daher in einem Nachbarhaus untergebracht worden.
Das gebrauchte Kleid einer CousineIhm gegenüber sitzt Helga Gremmel, ebenfalls in Bad Lippspringe geboren. Sie nimmt einen Schluck Tee, denkt einen Moment nach und stimmt Brockmann zu: „Die Zeiten waren andere, bescheidener, ja, viel ärmer“, trotzdem denke sie gerne daran zurück – insbesondere an ihre Erstkommunion. Sehr genau könne sie sich an ihr Erstkommunionkleid erinnern. Es war das gebrauchte Kleid ihrer Cousine, da sich ihre Eltern kein neues Kleid für sie leisten konnten. „Es war trotzdem schön und etwas ganz Besonderes, dieses Kleid zum Weißen Sonntag zu tragen“, erinnert sich Helga Gremmel. Auch wenn es keine Bilder davon gebe – da ihre Familie damals keinen Fotoapparat besaß –, habe sie das Kleid noch genau vor Augen.
Eine Kamera war etwas Außergewöhnliches – genauso wie mit einem Auto zur Erstkommunion zu fahren. An diesen Luxus erinnert sich Werner Fleitmann. „Meine Eltern und ich sind mit einem Borgward zur Kirche gefahren.“ Wem das Auto gehört habe und wie es dazu kam, das vermag Fleitmann nicht mehr zu erinnern. Aber das sei ihm bis heute im Gedächtnis geblieben, „schließlich hatten zu der Zeit nur sehr wenige Familien ein eigenes Auto“, sagt Fleitmann. Kaum hat er seinen Satz beendet, da sprudeln die Erinnerungen auch bei den anderen am Tisch nur so los. Es ist schwer, ihnen zu folgen. Die Stimmen gehen durcheinander. Es ist laut in dem kleinen Café.
Ernst Kuhnt, der Älteste am Tisch, bittet um etwas Ruhe: „Wir sollten der Reihe nach vorgehen. Wie sollen Frau Frampton und Herr Kleibold alles verstehen und aufschreiben, wenn wir alle durcheinander reden?“ Ernst Kuhnt war es auch, der in der Dom-Redaktion angerufen und zu diesem Termin eingeladen hatte. Er gehört zu den Initiatoren dieses regelmäßigen Treffens. „Das ist immer wieder schön, schließlich haben sich viele von uns über Jahrzehnte aus den Augen verloren. Die Idee, uns wieder regelmäßig zu sehen, kam während eines Klassentreffens vor ungefähr zehn Jahren. Jetzt sind wir uns wieder sehr vertraut und jeder der Gruppe versucht möglichst regelmäßig freitags daran teilzunehmen“, erklärt Kuhnt.
Bruno Gemke erzählt: „Ich habe zwei Kinder. Wenn ich an ihre Erstkommunion zurückdenke, so merke ich, dass sich deren Erstkommunion grundlegend von meiner eigenen unterschieden hat. Heutzutage bekommen die Kinder viele Geschenke, teils sogar sehr teure. Das war bei mir gänzlich anders: Meine Eltern und ich lebten damals in sehr bescheidenen Verhältnissen.“ Besonders sei ihm in Erinnerung geblieben, dass die Feier im Vorfeld sehr genau besprochen worden sei. Jeder habe genau gewusst, was zu tun gewesen war. „Und so wurde schon Tage vor dem großen Ereignis das ganze Haus, der Gehweg, ja, alles gründlich und penibel gereinigt“, sagt Gemke.
Geschenke gehörten schon immer zur Erstkommunion dazu, genauso wie die Beichte, die die Kinder schon damals nicht zu mögen schienen. Rosemarie Hüttmann versteht bis heute nicht, warum Kinder zur Beichte mussten, schließlich habe kein Kind in dem Alter gesündigt. Und sie erinnert sich noch an eine Fernsehserie: „Um 14 Uhr mussten wir Kommunionkinder in die Andacht, dabei wollte ich doch meine Lieblingsserie im Fernsehen schauen. Das hat mich schon ein bisschen geärgert.“ Die schöne Uhr mit dem rosa Ziffernblatt als Kommuniongeschenk von ihren Großeltern blieb jedoch positiv in Erinnerung. „Das war ein wirkliches Highlight“, sagt Hüttmann.
Rolf Bade bekam ebenfalls eine Uhr zur Erstkommunion. „Das war der Geschenk-Klassiker damals, ebenso wie das Sursum Corda und die dazugehörigen Blumen“, sagt Bade. Überall seien Blumen dekoriert worden und jedes Erstkommunionkind habe Hortensien im Anschluss an den Gottesdienst geschenkt bekommen. „Genauso war es auch bei uns“, sagen Rosemarie Hüttmann und Helga Gremmel fast gleichzeitig. „Früher war mehr Lametta“, heißt es bei Loriot, anscheinend gab es früher auch mehr Hortensien, wie in der neunköpfigen Runde heiß diskutiert wird.
Auch wenn sich einige Erinnerungen inhaltlich an diesem Tag gleichen, so fällt Edmund Lütkemeier noch etwas ein, das bisher von niemandem genannt wurde: „Ich bin ein Jahr eher zur Erstkommunion gegangen als vorgesehen. Das lag daran, dass mein Bruder ein Jahr älter war und um Kosten zu sparen, wurde meine Erstkommunion vorgezogen.“ Trotzdem sei die Feier unvergesslich für ihn gewesen. „Es herrschte Festtagsstimmung und es wurde extra eine Köchin engagiert. Und ich erinnere mich besonders an ein Erstkommuniongeschenk. Von einem Onkel bekam ich eine Brieftasche mit 20 DM, das war damals ein Vermögen.“ Was ein Erstkommunionkind wohl heute als Geldgeschenk erhält? Schnell kursiert diese Frage in der Runde.Mittags, 12.30 Uhr: Der Kaffee ist ausgetrunken, ebenso der Tee. Das Treffen im kleinen Café in Bad Lippspringe neigt sich dem Ende zu. In vier Wochen sieht sich die Gruppe wieder. Und auch dann werden wieder alle über die guten und manchmal auch weniger guten Zeiten „von früher“ reden. Auch das Treffen wird wieder eigene Eindrücke und Geschichten hinterlassen. So wie das heutige, an dem ausnahmsweise wir vom DOM teilnehmen durften.