Großes Finale beim Synodalen Weg
Blick zurück und nach vorn: Deutschlands katholische Kirche zieht Bilanz zu ihrem Reformprojek.
Vor gut sechs Jahren, am Ersten Advent 2019, startete in Frankfurt der Synodale Weg. Unter dem Eindruck einer jahrelangen Kirchenkrise, die der Missbrauchsskandal noch verschärfte, starteten die Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) den Reformdialog zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland. In den folgenden Jahren wurde bei insgesamt fünf Vollversammlungen intensiv diskutiert und gerungen, aber auch geweint und gebetet. Macht, Rolle der Frauen, Sexualmoral und priesterliche Lebensform lauteten die zentralen Themen, und manches kam ins Rollen.
Vom 29. bis 31. Januar kommen die 230 Mitglieder der Synodalversammlung nun noch ein allerletztes Mal zusammen, diesmal in Stuttgart, um Bilanz zu ziehen: Haben die insgesamt 15 verabschiedeten Papiere einen Effekt erzeugt? Wie steht es um die konkrete Umsetzung der Beschlüsse? Wo steht man innerhalb der synodalen Bemühungen der Weltkirche?
Spalter-Vorwürfe
Kritiker hatten dem Synodalen Weg zuweilen vorgeworfen, er führe zu einer Abspaltung von Rom. Und das obwohl sich kein deutscher Bischof auch nur entfernt in diese Richtung äußerte und dies auch nie das Ziel der Laien war. Gleichzeitig war das deutsche Projekt ambitioniert und einzigartig – wiewohl viele der Themen auch in anderen Ländern diskutiert werden. Und es war quasi ein synodaler Frühstart: Papst Franziskus startete erst 2021 die Weltsynode. Den Synodalen Weg in Deutschland begleitete Rom stets kritisch und zeigte mehrfach per Brief Grenzen auf – in der Sorge, dass die Mitstimmung der Laien zu weit gehen würde oder Lehren der Kirche geändert werden könnten.
Mehrmals stand der Synodale Weg aber auch intern auf der Kippe. Bei der vierten Synodalversammlung 2022 scheiterte nach intensiver Debatte überraschend ein Text für eine Liberalisierung der katholischen Sexuallehre am Veto der Bischöfe. Frust und Enttäuschung machten sich breit, Tränen flossen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, nahm seine Mitbrüder vor den darauffolgenden Abstimmungen jedes Mal ins Gebet. Der Schreckensmoment wurde zum Lerneffekt: Man intensivierte die Kompromissfindung – und kein weiterer Text fiel in Zweiter Lesung durch. Hinzu kam, dass fortan auf Antrag jede finale Abstimmung namentlich erfolgte.
15 verabschiedete Papiere
Was hat der Synodale Weg nun alles beschlossen? Zum einen fünf Grundsatzpapiere, drei davon zu den zentralen Themen Frauen, Macht und Priester, ferner zehn Handlungstexte. Drei Papiere – zur lehramtlichen Neubewertung von Homosexualität, zu einer Öffnung des Pflichtzölibats und zum Zugang für Frauen zu sakramentalen Ämtern – sind als Bitten um Prüfung an den Vatikan adressiert. Nur dort kann über solche Änderungen entschieden werden. Ein Handlungstext zur Predigterlaubnis auch für Nicht-Kleriker sieht vor, in Rom um eine Ausnahme von den kirchenrechtlichen Verbotsbestimmungen nachzusuchen.
Mehrere Handlungstexte könnten „ohne Rom“ in den Bistümern umgesetzt werden, wobei keiner rechtlich bindend für den jeweiligen Ortsbischof ist. Dazu gehören, dass trans- und intergeschlechtliche Personen ihren Eintrag im Taufregister ändern und Eltern für ihr Kind bei der Taufe als Geschlechtsangabe „divers“ eintragen lassen können. Gleiches gilt für einen Text zum strengeren Umgang mit Missbrauchstätern. Die Forderung nach einem liberalisierten kirchlichen Arbeitsrecht ist inzwischen abgeschlossen. Kirchenrechtlich schwieriger gestaltet sich die Umsetzung des Papiers für mehr Beteiligung von Laien an Bischofswahlen.
Segnungen für homosexuelle Paare
Der Handlungstext zu Segensfeiern auch für homosexuelle Paare und wiederverheiratete Geschiedene war für viele, gerade auch Außenstehende, das greifbarste Reformergebnis. Der Vatikan zog wenig später mit einem Papier nach, das die zuvor strikt untersagten Segnungen plötzlich ermöglichte – allerdings nur im Prinzip und ganz ohne feierlichen liturgischen Rahmen.
Für die größte Kontroverse mit Rom sorgte das Vorhaben, ein bundesweites Leitungsgremium aus Bischöfen und Laien zu schaffen, in dem beide „Stände“ auch künftig gemeinsam beraten und beschließen. Das Gremium soll zu wesentlichen Entwicklungen in Staat und Gesellschaft Stellung nehmen und Grundsatzentscheidungen zu pastoralen Planungen und Zukunftsfragen der Kirche in Deutschland treffen.
Knackpunkt bei dem Ganzen: Inwieweit werden die Laien an Entscheidungen beteiligt? Und wie bindend sind diese? Nach dem Ende der fünften Synodalversammlung nahm Ende 2023 der sogenannte Synodale Ausschuss mit nominell 74 Mitgliedern seine Arbeit auf und bereitete in den vergangenen zwei Jahren vor allem das neue nationale Gremium – die Synodalkonferenz – vor. Sie könnte Ende 2026 an den Start gehen.
Vier Bischöfe scherten aus
Die Bischöfe Gregor Maria Hanke (Eichstätt), Stefan Oster (Passau), Rudolf Voderholzer (Regensburg) und Kardinal Rainer Maria Woelki (Köln) sprachen sich allerdings von Anfang an gegen eine Mitarbeit im Ausschuss aus – unter Verweis auf Vorbehalte aus dem Vatikan.
Bischofskonferenz und ZdK freilich intensivierten ihren direkten Austausch mit dem Vatikan und reisten mehrfach zu Gesprächen nach Rom, was erkennbar zu einer Verbesserung des Klimas führte. Zudem vereinbarte man, dass Rom die im Synodalen Ausschuss gefassten Beschlüsse bestätigen – „approbieren“ – muss. Die zukünftige Synodalkonferenz, deren Satzung inzwischen vorliegt, könnte also ohne den Segen des Vatikans nicht wie geplant im November starten.
Die Zustimmung scheint aber recht sicher. Bei seiner jetzt bevorstehenden Abschlusssitzung will der Synodale Weg noch die Wahl der fehlenden Mitglieder in der geplanten Synodalkonferenz vorbereiten. Dem neuen Gremium sollen neben den 27 Ortsbischöfen und 27 ZdK-Vertretern noch 27 weitere Vertreter angehören. Außerdem gilt es, die Bistumsleiter aus Köln, Passau, Regensburg und Eichstätt wieder ins Boot zu holen. Ob und wie sie sich in Stuttgart positionieren werden, gehört mit zu den spannendsten Fragen des Treffens.