9 Min.
07.01.2026
Foto / Quelle: T. Wessinghage / Medial Park

„Fitness bedeutet Lebensqualität“

Thomas Wessinghage, ehemaliger Weltklasseläufer, Arzt und Präventionsexperte, hat ein Buch über den Stellenwert der Bewegung für die Gesundheit geschrieben. Im Interview spricht er darüber, warum der Sport auch für seine berufliche Karriere wichtig war, sowie den „inneren Schweinehund“ und über gute Vorsätze für das neue Jahr.

Von Andreas Wiedenhaus

Herr Professor Wessinghage, Ihr Buch trägt den Titel „Lebenselixier Bewegung“ und wir wissen alle, dass Bewegung uns guttut. Warum handeln wir nicht danach?

Diese Frage stellen wir uns seit Jahrzehnten oder spätestens seitdem wir wissen, dass Bewegung genauso wichtig oder vielleicht noch wichtiger ist als viele Errungenschaften der modernen Medizin. Offenbar ist das bequeme Leben so reizvoll, dass wir uns zu gesunder Bewegung nicht aufraffen können.

Oder vielleicht erst dann, wenn es zu spät oder fast zu spät ist.

Das sicherlich auch. Für Menschen war es über Jahrtausende eine Notwendigkeit, sich zu bewegen, um zu überleben. Das Leben war viel härter als heute. Wenn wir auf das Dasein als Jäger, Sammler und Nomaden schauen, dann wissen wir heute, dass die Menschen damals täglich rund 20 Kilometer zurücklegten zu Fuß. Zum Leben und Überleben waren Körperkraft, Ausdauer und Geschick notwendig. Im 20. Jahrhundert hat sich das drastisch geändert. Man könnte meinen, der jahrhundertealte Wunsch des Menschen, sich endlich einmal ausruhen zu können, sei in Erfüllung gegangen. Die aktuellen Generationen tun das exzessiv und mit den entsprechenden Folgen, wie uns die aktuellen medizinischen Daten zeigen. Wir haben über zehn Millionen Diabetiker in Deutschland, wir verzeichnen jährlich rund 350 000 Todesfälle durch Herz-Kreislauf-­Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Das Übergewicht der Menschen explodiert. Man könnte diese Aufzählung noch fortsetzen.

Wo kann man ansetzen, um dem Bewegungsmangel vorzubeugen? Kann das schon im Alltag gelingen?

Auf jeden Fall! Treppe statt Aufzug lautet da die erste Devise! Aber schon dieser leicht umzusetzende Ratschlag klappt nach meiner Beobachtung nur selten. Ich bin relativ oft in Hotels und wundere mich immer, wie lange und geduldig Menschen warten, um dann eine Etage mit dem Aufzug zu fahren.

Wir wissen, was richtig ist, tun aber das Falsche. Zum neuen Jahr wollen viele Menschen das ändern. Zu den guten Vorsätzen gehört oft auch „mehr Sport“ oder zumindest Bewegung. In der Realität erweist sich dann aber der „innere Schweinehund“ als stärker. Wie kann man den überlisten?

Mein persönlicher innerer Schweinehund hat sich vor langer Zeit verabschiedet. Für mich gehören Bewegung und Sport selbstverständlich dazu. Ich frage mich an den meisten Tagen nicht, ob ich mich bewege, sondern eher wie: Laufe ich? Setze ich mich aufs Rad? Rudere ich? Ich habe immer alle meine Aktivitäten aufgeschrieben. Das war schon früher so, als ich noch Leistungssportler war. Um dem Bundestrainer zu zeigen, was ich gemacht hatte, führte ich ein Tagebuch. Das halte ich bis heute so. In einem kleinen Heft steht pro Tag eine Zeile zur Verfügung. Dort notiere ich mit Kürzeln meine Aktivitäten und sehe auf einen Blick, was ich gemacht habe. So entwickelte sich bei mir eine Art positiver Zwang, dafür zu sorgen, dass in dem Heft genug drinsteht. Sonst ist es mir selbst gegenüber peinlich!

Sie haben gerade gesagt, dass sich Ihr innerer Schweinehund schon lange verabschiedet hat. Wie war das in Ihrer Zeit als Leistungssportler?

Ich hatte Ziele vor Augen, für die ich etwas tun musste. Der Bundestrainer Paul Schmidt hat das Training entsprechend gestaltet und gesteigert. Durch mein Studium und die anschließende Arbeit im Krankenhaus gab es natürlich auch Phasen, wo es schwierig war, das unter einen Hut zu bringen. Und sicherlich war ich auch mal müde. Das ist normal, wenn man das tägliche Training und den Beruf vereinbaren muss. Dahinter stand aber weniger dieser innere Schweinehund, der meinte, ich solle das doch sein lassen, als vielmehr eine gewisse körperliche Erschöpfung und die Frage dahinter, ob es sinnvoller war, weiter zu trainieren oder sich eine Zeit auszuruhen, damit das folgende Training wieder besser funktionierte. In diesem Zwiespalt bin ich bis heute.

Aber Sie gehen damit ganz rational um – nach dem Motto „Was ist besser für mich?“.

Auf jeden Fall! Ich habe Pro und Kontra gegeneinander abgewogen. Wenn ich im Winter müde war, stand mein Anspruch dagegen, im kommenden Sommer wieder schnell zu sein! So gesehen war klar, welche Entscheidung zu treffen war. Ich war da eher der zuverlässige Athlet, der sich selbst nichts vormachte und das ausführte, was der Trainer entschieden hatte.

Diese Konstanz spiegelt sich in der langen Zeit Ihrer Erfolge wider, in der Sie die Früchte dieser Einstellung ernten konnten.

Das trifft für die sportliche Seite zu und ist darüber hinaus zu einer Lebenseinstellung geworden, weil ich merkte, dass ich auf der einen Seite eine gewisse Begabung hatte, aber genauso feststellte, dass ich sie nur mit Fleiß auch wirklich umsetzen konnte. Ich habe mich über zehn Jahre in meiner Spezialdisziplin gesteigert und meine größten Erfolge im Alter um die 30 gefeiert. Ich hatte die aktuelle Situation im Blick und gleichzeitig den Anspruch, dass es immer noch weitergeht.

Ein großer Höhepunkt einer langen Karriere: 1982 präsentiert Wessinghage als Europameister über 5 000 Meter die Goldmedaille.
Foto / Quelle: picture alliance

Sie sind 1982 Europameister über 5 000 Meter geworden und haben zu diesem Zeitpunkt auch als Arzt gearbeitet. Haben Sie die medizinische Karriere trotz der sportlichen Karriere verwirklicht oder vielleicht sogar wegen des Sports?

Da ist was dran! Schon sehr früh während meines Studiums wollte ich auf keines von beiden verzichten. Der Sport brachte natürlich Abwechslung in den Alltag, wunderbare Erlebnisse in großen Stadien. Auf der anderen Seite hatte ich das Medizinstudium absolviert und wollte mein Wissen auch anwenden. Diese Zweigleisigkeit war für mich die Ideallösung. Natürlich war das auch mit Kompromissen verbunden: Wenn ich statt im Krankenhaus auf der Trainingsstrecke gewesen wäre, hätte ich in dem ein oder anderen Wettbewerb vielleicht noch besser abgeschnitten. Das habe ich aber in Kauf genommen. Denn letztlich ging es auch immer um die Frage, was ich nach der sportlichen Karriere machen wollte: Eine Lotto-­Stelle zu betreiben, wie es in den 1960er- und 1970er-­Jahren viele ehemalige Fußballer taten, wäre für mich ein Schreckgespenst gewesen. So war für mich immer wichtig, beide Karrieren parallel voranzutreiben.

Sie haben Ihre „gewisse Begabung“ angesprochen. Früher galt man schnell als „unsportlich“, wenn man im Schulsport in den klassischen Disziplinen nicht gut abschnitt. Was kann man als „unsportlicher“ Mensch tun in Sachen Bewegung?

Sicherlich gab und gibt es Menschen, die nicht so viel Begabung haben – etwa zu Dingen, die früher im Schulsport gefordert waren: Aufschwung am Reck, Weitsprung. Aber für Bewegung sind wir alle geeignet. Es geht darum, dem Körper das zu geben, was er braucht – die Bewegung. Über zehntausende von Jahren war Bewegung im wahrsten Sinne des Wortes notwendig, um zu überleben. So wurde im Körper der Bedarf danach geschürt und das ist bis heute so geblieben: Bewegung ist noch immer lebensnotwendig – um fit zu bleiben, um gesund alt zu werden bzw. um überhaupt alt zu werden, Krankheiten zu überstehen oder von vornherein zu verhindern. Dass das funktioniert, ist mittlerweile in zahllosen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen worden.

Ich erinnere mich an eine Stelle in Ihrem Buch, in der es um die Ernährung vor dem Wettkampf geht: Für Sie war das ein Käsebrot, wie Sie schreiben. Sie haben das nicht weiter analysiert, sondern gespürt, das tut mir gut! Heute versuchen viele Hobby-­Sportler, alle Körperfunktionen per Smart­phone oder -watch ständig zu überwachen.

Ich habe selbst so eine Uhr und jeden Morgen macht sie mir einen Trainingsvorschlag. Ich drücke das dann weg, weil ich selbst am besten weiß, was ich will und was ich kann! Wir sollten uns mehr auf unser gesundes Gefühl verlassen, wenn es denn noch vorhanden ist. Es sagt uns ja nach einer gewissen Zeit, wenn wir uns bewegt haben, dass es uns besser geht. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es mir ginge, wenn ich keinen Sport getrieben hätte! Ich werde im Februar 74. Das war, als ich Kind war, schon ein wirklich hohes Alter! Vergangenes Jahr bin ich mit Freunden mit dem Rad – dem Bio-­Bike, wie man heute sagt – über die Alpen gefahren. Das war mit tollen Erlebnissen verbunden. Die hat man aber nur, wenn man einigermaßen fit bleibt! Fitness bedeutet gerade im Alter eben auch Lebensqualität.

Viele meinen heute E-Bike, wenn sie vom Fahrrad sprechen und schwärmen von den Möglichkeiten, die sie nun haben! Wie sehen Sie das als Mediziner?

Gerade, wenn es darum geht, steile Anstiege zu bewältigen, sind E-Bikes unter Umständen eine feine Sache. Mir hat mal ein Patient in Bayern erklärt, dass er damit auf Almen käme, die er mit dem normalen Rad nie erreichen würde. Das mag sein, aber man muss auch wieder runter! Und dann muss man so ein Rad mit seinem hohen Gewicht eben auch beherrschen. Das geht nicht ohne eine gewisse Fitness. Sonst kann das böse enden, wie zahlreiche Fahrradunfälle zeigen.

In Sachen Fitness und Bewegung erleben wir eine Art gespaltene Gesellschaft: auf der einen Seite diejenigen, die viel tun, um möglichst gesund alt zu werden, auf der anderen Seite die, die von der Couch nicht runterkommen und im Notfall auf die Errungenschaften der modernen Medizin setzen. Macht Ihnen das Sorgen?

Das ist nun einmal so, würde ich aus der gewissen Distanz heraus, die ich heute habe, sagen. Diejenigen, die bei allem, was sie tun – ob Beruf, Ehrenamt oder Sport –, engagiert zur Sache gehen, gab es immer. Und angesichts der steigenden Lebenserwartung könnte man auf der anderen Seite auch sagen, dass diejenigen, die sich allein auf den medizinischen Fortschritt verlassen, ja gar nicht so verkehrt liegen. Jetzt kommt allerdings das große Aber: Wir implantieren in Deutschland beispielsweise pro Jahr rund 400 000 Knie- und Hüftgelenke mit steigender Tendenz, es gibt rund 500 000 Krebserkrankungen, die jedes Jahr neu diagnostiziert werden. Die Reihe könnte man noch fortsetzen. Und hinter jeder dieser Zahlen steht ein großes Leid. Im orthopädischen Bereich sind Erkrankungen meistens mit starken Schmerzen verbunden. Wenn ich mit solchen Patienten zu tun hatte, waren sie zuerst sehr motiviert, selbst durch Bewegung zur Gesundung beizutragen. Doch wenn es ihnen dann wieder besser ging, ließ diese Motivation oft nach. Eine etwas bittere Erfahrung für einen Mediziner.

Lassen Sie uns noch einmal zum Sport zurückkommen: Wenn es um die Bildungsmisere geht, ist der Schulsport zwar auch Thema, aber eher als Nebenaspekt. Gerade wurde in Nordrhein-­Westfalen diskutiert, bei den Bundesjugendspielen den Wettkampf-­Aspekt in den Hintergrund treten zu lassen. Was halten Sie davon?

Ich sehe darin einen Mangel an Erkenntnis über das Wesen des Menschen: Wer die Erfahrung macht, für eine Leistung belohnt zu werden oder eben auch nicht, kann daraus lernen. Er oder sie kann mit Enttäuschung reagieren oder es als Ansporn nehmen, besser werden zu wollen. Wenn man das als Kind nicht lernt, wann dann?

Bei allen Erfolgen gab es für Sie als Sportler sicher auch Enttäuschungen: Wie sind Sie damit umgegangen, wenn es mal „nicht so lief“?

Ein Erlebnis ist mir im Gedächtnis geblieben: Mit 19 bin ich ganz überraschend Zweiter bei den Deutschen Meisterschaften über 1 500 Meter geworden bei meiner ersten Teilnahme. Daraufhin bestand die Möglichkeit, zu den Europameisterschaften zu fahren. Meine Zeit bei den Deutschen Meisterschaften lag etwas über der EM-­Norm. Bei einem Sportfest in Bonn versuchte ich, diese Zeit zu laufen. Ich gewann zwar, verpasste aber die Norm um zwei Zehntel. Ich blieb also zu Hause und war sauer. Einen Tag habe ich nicht trainiert. Doch am nächsten Tag habe ich gedacht, ich muss da jetzt ran, um es zu schaffen. Es ging also weiter. Sicherlich war ich öfter mal enttäuscht, doch ich habe dann immer die Chance gesehen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Und wenn es gut lief, hat mich das auch motiviert. In jeder Situation das Positive zu sehen ist für mich zu einer Art Lebensmotto geworden.

Haben Sie selbst gute Vorsätze für 2026?

Für den Sport brauche ich die nicht, weil das für mich zum Leben gehört. Ich freue mich auf das, was kommt. Mein Rat an alle, die sich sportlich etwas für das nächste Jahr vornehmen: Halten Sie zwei, drei Monate durch, dann merken Sie, wie gut Ihnen das tut! Sie werden an den Punkt kommen, dass Sie nicht mehr aufhören wollen. Wenn man nicht mehr laufen muss, sondern will, dann hat man es geschafft.

Info

„Nur ein gutes Fünftel der über 65-­Jährigen in Deutschland bewegt sich ausreichend“, schreibt Professor Dr. Thomas Wessinghage in seinem Buch „Lebenselixier Bewegung“ und zeigt gleichzeitig Wege auf, um „vital statt fix und fertig“ zu sein. Erschienen ist das gut 250 Seiten umfassende Buch im Bonifatius Verlag. Es kostet 24 Euro. ISBN: 978-3-98790-088-4

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