„Es waren individuelle Entscheidungen“
Widerstand aus dem Glauben heraus: Im Interview spricht Dr. Georg Pahlke, Mitglied der Kommission für Kirchliche Zeitgeschichte, über den Zusammenhang zwischen katholischem Glauben und Opposition gegen das Nazi-Regime: Was motivierte Mitglieder des Widerstands? Wie ging die Kirche selbst mit ihnen um?
Waren Katholiken von ihrer Weltanschauung her quasi zur Opposition gegen den NS-Staat verpflichtet?
Das Verhältnis zwischen dem Nationalsozialismus und der katholischen Kirche wurde ja nicht erst mit der Machtübernahme am 30. Januar 1933 zum Problem: Schon in der Weimarer Republik hat die NSDAP eine wichtige politische Rolle gespielt. In dieser Zeit der parlamentarischen Demokratie wahrte die katholische Kirche überwiegend Distanz zu den Nationalsozialisten. Zum einen war Katholiken die Mitgliedschaft in der NSDAP verboten und es wurde auch deutlich gesagt, dass diese Partei nicht wählbar sei. Auf der anderen Seite war die katholische Kirche aber nach den Erfahrungen des Kulturkampfes in politischen Fragen eher zurückhaltend. Sie betrachtete die Zentrumspartei als ihre politische Vertretung.
Sie haben gerade von einer grundsätzlichen Distanz gesprochen. Wenn wir auf die Zeit nach 1933 schauen, waren es aber in erster Linie individuelle Entscheidungen Einzelner, sich gegen die Machthaber zu stellen.
Zuerst einmal stellt sich die Frage, was wir unter oppositionellem Verhalten verstehen. Echter Widerstand erwuchs erst zum Ende der Dreißigerjahre und dann vor allem während des Krieges. Dabei handelte es sich in der Tat um individuelle Entscheidungen, wenn man die Widerstandskämpfer aus kirchlichen Kreisen oder mit kirchlichem Hintergrund betrachtet; etwa bei den Mitgliedern der „Weißen Rose“ oder einigen aus dem Kreis des 20. Juli. Oppositionelles Verhalten finden wir aber auch schon Mitte der Dreißigerjahre, als das Regime einen immer diktatorischeren Charakter bekam und den Menschen mehr und mehr in seiner Gesamtheit beanspruchte. Das ist beispielsweise im Jugendbereich zu beobachten, wo zunehmend kirchliche Verbände und Organisationen verboten wurden. Vielen engagierten jungen Katholiken ging es darum, die eigene Jugendkultur und ihr Gruppenleben zu erhalten und sich nicht gleichschalten zu lassen in NS-Jugendorganisationen wie der HJ oder dem BDM.
Diese Haltung erwuchs daraus, dass der Staat direkt in den Bereich katholischer Jugendkultur eingriff?
Es standen sich zwei Weltanschauungen gegenüber, die jeweils den Menschen ganz beanspruchten, nicht in einer bestimmten Rolle, sondern eben in seiner gesamten Persönlichkeit. Das war in der katholischen Kirche genauso wie im NS-Staat. Es gab relativ viele Katholiken, die sich gegen diese Gleichschaltung durch Staat und Partei wehrten. Kirchlicherseits setzte man 1933 die Hoffnung darauf, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat durch ein Konkordat vertraglich zu regeln. Das stellte sich aber recht bald als Trugschluss heraus: Kirchliche Organisationen wurden reihenweise ab 1934/35 durch Auflagen eingeschränkt und verboten.
Die katholische Kirche als Institution war da in einer Zwickmühle. Wie verhielt sich die evangelische Kirche in diesem Zusammenhang? Hat sie sich eher mit dem NS-Staat arrangiert?
Wenn man sich anschaut, in welchen Regionen die NSDAP während der Weimarer Republik bei den Wahlen den höchsten Zuspruch erhielt, scheint es aufseiten evangelischer Christen weniger Distanz gegeben zu haben. Die grundsätzliche Staatsnähe der protestantischen Kirche war größer, was mit ihrer Geschichte zu tun hat. Demgegenüber wurde den Katholiken bis in die NS-Zeit mangelndes Nationalbewusstsein vorgeworfen, weil ihre „oberste Instanz“ in Rom saß.
Wenn wir jetzt auf die Kriegszeit schauen: Als Deutscher war man grundsätzlich erst einmal patriotisch eingestellt und hinzu kam nach dem Überfall auf die Sowjetunion der Kampf gegen den Kommunismus als gemeinsamen weltanschaulichen Gegner. War das eine Klammer, die die Gegensätze in den Hintergrund drängte?
Aus heutiger Sicht war das sicherlich ein Dilemma, in dem die katholische Kirche steckte: Es gab innerhalb der Kirche – durchaus nachvollziehbar – die Abneigung gegen bzw. sogar die Angst vor dem Bolschewismus. Diese gab es nicht erst seit dem Russland-Feldzug, sondern bereits seit der Russischen Revolution. So gesehen fand man sich in einer gemeinsamen Front mit dem NS-Staat gegen den Kommunismus. Der Russland-Feldzug konnte damit auch als eine Art Kreuzzug gedeutet werden. Man verstand ihn in manchen katholischen Kreisen als Verteidigung christlicher abendländischer Werte gegen den gottlosen Bolschewismus. Viele junge deutsche Soldaten, die aus der katholischen Jugendbewegung kamen, erhielten damit die Möglichkeit, ihren Einsatz im Krieg als Kampf für die christlichen Werte zu sehen. Was natürlich eine totale Illusion war: Denn wenn der Krieg gegen die Sowjetunion gewonnen worden wäre, wäre das kein Siegeszug christlicher Werte gewesen! Trotzdem konnten christliche junge Männer ihren Kriegseinsatz subjektiv positiv deuten, indem sie nicht für den Führer, sondern für Christus kämpften.
Kirchliche Würdenträger verhielten sich in diesem Zusammenhang ebenfalls ambivalent, wie sich auch am Beispiel Kardinal Jaegers zeigt.
Ja, es gibt ja diese irritierenden Äußerungen zum Russland-Feldzug. Das galt aber auch für andere Verantwortliche in der katholischen Kirche.
Gaben solche Äußerungen auf der anderen Seite nicht den Soldaten mit einer kritischen Haltung und ganz sicherlich den wirklich Oppositionellen das Gefühl, allein zu sein?
Es kam nach meiner Einschätzung darauf an, welchen Hintergrund man hatte. Das trifft insbesondere auf die Haltung gegenüber Russland zu: Es gibt in Soldaten-Briefen aus Russland viele Äußerungen, nach denen der Bolschewismus mit seiner Kirchenfeindlichkeit den Glauben völlig zerstört hat. Man findet aber auch Schilderungen von Soldaten, die in Dörfern tiefgläubige Menschen antrafen. Grundsätzlich muss man bei der Haltung zu Russland differenzieren: In der katholischen Jugendbewegung blickte man positiver auf dieses Land – aus einer Art romantisierenden Haltung – als im traditionellen katholischen Milieu. Dort war die Abneigung gegen alles, was auch nur im Ansatz eine Nähe zum Sozialismus hatte, viel größer und grundsätzlicher.
In der ersten Nachkriegszeit tat sich die junge Bundesrepublik schwer mit dem Widerstand gegen das NS-Regime. Wie blickte die katholische Kirche auf Opposition und Widerstand, der christlich oder katholisch motiviert war?
In der frühen Nachkriegszeit wurden Opposition oder Widerstand gegen die NS-Diktatur auch von katholischen Kreisen durchaus distanziert betrachtet und beurteilt. Man hatte Schwierigkeiten damit, sie als christlich motivierte Gewissensentscheidungen zu akzeptieren. Nehmen wir das Beispiel Franz Jägerstätter: Der junge Landwirt aus Österreich hat als Katholik aus Gewissensgründen den Dienst in der Wehrmacht verweigert. Deshalb wurde er 1943 hingerichtet. Nach dem Krieg sollte im Bistumsblatt der Diözese Linz ein Artikel über ihn erscheinen, was der Diözesanbischof Fließer verbot, weil Jägerstätters Haltung seiner Meinung nach den katholischen Moralvorstellungen widersprochen habe. In ähnlicher Weise erhob der Generalvikar in Freiburg Einspruch gegen einen Zeitschriftenartikel über ein Mitglied der „Weißen Rose“. Er verlangte vom Herder Verlag den Abdruck eines Vorspanns, in dem darauf hingewiesen wurde, dass die Aktivitäten der „Weißen Rose“ mit den christlichen Moralgrundsätzen unvereinbar gewesen seien.
Spielte dabei vielleicht die Tatsache eine Rolle, dass einem durch das Verhalten solcher Menschen aus dem Widerstand auch der Spiegel vorgehalten wurde, was die eigene Rolle in der NS-Zeit betraf?
Das ist nicht auszuschließen, denn man muss wissen, dass die katholische Kirche in der unmittelbaren Nachkriegszeit als eine der wenigen Institutionen in Deutschland galt, die nicht unmittelbar in die NS-Ideologie verstrickt war. Mit diesem Bild konnte man kirchlicherseits natürlich gut leben. Massiv angekratzt wurde es erst mit der Uraufführung von Hochhuths „Stellvertreter“ 1963.
Zur Person
Die Kommission für Kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn wurde 1978 von Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt eingesetzt, um „die politische und soziale Wirksamkeit der Katholiken im Erzbistum Paderborn im 20. Jahrhundert zu erforschen“.