Erstmals werden die Gebeine des Franz von Assisi gezeigt
Zum 800. Todestag: Persönliche Begegnung mit einem „Superheiligen“.
Es war schon Nacht, als sich Ordensmänner in schwarzen und grauen Gewändern über ein schlichtes Gefäß mit jahrhundertealten Knochenresten beugten: die Reliquien des heiligen Franz von Assisi (1182-1226), entnommen seinem Grab in der Krypta der nach ihm benannten Basilika in seiner Geburtsstadt Assisi. „Das war ein sehr bewegender Moment, die sterblichen Überreste jenes Mannes zu sehen, der bis heute so viele Menschen begeistert“, erinnert sich Bruder Thomas Freidel, seit 18 Jahren Pilgerseelsorger für die deutschsprachigen Gäste in Assisi, an das einzigartige Ereignis 2015. „So etwas schafft eine emotionale Verbindung über die Zeit hinweg.“
Ähnliche Erfahrungen wollen die Franziskaner nun vielen Menschen ermöglichen: Erstmals überhaupt werden im 800. Todesjahr des Heiligen seine Reliquien einer großen Öffentlichkeit gezeigt, und das für einen ganzen Monat. Am 21. Februar wird der Päpstliche Beauftragte, Kardinal Àngel Fernández Artime, in einer feierlichen Zeremonie den Plexiglassarg von der Krypta hinauf in die Unterkirche der Basilika San Francesco bringen. Bis zum 22. März sind Menschen aus aller Welt eingeladen, an der „Zurschaustellung“ der von Alter und Feuchtigkeit porösen und geschwärzten Knochen des „Superstars“ unter den Heiligen teilzunehmen.
Über 10.000 Besucher pro Tag
„Wir wollen mit der Aktion nicht irgendeine Sensationslust befriedigen, sondern ein spirituell-theologisch fundiertes Angebot machen“, stellt Bruder Thomas klar, seit fast 40 Jahren Mitglied der Franziskaner-Minoriten und Mitorganisator der Aktion. Seit am 4. Oktober die Internetseite „San Francesco vive“ (Der heilige Franziskus lebt) freigeschaltet wurde, haben bereits über 300.000 Menschen ein Besuchs-Zeitfenster oder eine der Führungen in Italienisch, Spanisch, Französisch, Englisch, Polnisch oder Deutsch gebucht. Für Letztere ist der gebürtige Pfälzer Freidel zuständig.
Nach einer kurzen historischen und geistlichen Einführung betreten die Gruppen den Altarbereich der Unterkirche, wo der Sarg mit den Reliquien platziert sein wird. Am Ende besteht in eigenen Bereichen der Kirche mit den einzigartigen romanischen Fresken die Möglichkeit zu Gebet, Beichte, persönlichem Segen und Tauferneuerung.
Quer über den Hof geht es zur gotischen Oberkirche, wo mehrmals am Tag Gottesdienste stattfinden – das ganze Jubiläumsjahr über. Ebenso wird es Konzerte, eine eigene Jugendwallfahrt und Pilgertouren verschiedener Gruppen und Bistümer geben. Außerdem hat Papst Leo XIV. sein Kommen angekündigt. Weitere Höhepunkte finden um den Gedenktag des Heiligen am 4. Oktober statt.
Ein Kraftakt und eine logistische Herausforderung, die Bruder Thomas aber nicht scheut. „Es ist alles professionell organisiert.“ Für die Reliquienausstellung ist gerade auf dem Vorplatz der Basilika ein großes Zelt als Wartebereich für 1.500 Leute aufgebaut worden. Für Einlasskontrollen und Hilfestellungen aller Art stehen über 100 Freiwillige bereit. Und die rund 55 Franziskaner um Bruder Thomas erhalten Unterstützung von 25 Mitbrüdern aus der ganzen Welt.
Schon in normalen Jahren kommen etwa fünf Millionen Besucher an den Ort, wo der radikale Botschafter von Demut, Armut und Liebe wirkte. Viele dieser Gäste aus der ganzen Welt wissen nur wenig über den Heiligen, erzählt Pilgerseelsorger Freidel. „Die Leute erahnen in Franziskus eine Art Sehnsuchtsgestalt, die die Dinge verkörpert, die eigentlich jedem Menschen im Leben wichtig sein sollten: die Verbindung mit Gott, der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, der Blick auf die Schöpfung und die Versöhnung zwischen den Religionen.“
Habit und handgeschriebene Briefe
Die Basilika in Assisi bietet viele Gelegenheiten, Franziskus zu begegnen. In der Unterkirche befindet sich sein Originalgewand. An vielen Stellen ist der graue Habit geflickt und schadhaft. Auch ein Brief des Heiligen, der sein Leben als reicher Kaufmannssohn für ein Dasein in absoluter Armut aufgab, sowie seine handgeschriebene Ordensregel sind zu sehen.
In der Krypta darunter steht der Altar, auf dem der Sarkophag mit der Aufschrift „San Francesco“ ruht. 1230, vier Jahre nach Franziskus‘ Tod, wurde sein Leichnam von der Basilika Santa Chiara in die Unterkirche gebracht und 3,50 Meter tief in Erdreich und Felsen eingelassen, eingemauert, verschlossen und fast vergessen – für knapp 600 Jahre.
1818 erteilte Papst Pius VII. den Franziskanern die Erlaubnis, nach dem Grab zu forschen. Man entdeckte es, untersuchte die Knochen auf Echtheit und umbaute alles mit einer neuen Krypta unter der Unterkirche. Bei einer weiteren Öffnung 1978 finden erneut eingehende wissenschaftliche Untersuchungen statt. 2015 soll abermals der Erhaltungszustand der Reliquien kontrolliert werden. „Wir haben die Gebeine nach oben in die Unterkirche gebracht, und mit allen Franziskanern aus der Umgebung ein Abendgebet vor den Reliquien gehalten, und sie dann wieder eingesetzt“, fasst Freidel zusammen.
Diesmal findet die Schau am helllichten Tag statt. Denn die Reliquienausstellung habe nichts Makaber-Mystisches, sagt Bruder Thomas. „Zum einen geht es um die klassische katholische Auffassung, dass wir nicht nur die Seele, sondern auch den Leib für wichtig halten, und dass der Mensch in den sterblichen Überresten noch irgendwie präsent ist“, erklärt der Diakon. „Außerdem erinnert uns der Anblick daran, was von jedem von uns bleiben wird am Ende.“
Aber Angst vor dem Tod wollen die Franziskaner nicht schüren, im Gegenteil: Franziskus habe mit seinem Sonnengesang dem Tod eine positive Konnotation gegeben. „Er hat ‚Sorella Morte‘, Schwester Tod, willkommen geheißen als Wegweiser zum Ewigen Leben.“ Diesen tröstlichen Gedanken, so wünscht es sich Bruder Thomas Freidel, sollten die Besucher aus Assisi mit nach Hause tragen.
KNA