5 Min.
07.10.2026
Ob Kirchenneubauten, Umgestaltungen oder die künftige Nutzung von Kirchengebäuden: Architekt Heinrich Micus (links) und Pfarrer Andreas Kurte (rechts) befassen sich in der Kunstkommission des Erzbistums Paderborn intensiv mit den drängenden Fragen im Umgang mit sakraler Kunst und Architektur.
Foto / Quelle: Benjamin Krysmann / Erzbistum Paderborn

Eine Kirche ist mehr als ihre Mauern

Ein Gespräch mit Pfarrer Andreas Kurte und Architekt Heinrich Micus über den Umgang mit Kirchen und die Zukunft besonderer Orte.

Paderborn

Immer mehr Kirchengemeinden stehen vor Entscheidungen, die Generationen vor ihnen nicht treffen mussten. Die Gemeinschaft der Gläubigen wird kleiner, die finanziellen Mittel geringer. Gebäude, die über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte Mittelpunkt eines Ortes waren, können nicht überall in der bestehenden Form erhalten werden. Doch mit jeder Kirche verbinden sich persönliche Lebensgeschichten: Menschen wurden dort getauft, haben geheiratet, von Verstorbenen Abschied genommen oder einen Moment der Stille gefunden.

Was geschieht mit diesen Orten, wenn ihre ursprüngliche Bestimmung endet? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Kunstkommission des Erzbistums Paderborn in neuer Intensität. Als beratendes Gremium unterstützt sie den Erzbischof von Paderborn mit fachlicher Einschätzung bei sensiblen Fragen der Umnutzung und Profanierung von Kirchen. Sie entscheidet nicht selbst und besitzt kein Vetorecht, kann aber fachlich begründete Bedenken in den Entscheidungsprozess einbringen.

Zwei Perspektiven auf denselben Raum

Zwei Mitglieder prägen diese Beratungen seit vielen Jahren: der Architekt Heinrich Micus und Pfarrer Andreas Kurte. Heinrich Micus blickt als Architekt zuerst auf Proportionen, Licht, Materialien und Baukultur. Gute Architektur könne Menschen berühren und eine Atmosphäre schaffen, die sich nicht beliebig herstellen lasse. Pfarrer Kurte denkt primär an die Menschen und ihre Lebensgeschichten. „Ein Kirchenraum ist nie nur Architektur. Er wird durch das geprägt, was Menschen dort erlebt oder geglaubt haben.“

Die Arbeit der Kunstkommission hat sich grundlegend gewandelt. Während früher Neubauten oder Neugestaltungen im Fokus standen, geht es heute überwiegend um Umnutzung und Profanierung. Pfarrer Kurte bringt das zentrale Dilemma auf den Punkt: „Wir müssen gucken: Investieren wir in Steine oder investieren wir in Menschen?“ Dies ist kein Plädoyer gegen Gebäude, sondern die Frage nach deren eigentlichem Auftrag. Sie sollen Menschen helfen, ihren Glauben zu leben und zu feiern und Gott zu begegnen. Daran müsse sich auch heute die Frage orientieren, welche Gebäude dauerhaft gebraucht würden.

Jede Kirche bringt ihre eigene Geschichte mit. Jede Nachnutzung verlangt ein sorgfältiges Abwägen. Heinrich Micus plädiert für lösungsorientierte Zurückhaltung: „Lieber eine Nachnutzung, die möglichst wenig verändert, als eine Nachnutzung, die mit gewaltigem Aufwand das Gebäude so verändert, dass nur noch eine historische Schicht übrigbleibt.“ Zudem scheitern spektakuläre Umnutzungen in der Praxis oft an enormen Kosten und Zeitaufwänden.

Die Mitglieder der Kunstkommission des Erzbistums Paderborn vor einer ihrer Beratungen: (v.l.n.r.) Pfarrer Andreas Kurte, Heinrich Micus, Diözesanbaumeisterin Carmen Matery-Meding, Domdechant Msgr. Dr. Gregor Tuszynski, Susanne Montag, Professor Dr. Stephan Wahle, Karin Wermert (Team Kunst), Domkapitular em. Prälat Theodor Ahrens und Kommissionsleiter Dr. Holger Kempkens.
Foto / Quelle: Benjamin Krysmann / Erzbistum Paderborn

Entscheidend ist, ob eine neue Nutzung den Charakter des Kirchenraums respektiert. Auch die Ausstattung muss in die Überlegungen einbezogen werden: Altäre, Kreuzwege, Fenster, Orgeln und Glocken sind Teil eines gewachsenen Zusammenspiels von Architektur, Liturgie und Kunst. Nicht alles muss ausgebaut werden, aber auch nicht alles kann am Ort bleiben.

Wie differenziert die Kunstkommission vorgeht, zeigen zwei Praxisbeispiele: In St. Barbara in Herne-Elpeshof empfahl sie, die prägenden Farbfenster des Künstlers Josefthomas Brinkschröder auszubauen und zu sichern. Diese Empfehlung wurde später im Profanierungsdekret berücksichtigt. In St. Josef in Lemgo-Brake sprach sich die Kunstkommission dagegen dafür aus, ein prägendes Wandbild am Ort zu erhalten und bei der Nachnutzung dauerhaft zu schützen.

Die Kunstkommission versteht sich dabei nicht als Gremium, das Entscheidungen lediglich bestätigt. Pfarrer Kurte betont: „Wir sind kein Kopfnicker-Gremium“. Sie wolle Entscheidungen auch nicht verhindern, sondern dazu beitragen, dass diese gut begründet und verantwortbar getroffen würden. Ihre fachliche Einschätzung ergänze dabei die pastoralen und wirtschaftlichen Überlegungen, ohne sie zu ersetzen.

Landmarken und Orte der Identität

Kirchen sind nicht nur kirchliche, sondern auch städtebauliche Orientierungspunkte, sogenannte Landmarken. Wer eine Kirche verliert, verliert oft einen Teil der Identität eines Ortes. Heinrich Micus wirbt deshalb dafür, Kommunen und Städte frühzeitig einzubinden. Die Zukunft eines Kirchengebäudes sei häufig nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine städtebauliche und gesellschaftliche Frage.

Pfarrer Kurte ergänzt, dass Kirchen emotional oft weit mehr Menschen gehören als nur den aktiven Kirchgängern. Rechtlich gehören sie den Kirchengemeinden, doch sie sind zugleich Erinnerungsorte und Teil der Geschichte von Familien und Orten.

Wie stark diese Bindung ist, zeigt ein Beispiel aus Ostdeutschland, das Heinrich Micus nennt. Dort setzten sich selbst Menschen ohne Kirchenmitgliedschaft engagiert für den Erhalt ihrer Dorfkirche ein, weil sie diese als Heimat verstünden. „Ich habe Dörfer erlebt, in denen praktisch niemand mehr der Kirche angehört. Aber wenn die Dorfkirche gefährdet ist, setzt sich plötzlich das ganze Dorf für sie ein.“

Solche Erfahrungen zeigen, dass sich die Bedeutung einer Kirche nicht allein an der Zahl der Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer messen lässt. Zugleich unterstreichen sie, wie wichtig es ist, die Menschen vor Ort und ihre Perspektiven bei Überlegungen zur Zukunft eines Kirchengebäudes ernst zu nehmen.

Verantwortung für Anvertrautes

Der Wandel kirchlicher Gebäude ist historisch nicht ohne Beispiel. Heinrich Micus erinnert daran, dass die Kirche bereits in früheren Jahrhunderten tiefgreifende Veränderungen erlebt hat. Gebäude seien erweitert, umgestaltet oder anderen Nutzungen zugeführt worden. Das sei jedoch kein Freibrief für beliebige Lösungen: Nicht jede Nutzung passe zu jedem Gebäude. Entscheidend sei, ob eine Lösung dem jeweiligen Ort gerecht werde.

Nicht jede Kirche wird dauerhaft als Gotteshaus erhalten bleiben können. Doch die Entscheidung über ihre Zukunft darf weder rein wirtschaftlich noch überstürzt getroffen werden. Gebäude sind wichtig, aber kein Selbstzweck. Sie sollen Gottesdienst ermöglichen, Menschen Heimat geben und Gemeinschaft fördern. Die Zukunft der Kirchenräume verlangt deshalb sowohl den geschulten Blick auf Architektur, Kunst und Baukultur als auch das Verständnis für die Menschen und ihren Glauben. Oder wie Pfarrer Kurte es zusammenfasst: „Wir müssen verantwortlich mit dem umgehen, was uns anvertraut ist.“

Stichwort:  Kunstkommission

Die Kommission für kirchliche Kunst des Erzbistums Paderborn ist ein unabhängiges Beratungsgremium des Erzbischofs von Paderborn. Ihr gehören Fachleute aus Architektur, Kunstgeschichte, Liturgie, Theologie und Denkmalpflege an. Sie befasst sich mit Fragen der sakralen Kunst und Architektur, etwa bei Kirchenneubauten, Umgestaltungen oder der künftigen Nutzung von Kirchengebäuden.

In den vergangenen Jahren hat sich der Schwerpunkt ihrer Arbeit verändert. Heute beschäftigt sich die Kommission zunehmend mit Profanierungen, also der Entwidmung eines Kirchengebäudes als Gotteshaus, sowie mit der Frage, wie Kirchen und ihre künstlerische Ausstattung verantwortungsvoll erhalten, weitergenutzt oder gesichert werden können.

Die Kunstkommission tagt aktuell durchschnittlich sechsmal im Jahr und berät dabei jeweils fünf bis sechs Vorhaben. Sie besitzt kein verhinderndes Vetorecht, sondern bringt ihre fachliche Einschätzung in den kirchlichen Entscheidungsprozess ein und kann dabei auch deutlich begründete Bedenken formulieren.

pdp

Hintergrund

1.214 Kirchen und Kapellen werden im Erzbistum Paderborn derzeit für Gottesdienste und kirchliches Leben genutzt. Seit 2015 wurden 33 Kirchen aus der Nutzung genommen. Je nach örtlicher Situation wurden sie umgenutzt, veräußert oder zurückgebaut. Die Immobilienstrategie des Erzbistums Paderborn ist ergebnisoffen angelegt. Über die Zukunft einzelner Kirchen entscheiden die Kirchengemeinden vor Ort im Rahmen ihrer Immobilienprozesse. Eine verbindliche Zahl künftig aufzugebender Kirchen gibt es nicht.
Ziel der Immobilienstrategie ist es, kirchliche Gebäude langfristig so weiterzuentwickeln, dass sie pastoralen Anforderungen entsprechen und zugleich wirtschaftlich tragfähig bleiben. Dazu gehören sowohl neue Nutzungskonzepte als auch – wo erforderlich – die Aufgabe einzelner Gebäude. (Stand: 30. September 2026)

0 Kommentare
Älteste
Neuste