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27.03.2026
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Ein Ort für Sorgen und Hoffnung

In Borgentreich im Kreis Höxter befindet sich eine Lourdesgrotte, die als die größte ihrer Art in Westfalen gilt.

von Christina Frampton und Patrick Kleibold
Borgentreich

1945, die Endphase des Zweiten Weltkrieges. Auch der Kreis Höxter wird Ziel von amerikanischen Bombenangriffen. Überall suchen Menschen Schutz, wo immer sie können. Auch die Bewohnerinnen und Bewohner von Borgentreich versuchen sich in Sicherheit zu bringen. Unter ihnen ist ein kleiner Junge, der sich mit mehreren Menschen im Felsvorsprung der nachgebauten Lourdesgrotte versteckt. „Das ist meine erste Erinnerung an die Grotte“, erzählt Johannes Kremper heute. Mittlerweile ist der kleine Junge von damals 89 Jahre alt und kommt täglich zur Grotte – und das bereits seit über 25 Jahren. „Morgens entferne ich die alten Kerzenreste, stelle neue Kerzen auf und mache alles besenrein. Abends wird die Kasse gelehrt.“

Ehrenamtliches Team kümmert sich täglich um die Lourdesgrotte

Doch Kremper ist nicht der Einzige, der sich ehrenamtlich für die Grotte einsetzt. Rund 30 Mitglieder zählt der Förderverein, der im vergangenen Jahr gegründet wurde. Die aktiven Helferinnen und Helfer vor Ort sind alle bereits im Ruhestand. „Wir sind ein Team aus vier Frauen, die immer freitags kommen und uns um die Beete und die Figuren kümmern“, erklärt Anita Hillebrand, die seit sechs Jahren dabei ist. „Wir haben auch eine Grotten-WhatsApp-­Gruppe, in der wir uns absprechen und auch mal einen Dienst tauschen können.“ Etwa zwei Stunden dauert dieser „Freitagsdienst“. Im Herbst, wenn die Blätter fallen, kann es vorkommen, dass auch zweimal in der Woche gefegt werden muss.

Johannes Kremper kommt täglich zur Grotte. Er engagiert sich in ­Borgentreich bereits seit 25 Jahren ehrenamtlich.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

„Die Grotte gehört einfach zu unserem Ort dazu“, sagt Hillebrand. Nicht nur die Ortsansässigen zieht es an diesen Marienwallfahrtsort. Menschen aus der ganzen Region kommen hierher, um zu beten oder Trost zu finden. Wie groß das Bedürfnis auch in der heutigen Zeit noch ist, zeigen die Kerzen. „Im Schnitt werden täglich um die 120 Kerzen angezündet. Am Wochenende sind es meistens doppelt so viele“, sagt Kremper. Natürlich sei der Zulauf auch stark jahreszeitenabhängig, im Sommer kommen mehr Menschen als im Winter. Auch Gruppen aus Schulen, Altenheimen oder Frauengemeinschaften machen Halt an der Grotte. Das könnte auch erklären, warum ein Gehstock bereits seit über sechs Wochen in der Grotte steht. Hat ihn jemand vergessen oder wird er nicht mehr gebraucht?

Die Anliegen der Menschen, die Zuflucht, Trost und Hilfe in Notlagen in der Grotte suchen, reichen von Alltagsproblemen bis hin zu existenziellen Krisen. Das bestätigt auch Anita Hillebrand: „Wir Borgentreicher kommen hierher mit unseren großen und kleinen Sorgen.“ Bevor sie in den Urlaub fährt, steckt sie zum Beispiel immer eine Kerze an. „Oder wenn ein Kind eine schwere Klassenarbeit schreibt“, ergänzt ihre Kollegin Luise Herbold-­Rose. Während sie spricht, kommt eine Besucherin, stellt eine Kerze auf und bleibt kurz still stehen. Einer der regelmäßigen Gäste ist auch ein älterer Herr, der täglich mit seinem Akkordeon ein Lied für die Marienfigur spielt.

Menschen suchen Zuflucht, Trost und Ruhe in der Lourdesgrotte

„Viele genießen hier auch einfach die Ruhe“, sagt Herbold-­Rose. Und ruhig ist es hier tatsächlich. Keine viel befahrene Straße liegt in unmittelbarer Nähe. Der Marienwallfahrtsort liegt geschützt von Bäumen in einem ehemaligen Steinbruch. Dort stehen Bänke zum Verweilen, schaut man nach oben, sieht man die Marienfigur in der Felsenhöhle. Sie trägt ein weißes Gewand und einen blauen Gürtel, der auf die Schwangerschaft mit Jesus hinweisen soll. Einen Rosenkranz hat sie am Arm und eine goldene Rose liegt zu ihren Füßen – genauso wie beim Vorbild aus Lourdes. Außerdem hat sie ihre Hände zum Gebet gefaltet und trägt auf dem Kopf einen Kranz aus zwölf Sternen.

Auch im Wallfahrtsort Kleinenberg bei Lichtenau gibt es eine Nachbildung der Mariengrotte.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Johannes Kremper ist bereits viermal mit seiner Frau nach Lourdes gepilgert. Der berühmte Wallfahrtsort liegt im südfranzösischen Massabielle und hat eine eigene Quelle, die viele als Heilquelle betrachten. In dieser Felsenhöhle soll laut Überlieferung im Jahr 1858 der jungen Bernadette von Soubirous die Gottesmutter Maria erschienen sein. „Wenn im Winter der Schnee schmilzt, haben wir hier in unserer Grotte in Borgentreich auch so eine Art Wasserlauf“, erzählt Kremper schmunzelnd. „Fast so wie in Lourdes.“

„Diese Nachbildung der Lourdesgrotte ist in den Jahren um 1900 durch Eigenleistung der Bürger von Borgentreich entstanden.“ So steht es auf einer Tafel am Eingang der Grotte. Kremper hat sich intensiv mit der Geschichte beschäftigt und hat alte Schulchroniken durchforstet. Anlass für den Bau war eine Erkrankung des damaligen Schulleiters. Seine Schwester, Fräulein Fiorentini, war nach Lourdes gereist und kam mit dem Entschluss zurück, eine Nachbildung des Wallfahrtsortes in Borgentreich zu errichten. Die Teilnahme an der Wallfahrt nach Lourdes hatte sie tief beeindruckt. Sie steckte die Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Idee an und begann, Spenden zu sammeln für ihr Vorhaben. Gemeinsam mit dem Steinbildhauer Clemens Brilon übernahm sie die Planung und Leitung des Vorhabens. Rund 250 Ackerwagen mit Steinen aus dem Nachbarort Lütgeneder sollen nötig gewesen sein, um die Anlage getreu nach dem französischen Vorbild nachzubilden.

Im Laufe der Jahre reiste Fräulein Fiorentini erneut nach Lourdes, nachdem ihr Bruder wieder erkrankt war. Sie kam mit neuen Ideen zurück. Die Figur der Bernadette wurde vor der Marienfigur aufgestellt, allerdings war dieser Platz einigen Dorfbewohnern zu zen­tral. Schließlich erhielt sie weiter abseits ihre eigene Nische in der Felswand. Auch eine Figur des heiligen Bernhard kam hinzu, dem Namenspatron der Bernadette. „Den Segen aus Rom haben wir auch“, sagt Kremper stolz, als er auf eine Urkunde mit dem Bildnis des früheren Papstes Paul VI. zeigt – ein päpstlicher Segen für Arme und Kranke, die den weiten Weg bis nach Lourdes nicht zurücklegen können.

Die Anliegen der Menschen, die Zuflucht, Trost und Hilfe suchen, reichen von Alltagsproblemen bis hin zu existenziellen Krisen.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Borgentreich ist nicht der einzige Ort in Ostwestfalen, der nachgebildete Lourdesgrotten hat. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden gehäuft in der katholischen Welt diese Nachbildungen. Sie sind kleine Gebetsorte in der Natur – an Wegen, in Wäldern und auf Plätzen.

In Salzkotten etwa steht eine Mariengrotte an der ­St.-Johannes-Kirche und beherbergt eine Darstellung Mariens als Königin mit dem Kind auf dem Arm. In Schwaney befindet sich eine Lourdesgrotte an der Landstraße, begleitet von einer Tafel, die um sicheres Geleit bittet.

Viele kommen in die Lourdesgrotte zurück, um Danke zu sagen

Auch im Wallfahrtsort Kleinenberg bei Lichtenau gibt es eine Nachbildung der französischen Wallfahrtsstätte. Fast zwanzig Jahre stand dort eine Lourdesmadonna zunächst in der für sie erbauten Brunnenkapelle, bis 1914 dann für sie eine Grotte in den Fels gehauen wurde. Das Quellwasser aus dem „Mutter-Gottes-­Brunnen“ ist auch als Augenwasser bekannt. Viele Pilgerinnen und Pilger waschen sich auch heute noch die Augen, wenn sie diesen Ort besuchen.

Auch wenn die Kirche solchen Formen der Volksfrömmigkeit mitunter kritisch gegenübersteht, bleibt für viele Menschen das Bedürfnis, ihren Glauben im Alltag zu leben. Die Gründe für solche Andachtsorte sind vielfältig, wie auch die Sorgen der Menschen. Oft war es eine Bitte um Hilfe, aus Dankbarkeit nach überstandener Krankheit oder als tiefe Verehrung der Gottesmutter, die vielen Gläubigen Geborgenheit und Schutz vermittelt.

Setzen sich für die Grotte ein (v. l.): Gisela Bornemann, Johannes Kremper, Anita Hillebrand, Rudi Söthe, Christel Hengel, Erich Bannenberg und Luise Herbold-­Rose.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Kremper hat das in all den Jahren beobachtet: „Viele kommen hierher mit ihren Anliegen und Sorgen, zünden ein paar Kerzen an und verbleiben noch etwas im Gebet“, sagt er. „Sie gehen mit Hoffnung und Vertrauen und kommen später zurück, um Danke zu sagen.“ Das bestätigen auch die zahlreichen kleinen Votivtafeln, die an den Steinwänden der Grotte hängen. Sie sind ein stilles Zeichen dafür, wie viele Menschen hier Trost gefunden haben.Die Lourdesgrotten in Westfalen ziehen nicht nur Orts­ansässige an. Auch Menschen von weit her kommen, um zu beten oder um eine Kerze anzuzünden.

Hintergrund

Marienerscheinungen soll es bereits in frühchristlicher Zeit gegeben haben. Nicht alle wurden jedoch von der Kirche anerkannt. In Deutschland existieren bislang keine kirchlich approbierten Marienerscheinungen. Dafür gibt es weltweit etwa 30 Orte mit offiziell anerkannten Erscheinungen. Zu den bekanntesten Wallfahrtsstätten zählen Lourdes in Frankreich, Fátima in Portugal und Guadalupe in Mexiko. An manchen anderen Pilgerstätten ist die öffentliche Verehrung der Gottesmutter gestattet. An all diesen Orten haben sich im Laufe der Zeit besondere Darstellungen von Maria entwickelt.

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