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08.10.2026
Das große Kunst­projekt lädt zu einem Treffen mit fünf Weltreligionen ein.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Ein Ort der interreligiösen Begegnung

Inmitten einer ehemaligen Bergbaulandschaft in Hamm ist ein ein einzigartiges Kunst- und Dialogprojekt, das die fünf großen Weltreligionen vereint, entstanden.

Von Patrick Kleibold
Hamm

Wer sich der westlichen Flanke des Lippeparks in Hamm nähert, erlebt einen bewussten und fast schon meditativen Wandel der Kulisse. Die offene, dynamische Wiesenlandschaft, auf der am Wochenende Familien picknicken und Jugendliche Sport treiben, weicht Schritt für Schritt einem ruhigen, von Bäumen gesäumten Areal. Genau an der Schnittstelle, an der sich zwei Hauptwege kreuzen, entfaltet sich eine architektonische und künstlerische Komposition: der „Ort der interreligiösen Begegnung“.

Wo einst auf der Schachtanlage „Franz“ tief unter der Erde Kohle gefördert wurde und das staubige, indus­trielle Herz der Region schlug, erstreckt sich heute ein weitläufiges Areal für Sport, Freizeit und inneren Frieden. Es ist ein Ort, der weit über die Grenzen Nordrhein-­Westfalens hinaus als ein Beispiel dafür dient, dass ein friedliches Nebeneinander der verschiedenen ­Welt­religionen keine Utopie sein muss, sondern architektonische und gesellschaftliche Realität werden kann.

Fünf Tore für die Weltreligionen Buddhismus, Hinduismus, Islam, Christen- und Judentum.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Der Ursprung dieses Projektes liegt in der tiefgreifenden, schmerzhaften, aber letztlich fruchtbaren Transformation der Stadt Hamm begründet. Mit dem endgültigen Ende des traditionellen Steinkohlebergbaus standen weite Teile des Stadtgebietes vor einer historischen Herausforderung. Insbesondere im Bereich der vom Bergbau geprägten Stadtbezirke Herringen und Pelkum blickten die Menschen nach dem Aus der Zeche in eine ungewisse Zukunft; die Region stand vor einem radikalen Strukturwandel. Die Schachtanlage „Franz“, die jahrzehntelang das wirtschaftliche Rückgrat der Region bildete und Tausenden von Menschen Arbeit gab, wurde stillgelegt. Was blieb, war eine riesige, graue Industriebrache, die den Niedergang einer Ära symbolisierte.

Doch die Verantwortlichen und die Bürger der Stadt wollten sich mit dem Stillstand nicht abfinden. Zwischen den Jahren 2009 und 2012 wurde diese gigantische Fläche im Zuge eines Bürgerbeteiligungsprozesses in den Lippepark Hamm umgewandelt. Während der Großteil des weitläufigen Parks gezielt für vitale Freizeitaktivitäten, weitläufige Kinderspielplätze und modernen Funsport ausgelegt wurde, suchten die Stadtplaner und engagierten Bürger nach einer tiefergehenden Möglichkeit. Sie wollten der sozialen, kulturellen und vor allem religiösen Vielfalt der Bevölkerung ein dauerhaftes, unübersehbares Denkmal setzen.

Spirituelles Kunst- und Dialogprojekt

Ein Sprecher der Stadtentwicklungsgesellschaft betonte während der Planungsphase die historische Dimension des Vorhabens: „Der Ort der interreligiösen Begegnung im Lippepark Hamm ist ein einzigartiges spirituelles Kunst- und Dialogprojekt auf einem ehemaligen Zechengelände, das die fünf großen Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus gestalterisch zusammenführt.“ Eingebettet in eine harmonisch gestaltete Park- und Haldenlandschaft verbindet diese Stätte heute auf sensible Weise die industrielle Vergangenheit des Ruhrgebiets mit den Anforderungen und Hoffnungen einer modernen, multikulturellen Gesellschaft.

Fünf Weltreligionen sind vertreten.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Die Idee für diesen Begegnungsort entsprang direkt den Impulsen der lokalen Zivilgesellschaft. Es war der „christlich-­muslimische Gesprächskreis Herringen/Pelkum“ (der später konsequenterweise um Vertreter anderer Glaubensrichtungen zum interreligiösen Arbeitskreis erweitert wurde), der den visionären Vorschlag an den zuständigen Bürgerbeirat herantrug. Ein erstes anschauliches Modell, das die Kernidee visualisierte, stieß sofort auf parteiübergreifende Zustimmung im Bürgerbeirat sowie in den städtischen Gremien.

Ein Gründungsmitglied des Arbeitskreises erinnerte sich in einem Interview an die tiefe Motivation hinter der Initiative: „Das Projekt setzt ein mutiges Zeichen für Toleranz, Verständigung und ein friedliches Zusammenleben über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Es zeigt, wie aus den Trümmern der Schwer­industrie ein lebendiger Raum für den interkulturellen Dialog erwachsen kann.“

Ein für jedermann frei und öffentlich zugänglicher Ort

Das gesellschaftliche Ziel war von Anfang an klar und unmissverständlich gesteckt: Es sollte ein für jedermann frei und öffentlich zugänglicher Ort der Stille, der Besinnung und des gegenseitigen Respekts geschaffen werden. In einer typischen Ruhrgebietsstadt wie Hamm, die seit Generationen durch verschiedene Wellen der Zuwanderung stark geprägt ist, bedurfte es eines zeitgemäßen und verbindenden Symbols.

Für den Soester Künstler Michael Düchting ist der Park ein Ort des Innehaltens.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Der Ort wurde gegründet, um ganz bewusst die Gemeinsamkeiten der Konfessionen zu betonen, tief sitzende Vorurteile abzubauen und den interreligiösen Dialog nicht nur in geschlossenen Gemeinderäumen stattfinden zu lassen. Die anspruchsvolle künstlerische und bauliche Umsetzung lag in den Händen des bekannten Soester Bildhauers Michael Düchting. In einem intensiven und langwierigen Austausch mit Vertretern aller fünf großen Weltreligionen erarbeitete der Künstler ein Konzept, das die jeweiligen Kernideen und Symbole der Glaubensgemeinschaften harmonisch in eine plastische Form goss.

Das Zentrum der Anlage bildet heute ein kreisrunder, geometrisch präzise angelegter Platz, der durch fünf monumentale Tore aus massivem und charakteristisch rostbraunem Baustahl begrenzt wird. Diese Portale wirken auf den Betrachter wie offene, einladende Durchgänge. Sie fordern dazu auf, diesen symbolischen Raum aus jeder beliebigen Himmelsrichtung unvoreingenommen zu betreten. Die Tore stehen in ihrer Offenheit für die prinzipielle Zugänglichkeit und Transparenz der Religionen. Sie symbolisieren, dass niemand ausgeschlossen ist.

Die Tore rufen dazu auf, durch sie den Ort des interreligiösen Dialogs zu betreten.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Im Inneren dieses Kreises sind fünf Stehpulte ebenfalls in einer Ringformation angeordnet. Die bewusste Anordnung im Kreis ist dabei das stärkste und wichtigste gestalterische Element der gesamten Anlage. Michael Düchting erklärte die tiefe Symbolik des Entwurfs bei der Eröffnung mit den Worten: „Die Anordnung im Kreis ist ein starkes gestalterisches Element: Es gibt kein Oben oder Unten, keinen Anfang und kein Ende. Alle Religionen begegnen sich hier auf Augenhöhe.“

Auf den Oberflächen dieser Stehpulte finden die Besucher sorgfältig eingravierte Kernaussagen und Symbole der jeweiligen Religionen. Wer hier verweilt, beginnt fast automatisch zu lesen, nachzudenken und die Per­spektive des anderen einzunehmen. Es gibt keine Hierarchie unter den Pulten – keines steht im Mittelpunkt, keines ist erhöht.

Der „Ort der interreligiösen Begegnung“ führt vor Augen, dass das friedliche Nebeneinander und das produktive Miteinander der Religionen kein theoretisches, akademisches Konstrukt bleiben muss. Wenn der ehrliche Wille zum Dialog, die Bereitschaft zum Zuhören und das zivilgesellschaftliche Engagement der Bürger vorhanden sind, dann können selbst aus den scheinbar unüberwindbaren Trümmern und Ruinen alter Industriebrachen dauerhafte Fundamente für gegenseitigen Respekt, tiefe Toleranz und eine starke, friedliche Gemeinschaft erwachsen.

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