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12.04.2026
Eine Frau tropft ein ätherisches Öl in ihre Handfläche.
Foto / Quelle: Julia Steinbrecht/KNA

Düfte berühren - und beeinflussen Emotionen

Ein Tropfen Lavendel aufs Kopfkissen, ein Hauch Orange in der Luft – ätherische Öle können weit mehr als nur angenehm riechen.

Bonn

Ein Atemzug kann Erinnerungen wecken, Gefühle verstärken, beruhigen. Ätherische Öle wirken mitunter tief auf die menschliche Gefühlswelt. Das kann man bewusst nutzen. „Die Wirkung ätherischer Öle ist vielfältig – sie können inhaliert, auf die Haut aufgetragen oder in bestimmten Fällen auch innerlich angewendet werden. Doch die Inhalation ist die kraftvollste Form“, sagt Elisabeth Gaudernak, Ärztin für Allgemeinmedizin und Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin sowie medizinische Aromatherapeutin.

„Der Duft gelangt in Sekundenschnelle ins Gehirn und wirkt über das limbische System auf unsere Emotionen und das vegetative Nervensystem“, erklärt die Expertin. „Gleichzeitig erreichen die Duftmoleküle beim Einatmen die Lunge, wo sie lokal unterstützen, etwa bei Erkältungen.“ Zudem hat der Geruchssinn als einziger Sinn einen direkten Draht zur emotionalen Schaltzentrale des Gehirns, sagt Roland Salesse, Forscher für Neurobiologie mit Schwerpunkt auf dem Geruchssinn.

Der "Proust-Effekt" - Gerüche wecken Erinnerungen

Die Wissenschaft bestätigt also, dass der Geruchssinn über besondere anatomische Verbindungen verfügt: Duftreize werden im Gehirn direkt verarbeitet und stehen in enger Verbindung zu emotionalen Zentren des limbischen Systems sowie zum Hippocampus, der eine zentrale Rolle für Gedächtnis und Erinnerung spielt. Dadurch können Gerüche unmittelbar Emotionen auslösen und Erinnerungen aktivieren. Kurzum: Gerüche nehmen im Gehirn einen Sonderweg, den andere Sinneseindrücke nicht gehen.

Kaum ein Sinn ist daher so eng mit Erinnerungen verbunden wie der Geruchssinn: Besonders deutlich wird dies am sogenannten Proust-Effekt. Er ist benannt nach dem französischen Schriftsteller Marcel Proust und dessen berühmter Beschreibung davon, wie ihn der Duft des Gebäckstücks Madeleine in Tee in seine Kindheit zurückversetzte.

Forschende der Universität Hildesheim bestätigen, dass durch Düfte ausgelöste Erinnerungen oft weiter zurückreichen, emotional intensiver und im Schnitt positiver sind als solche, die durch andere Sinneseindrücke entstehen. „Jede Emotion, die wir erleben – Freude, Angst oder Geborgenheit – beginnt mit einem Impuls“, erklärt , sagt Gaudernak. „Dieser Impuls kann ein Duft sein. Danach übernimmt die Biochemie.“

Natürliche Düfte und Aromen von Kräutern und Früchten lösen verschiedene Gefühle aus.
Foto / Quelle: Julia Steinbrecht/KNA

Wie auf einen Duft reagiert wird, hängt davon ab, welche Botenstoffe das Gehirn ausschüttet. „Serotonin hebt die Stimmung, Dopamin motiviert und belohnt, Noradrenalin und Adrenalin aktivieren, Oxytocin schafft Nähe und Vertrauen, während Cortisol Stressreaktionen auslösen kann“, erklärt die Aromatherapeutin. So wirkt Lavendelöl eigentlich beruhigend, da es den Neurotransmitter GABA aktiviert, der das Nervensystem dämpft.

„Ist Lavendel jedoch mit einer belastenden Erinnerung verknüpft, kann derselbe Duft Stressreaktionen hervorrufen“, sagt die Expertin. Der Aromatherapie-Experte Robert Tisserand weist darauf hin, dass Düfte nie isoliert wirken: Neben der chemischen Zusammensetzung spielten der aktuelle Zusammenhang, Erwartung und persönliche Prägung eine zentrale Rolle.

Wenn Düfte belasten - und wie man das ändern kann

Doch negative Gefühle durch Duft – das muss nicht so bleiben. „Es ist möglich, die Assoziation eines Duftes mit Stress zu verändern“, sagt Gaudernak. Eine schrittweise Konfrontation könne helfen – ähnlich wie bei der Therapie von Ängsten. „Man kann ein Öl zum Beispiel auf die Fußsohlen auftragen und mit Socken oder der Bettdecke abmildern. So wird es nicht primär gerochen, sondern über die Haut aufgenommen. Der Körper kann dann wie eigentlich vorgesehen auf den Duft reagieren – und die emotionale Negativbesetzung verblasst nach und nach.“

Ätherische Öle sind also mehr als nur eine angenehme Begleitung für die Sinne – sie können zur Balance beitragen. „Manchmal öffnen sie Türen zu schönen Erinnerungen, manchmal auch zu schwierigen. Doch genau darin liegt ihr Potenzial: Wir können sie nutzen, um unser seelisches Gleichgewicht zu stärken, Stress zu regulieren und neue positive Verknüpfungen zu schaffen“, erklärt Gaudernak.

KNA

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