Die Alten nicht in Watte packen
Nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim – und wieder zurück nach Hause: Intensiver Sport macht es möglich. Ein Berliner Paar hat dazu ein Konzept entwickelt.
Eva N. liebt den weiten Ausblick auf Bäume, Fluss und Enten vor ihrem Zimmer im Pflegeheim in Berlin-Treptow. Seit drei Monaten ist das hier ihr Zuhause – wenn auch nicht mehr für lange: Eva, 70 Jahre alt, weißes Haar und wacher Blick, kann bald wieder zurück in ihre eigene Wohnung. Sie hat sich zurück ins Leben gekämpft.
Ostern vor einem Jahr hatte sie einen Schlaganfall. „Ich hatte schon den Ostertisch für meine Tochter und meine Enkel vorbereitet. Und plötzlich wurde mir ganz komisch“, erzählt die alte Dame. Sie legte sich aufs Sofa, um kurz auszuruhen – und dann bekam sie plötzlich starke Schmerzen und konnte sich nicht mehr bewegen. Sie sagt: „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich wieder laufen lerne. Am Anfang konnte ich mich nicht einmal im Bett drehen.“
Pflegeheim als Sprungbett
Eva N. ist eine von 40 „Leuchtturmpatienten“, so nennen Petra Thees und Lutz Karnauchow ihre besonders motivierten Gäste in der „domino-world“-Pflegeeinrichtung. Das Ehepaar hat vor mehr als 20 Jahren das Konzept „Coaching statt Pflege“ entwickelt mit dem Ziel, älteren Patienten, die wegen eines Unfalls oder einer Krankheit im Pflegeheim landen, wieder ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Also, das Pflegeheim nicht als Endstation, sondern als Sprungbrett zurück in die Selbstständigkeit – und zwar im Idealfall nach drei Monaten in der Pflegeeinrichtung: Sonst gewöhne man sich zu sehr daran, dass alles für einen erledigt, gekocht und gewaschen werde, so Thees, selbst 62 Jahre alt.
„Wir packen unsere Alten in Watte, pampern und behüten sie zu sehr“, sagt der 72-jährige Psychologe Karnauchow. Das habe eine „negative selbsterfüllende Prophezeiung“ zur Folge: „Wenn man ihnen nichts zutraut und sie nicht fordert, können sie auch nichts mehr“.
In ihrer pflegerischen Praxis hätten sie dagegen erlebt, dass auch hochbetagte Menschen wieder lernen können, allein zu laufen, sich anzuziehen oder sogar selbstständig einzukaufen – wenn man sie denn lässt. Ziel sei es, Pflegebedürftige nicht zu versorgen, sondern zu begleiten und zu trainieren, um verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen. Das Konzept wird zurzeit von zwei Hochschulen evaluiert. Die aktuelle Untersuchung aus dem Jahr 2026 besagt demnach, dass zwei von drei ihrer Patienten es in den ersten Monaten schaffen, wieder nach Hause zurück zu ziehen – „auch wenn es natürlich manchmal einen Drehtüreffekt gibt und die Patienten dann doch wieder bei uns landen“, so Karnauchow.
Drei stationäre Pflegeheime der „domino-world“ gibt es in Berlin und Brandenburg sowie zahlreiche ambulante Einrichtungen. Das Haus in Berlin-Treptow beherbergt rund 200 Bewohner auf vier Etagen. Die Räume sind hell und großzügig. In der Lobby steht ein Aquarium. An der Wand hängen Bilder von Segelbooten auf wildem Meer oder eleganten Tänzerinnen. Jedes Stockwerk hat seinen eigenen Sportraum, in dem jene Patienten täglich vier Stunden trainieren, die sich fest vorgenommen haben, wieder zurück in die eigene Häuslichkeit zu kommen. Auch ein fast hundertjähriger Mann ist darunter, der auf der Rudermaschine die Beine rhythmisch anwinkelt und streckt und es nochmal wissen will. Eine Auszeichnung zum „Mutmacher des Monats“ – ein Patient, der von den Mitarbeitern gewählt wurde – hängt an der Wand im Flur.
Den Hintern hochkriegen
„Ich hole mir die Beweglichkeit zurück“, das habe sie damals nach dem Schlaganfall gedacht, sagt Eva N. „Man muss den Willen haben und den Hintern hochkriegen.“ Sie steht aus dem Rollstuhl auf und geht mit kleinen Schritten durchs Zimmer, setzt konzentriert immer einen Fuß nach dem anderen auf.
Auf dem Tisch steht ein Strauß Tulpen, auf einem Schrank ist sorgfältig ein roter Spielzeugbus neben einem Lama aus Kunststoff platziert. „Von meinem Enkel“, sagt Eva N. stolz. Für ihn und die anderen Enkelkinder habe sie sich so angestrengt. „Mein Ziel ist es, dass ich mit ihnen wieder laufen kann“, sagt sie. Und: „Wenn Sie so etwas erleben, haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie ziehen es durch, oder Sie liegen im Bett und lassen sich gehen. Ich habe mich für das Erste entschieden.“
Eigentlich sei sie sehr positiv, aber manchmal habe sie auch das Gefühl, dass sie nicht weiterkomme. „Man ist abends fertig. Vier Stunden Sport sind natürlich sehr anstrengend. Aber das Opfer muss man bringen. Ich war eigentlich immer auf der Überholspur. Als alleinerziehende Mutter hat man so sein Programm“, sagt Eva, die ausgebildete OP-Schwester ist.
Wichtig für das regelmäßige Training sei insbesondere die Motivation, sagt Psychologe Karnauchow. „Am Anfang nehmen wir die Patienten deshalb mit auf eine Phantasiereise und fragen sie nach ihrem Ziel nach der Therapie. Und dabei fragen wir nicht nach Pillepalle, sondern nach dem Herzenswunsch“, sagt der 72-Jährige.
Manche wollten noch mal an die Ostsee fahren, andere nach Kreta reisen können – wieder andere selbstständig zum Friedhof gehen können, um das Grab der verstorbenen Frau zu pflegen. „Es ist wichtig, dieses Ziel für die Patienten so konkret wie möglich zu machen – sie müssen den Ostseewind in den Haaren spüren können, die Möwen kreischen hören“, sagt er. „Wenn man das Ziel mit Sinneseindrücken verknüpft, kann man sich leichter immer wieder daran erinnern.“
Alter ist kein Defizit
Eine Geldfrage – das sei das Konzept nicht, sagt Karnauchow. „Es ist mit den vorhandenen Geldern und personellen Ressourcen überall in Deutschland zu schaffen.“ Vielmehr gehe es um eine andere Geisteshaltung den Patienten gegenüber – „wir sollten das Alter nicht als defizitär betrachten“.
Karnauchow und Thees leben selbst, was sie ihren Patienten vermitteln wollen: „Wir stehen fünf Mal die Woche um fünf Uhr auf und gehen dann zusammen eine halbe Stunde laufen“, sagt Thees. Das sei nicht immer so gewesen. „Eigentlich fing es vor 20 Jahren an, als wir uns mit dem Thema Pflege auseinandergesetzt haben.“ Denn wissenschaftlich sei auch erwiesen: Wer im Alter noch fit sein will, der müsse spätestens mit 50 damit anfangen, regelmäßig Sport zu treiben.