Der Würde beraubt
Reinhold Harnisch ist Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn. Im Interview äußert er sich über die Missbrauchsstudie.
Wie schauen Sie mit ein wenig zeitlichem Abstand auf die Studie?
Jetzt kann nicht mehr geleugnet und vertuscht werden. Das ist gut! Und die hohen Zahlen sind schockierend. Hinzu kommt, dass ich als Sprecher der Betroffenenvertretung natürlich viele derjenigen, um die es in der Studie geht, persönlich kenne und mit ihrem Leid vertraut bin. Natürlich kommen auch meine eigenen Erfahrungen dazu. Jetzt ist alles schwarz auf weiß belegt. Denn während der sechs Jahre, in denen ich diese Aufgabe wahrnehme, gab es immer mal wieder Forderungen, es jetzt „gut“ sein zu lassen. Das habe ich immer mit der Frage gekontert, was ist denn bitte „gut“. Auch gab es Einwände, warum manche der Betroffenen „so lange“ gewartet hätten. Solchen Fragen ist mit der Studie die Grundlage entzogen.
Kann die Studie dazu beitragen, dass sich weitere Betroffene melden?
Das hoffen wir als Betroffenenvertretung, und es ist tatsächlich so: Zurzeit melden sich eine Vielzahl Betroffener mit Gesprächsbedarf – aus dem Dunkelfeld. Am Mahnmal sprach mich ein Herr an, der kein offizielles Verfahren suchte, sondern nur einmal über den Missbrauch reden möchte, über den er seit Jahrzehnten nicht sprechen konnte. Wir bekommen aktuell viel Zuspruch.
Wie schätzen Sie die Stimmung unter den Betroffenen nach der Veröffentlichung der Studie ein?
Einen Tag nach der Veröffentlichung führten wir unser Jahrestreffen in Paderborn durch. Es war lange geplant – dass es jetzt so eng mit der Studie zusammenfiel, war ein Glücksfall! Zu Gast waren neben Professorin Priesching auch der Erzbischof und die Generalvikare. Spürbar war unter den Betroffenen große Erleichterung. Anspannung und Unsicherheit, die es noch bei den ersten Treffen gab, sind dem Gefühl gewichen, bei uns gut aufgehoben zu sein und als Gruppe etwas bewirken zu können. Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, wie herausfordernd es ist, sich zu melden, wozu ja auch der Erzbischof explizit noch einmal aufgerufen hat: Zum einen geht es darum, oftmals Unvorstellbares zu schildern, zum anderen steht man vor einem Verfahren, das mit belastender Bürokratie verbunden ist und Betroffene schlicht überfordern kann.
Zumal viele Betroffene immer das Gegenteil erlebt haben: Ihnen wurde schlicht nicht geglaubt.
Eines darf man nicht vergessen: mit wie viel krimineller Energie vonseiten der Bistumsleitung vorgegangen wurde. Und das von einer Institution, deren Grundwerte das doch eigentlich ausgeschlossen hätten.
Sie sagten, es könne nicht gut sein. Wie muss es denn jetzt weitergehen?
Für die Betroffenen muss es darum gehen, Traumata zu verarbeiten, psychotherapeutische Hilfe anzunehmen. Das ist unter Umständen nicht einfach. Ich selbst habe lange darauf geschaut nach dem Motto „Wer’s braucht“ und es für mich persönlich nicht in Erwägung gezogen. Psychotherapeutische Hilfe habe ich erst bekommen und angenommen, weil ich als Unfallopfer anerkannt worden bin. Mein Fall wurde als Berufsunfall eingestuft, ein Kuriosum! Infolgedessen habe ich von der zuständigen Versicherung psychotherapeutische Hilfe bekommen.
Das klingt nach viel Bürokratie.
Die Verfahren sind einfach würdelos! Man raubt uns das letzte bisschen Würde, das wir erhalten konnten! Man durchläuft entwürdigende Begutachtungsverfahren, in denen Glaubwürdigkeit und Schädigung geprüft werden, die man durch diesen „Unfall“ erlitten hat. Bereits 2012 gab es einen Aufruf an die Bistümer, alle Missbrauchsfälle den Berufsgenossenschaften zu melden. Aber dem sind die Bistümer nicht nachgekommen. Zehn Jahre später folgte der zweite Aufruf. Viele Ansprüche sind durch die Verweigerung und Untätigkeit der Bistümer verjährt.
Aktuell gibt es Vorwürfe gegen Kardinal Degenhardt, er sei selbst Täter gewesen. Sie sagten, er sei für Sie unabhängig davon ein Täter, weil er Täter gedeckt und Missbrauch vertuscht habe. Kann man ihn noch durch Straßen-Benennungen ehren?
Dazu habe ich schon vor zwei Jahren im Rat der Stadt Paderborn vorgesprochen. Die Verstrickung von Jaeger und Degenhardt stand damals längst fest – die Bischofsgräber waren schon gekennzeichnet. Aber auch dort hieß es, man müsse die Studie erst abwarten. Dieses Auf-die-lange-Bank-Schieben war meines Erachtens verantwortungslos. Ich bin kein Freund radikaler Lösungen, als Betroffene verlangen wir nicht, dass man die Leichname von Jaeger und Degenhardt aus der Gruft im Dom entfernt. Aber vielleicht ist es eine Lösung, diese Gruft zuzumauern – wie schon in anderen Bistümern. Beide Erzbischöfe haben Betroffenen unerträgliches Leid zugefügt, indem sie den Missbrauch mit administrativen Mitteln fortgesetzt und sich dadurch ihres Amtes als unwürdig erwiesen haben!