Der Frust nimmt zu
Erzieher, Eltern und Kita-Träger in NRW protestieren gegen die Reform des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz). Eindrücke aus einer Kita im Kreis Höxter.
Neben der Eingangstür zur Kita St. Joseph in Bredenborn hängt das Personalbarometer – vier farbige Pappkartons und ein schwarzer Zeiger. Das Barometer zeigt den Eltern schon beim Eintritt, wie heute die Lage ist: von grün für „Personal vollständig“ bis rot für „Personalnotstand. Betreuungszeiten eingeschränkt“.
Dagmar Ahlemeyer kann sich kaum noch daran erinnern, wann das selbst gebastelte Infosystem auf grün gestanden hat. Seit dem vergangenen Sommer weist der schwarze Zeiger unverändert auf die orange-rote Fläche, die letzte vor der roten. „Fachkräfte fehlen. Die Betreuung ist gesichert. Es kommt zu einer Einschränkung der pädagogischen Angebote“, steht dort. Dagmar Ahlemeyer leitet seit 2021 die katholische Kindertagesstätte in Bredenborn, einem Stadtteil der Gemeinde Marienmünster im Kreis Höxter. „In den vergangenen Monaten war unser Team nie vollständig“, sagt sie. Die Dienstpläne haben eine kurze Halbwertszeit. Ohne Mehrbelastung der Mitarbeitenden geht es nicht.
Personeller Notstand ist Realität
So wie in Bredenborn ist die Lage überall in NRW. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass in NRW nur ein Viertel der Kitas über eine recht gute Personaldecke verfügt. Mehr als die Hälfte kann nur 60 bis 80 Prozent des Personals vorweisen, das nach fachlicher Empfehlung eigentlich notwendig wäre.
Sieben pädagogische Fachkräfte und eine Alltagshelferin arbeiten in St. Joseph. 41 Kinder von zwei bis sechs Jahren in zwei Gruppen besuchen die Kita. Die Einrichtung gehört zur katholischen Kita-Trägergesellschaft Hochstift. Eigentlich ist St. Joseph mit Fachkräften gut ausgestattet. Dennoch bestimmt der personelle Notstand die Realität.
Dabei ist der Unterstützungsbedarf in der Kindertagesstätte größer geworden: bei der Sprache, im sozial-emotionalen Bereich und bei der Lernfähigkeit. Kinderschutz ist auch im ländlichen Raum ein wichtiges Thema. Die in der Kita St. Joseph gelebte Inklusion fordert Zeit und Personalressourcen. Das alles stellt hohe Anforderungen an das Personal. Die Erzieherinnen brauchen Zeit für die Vorbereitung, die pädagogische Arbeit muss verlässlich sein. Doch das wird in einem improvisierten Alltag immer schwieriger.
„Vor allem mit Corona hat sich alles zugespitzt“, sagt Dagmar Ahlemeyer. Sie könne für ihr Team feststellen, dass die Mitarbeitenden mit Hingabe und großem Verantwortungsbewusstsein arbeiten, betont die Kita-Leitung. Aber die Dauerbelastung bleibe nicht ohne Folgen für die Gesundheit der Kolleginnen. „Der Frust nimmt zu“, stellt sie fest.
Sie befürchtet, dass sich langfristig Kolleginnen aus dem Beruf zurückziehen. Mit dieser Sorge ist sie nicht allein. Die Gewerkschaft ver.di rechnet mit einer Kündigungswelle. Viele Fachkräfte stünden „bereits in den Startlöchern angesichts der schlechten Arbeitsbedingungen“.
Gesetzesentwurf ist „inakzeptabel“
Die seit Dezember 2025 diskutierte Reform des Kinderbildungsgesetzes für Kindertageseinrichtungen – kurz KiBiz – in Nordrhein-Westfalen wirkt unter diesen Umständen wie ein Brandbeschleuniger. Mit der Überarbeitung von KiBiz will das Land die Einrichtungen zu mehr Flexibilität verpflichten. Das kommt bei den Erzieherinnen in St. Joseph schlecht an. „Unsere Mitarbeitenden empfinden das als einen Schlag ins Gesicht“, sagt Dagmar Ahlemeyer. „Die KiBiz-Reform setzt Bedingungen voraus, die nicht gegeben sind.“
Detlef Müller, Geschäftsführer der Kita-Trägergesellschaft Hochstift, verweist darauf, dass die „dünne Personalausstattung“ eine Folge der unzureichenden Finanzierung der Kitas durch das Land sei. Die „Negativfortschreibung“ der Pauschalen ab August 2026 verschärfe die Situation.
Als im Dezember 2025 der Gesetzesentwurf bekannt wurde, brach der Protest los. Die Gegenwehr reicht von den kirchlichen Trägern in NRW über die Gewerkschaften bis in die Kitas, in denen sich Mitarbeitende und Eltern überrollt fühlten. Die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände nannte den Entwurf „inakzeptabel“. Die massive Gegenwehr zeigte Wirkung. Die Absicht, einen Zuschuss zur landesweiten Grundfinanzierung der Kitas in Höhe von jährlich 200 Millionen Euro zeitlich zu befristen, hat die Landesregierung zurückgenommen.
Auch der Verwaltungsaufwand steigt
Zwei wesentliche Kritikpunkte stehen jedoch weiter im Gesetzentwurf. Ein „Kern- und Randzeitenmodell“ soll es ermöglichen, in den Bring- und Abholzeiten keine Fachkräfte mehr einzusetzen. „Für Kinder bedeutet das weniger Zuwendung“, sagt Dagmar Ahlemeyer. Sie sieht die pädagogische Qualität in Gefahr. Gerade bei der Ankunft morgens bräuchten die Kleinen die individuelle Ansprache. Die wichtigen „Tür-und-Angel-Gespräche“ mit den Eltern in diesem Zeitraum würden wegfallen.
Die zweite umstrittene Änderung ist die Einführung von individuelleren Buchungszeiten. Danach sollen Eltern in Fünf-Stunden-Schritten Kitazeit buchen können. Was als Erleichterung für Familien gedacht ist, führe in der Realität zu Verwerfungen, sagt Dagmar Ahlemeyer. Der Personaleinsatz lasse sich so kaum noch planen, der Verwaltungsaufwand steige. In den Gruppen nehme wegen der dauernden Bring- und Abholzeiten der Kinder die Unruhe zu. Außerdem führe die Reform zu sozialer Benachteiligung. „Kinder, deren Eltern nicht so viel Zeit buchen können, können seltener an Nachmittagsangeboten teilnehmen.“
In den nächsten Monaten wird eine Mitarbeiterin von St. Joseph in den Ruhestand gehen – damit wird eine Vollzeitstelle frei. Die zu besetzen, ist alles andere als einfach, hat Dagmar Ahlemeyer festgestellt. „Gesucht werden vor allem Teilzeitstellen, am besten begrenzt auf den Vormittag.“ Viele Bewerberinnen haben eigene Kinder und sind nachmittags zu Hause gefordert. Dagmar Ahlemeyer fehlen aber gerade am Nachmittag Mitarbeitende.
Besser wird es auf absehbare Zeit nicht, ist sie sicher, vor allem, wenn das Reformgesetz wie geplant Mitte 2027 kommt. Schon jetzt ist abzusehen, dass das Personalbarometer in der Kindertagesstätte St. Joseph stabil auf orange-rot stehen bleiben wird.