"Der Aufwand, zum Mülleimer zu gehen, ist vielen zu groß"
Auf die Straße geworfene Taschentücher, Zigaretten und vieles andere: Deutschlands Städte sind schmutzig. Es scheint schlimmer zu werden.
Das wird teuer: Wer zum Beispiel in Berlin sein Kaugummi auf die Straße spuckt, muss dafür seit November 55 Euro zahlen – falls das Ordnungsamt einen erwischt. Zahlt man dieses Verwarngeld nicht rechtzeitig, können sich die Kosten dafür auf ein Bußgeld (250 bis 500 Euro) ausweiten.
Reichen solche Strafmaßnahmen? Schreckt das die Menschen genügend ab? Wer in Berlin oder anderen deutschen Großstädten lebt, hat nicht unbedingt diesen Eindruck: Abfall wie Pizzakartons, Pappbecher, Zigarettenkippen oder Verpackungsmüll findet man an fast jeder Ecke, auf den Straßen, in Parks oder in U-Bahnstationen. „Littering“ – achtloses Wegwerfen von Kleinabfällen – nennt man das in der Fachsprache.
Ein weiteres Problem ist die wilde Entsorgung von Sperrmüll – wer die alte Matratze oder Ähnliches einfach an den Straßenrand stellt, muss für diese „illegalen Ablagerungen“ mit noch deutlich höheren Geldstrafen rechnen; das kann in die Tausende gehen. Allein in Berlin wurden 2024 für 10,3 Millionen Euro rund 54.000 Kubikmeter solcher Ablagerungen beseitigt, so die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR).
Strafmaßnahmen durchsetzen
Klar ist: „Strafmaßnahmen bringen nur etwas, wenn sie auch durchgesetzt werden“, sagt Claudia Gabriel, Leiterin der Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“ in Frankfurt am Main und verantwortlich für die seit 2017 laufende Initiative „cleanffm“. „Für die, die es anders nicht lernen, muss im Raum stehen, dass ich für mein Verhalten ziemlich zur Kasse gebeten werden kann.“ Es gebe einfach Menschen, denen die Gemeinschaft ziemlich egal sei.
„Cleanffm“ engagiert sich in besonderem Maß für eine saubere Stadt: So hat die Organisation in Frankfurt etwa zusätzlich 2.000 Abfalleimer aufgestellt, damit „keiner die Ausrede haben kann: Es war ja kein Mülleimer da.“ Es gibt prominente Botschafter, Clean-up-Teams und jedes Jahr im März einen großen Aufräumtag, bei denen Bürger selbst zur Tat schreiten.
Grundsätzlich gehe es um „positive Ansprache“, um die Schaffung eines Gemeinschaftssinns – die saubere Stadt, zu der alle ihren Beitrag leisten. „Unsere Community wächst“, sagt Gabriel. Auch Wissensvermittlung sei wichtig: „Eine achtlos weggeworfene Kippe kann bis zu 40 Liter Grundwasser verseuchen.“
Bei der Müllentsorgung fange der Umweltschutz an, betont die Expertin. In Deutschland habe sich da etwas verändert: „Früher gab es zum Beispiel in Gipfelbereichen keine Mülleimer. Für jeden Bergwanderer war es selbstverständlich, seinen Müll mitzunehmen.“ Das sei heute anders. „Es herrscht so eine Mentalität, ‚was mich stört, das werde ich überall los, ein anderer entsorgt es schon für mich‘. Wir brauchen mehr Eigenverantwortung in unserer Gesellschaft.“
Wieso braucht es etwa in Schweden keine oder nur sehr wenig Abfalleimer – und das ganze Land sieht inklusive seiner Städte trotzdem viel sauberer aus als etwa Deutschland? Gabriel, die sich in Sachen Müllentsorgung regelmäßig in anderen Ländern informiert, sagt: „Das liegt an dem anderen Selbstverständnis der Schweden. Sie werden so erzogen, dass man etwa die Natur so verlässt, wie man sie vorgefunden hat.“ Eine Frage der Kinderstube also: „Da sind Eltern als Vorbilder in der Pflicht. Und natürlich sollte auch bereits im Kindergarten dazu angehalten werden, dass man nicht auf die Erde spuckt oder seinen Müll auf die Straße wirft.“
Auch in Deutschland mal keine Mülleimer an jeder Ecke aufstellen – und darauf vertrauen, dass die Deutschen wie die Schweden ihren Müll dann selbst mitnehmen: Für Claudia Gabriel ist das ein Experiment, das sie in Frankfurt gern einmal ausprobieren würde.
Faulheit als Erklärung
Florian Kaiser, emeritierter Psychologie-Professor der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg, hat sich mit der Vermüllung von Städten befasst und die Motivation der Menschen, die Müll sorglos auf den Boden werfen oder liegenlassen, analysiert. „Müll auf die Straße zu werfen, ist nichts, was Menschen sich vornehmen, zu tun – mal abgesehen von ein paar Teenagern, die das vielleicht lustig finden“, sagt Kaiser.
„Es ist eher so: Man isst etwas und hat dann die Verpackung in der Hand. Man müsste ein wenig Aufwand betreiben, um sie im nächsten Mülleimer zu entsorgen. Und diese Mühe wollen einige nicht auf sich nehmen. Das liegt auch daran, dass wir Abfallgebühren zahlen, damit der Müll entsorgt wird. Wir haben das abdelegiert und fühlen uns deshalb selbst nicht verantwortlich dafür.“ Hinzu komme: „Wenn überall Müll rumliegt, wird das als soziale Norm gelesen. Dann macht es nichts aus, wenn ich meinen Müll auch noch dazu gebe.“
Die zunehmende Vermüllung der Städte hat auch damit zu tun, dass sich die Rahmenbedingungen verändert haben. „Noch vor ein paar Jahren, war es viel unüblicher, überall, wo man geht und steht, zu essen und zu trinken“, sagt Claudia Gabriel. „Und es gab auch noch keine Lieferdienste, die einem zum Beispiel ans Mainufer komplett verpacktes Essen gebracht haben.“ Corona habe das Problem weiter verschärft. „Da haben die Menschen sich ganz neue Flächen, teilweise sogar im Naturschutzgebiet, erobert.“
Auch die Abfallwirtschaftsbetriebe Köln erklären das so: Das verstärkte Leben und Verweilen im Freien habe dazu geführt, dass Plätze und Grünanlagen deutlich intensiver genutzt werden. „Das wirkt sich sichtbar auf die Stadtsauberkeit aus“, heißt es aus der Pressestelle.
Ebenso beklagt die Berliner Stadtreinigung eine spürbare Zunahme gerade von Verschmutzung durch To-go-Verpackungen in den vergangenen Jahren – trotz der rund 27.000 BSR-Abfalleimer, die es in der Hauptstadt gibt. Auch wenn die meisten Menschen ihren Müll ordnungsgemäß entsorgten: „Einige Leute ignorieren die vielen öffentlichen Abfallbehälter und lassen ihren Müll an Ort und Stelle liegen“, so die BSR. Dieses Verhalten sei rücksichtslos – und auch ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber den Reinigungskräften.
Werfe ich meine leere Coladose auf die Straße oder nicht? Dabei komme es auch auf die innere Haltung an, sagt Psychologieprofessor Kaiser. „Die gleichen Personen werden das vermutlich nicht in ihrem Wohnzimmer machen. Es geht also darum, diese Leute dahin zu motivieren, dass sie ihre Stadt nicht als ‚die‘ sehen, sondern als ‚wir‘ begreifen. Viele identifizieren sich vielleicht immer weniger mit ihrer Umgebung, der Stadt, dem Land, dem Staat und fühlen sich weniger dafür verantwortlich.“
Auch wenn Kampagnen wie in Frankfurt Abhilfe schaffen könnten: Es sei manchmal auch einfach einfacher, wenn man die Kostenseite hochfährt – nicht unbedingt nur mit Geldstrafen, so Kaiser. „Man könnte auch Bürger, die die Gegend vermüllen, dazu verpflichten, an einem Wochenende Müll im öffentlichen Raum zu entsorgen.“ Ob das durchsetzbar sei, sei allerdings eine andere Frage.