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16.02.2026
Ein Team, bei dem alles in den besten Händen ist: Monika Tomelitsch, Ingrid Schrömgens und Andrea Wulf (v. l.)
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Den Himmel neu gemacht

Seit mittlerweile 100 Jahren entstehen im Missionshaus Neuenbeken kostbare Messgewänder oder Vereinsfahnen. Die Arbeit in der Paramentenstickerei ist ein Beispiel für echte Handwerkskunst – ganz ohne Maschinen, Computer und technische Hilfsmittel.

Neuenbeken

Wie viele Fingerhüte und Nadeln wohl in der Paramentenstickerei in Neuenbeken über die Jahre verbraucht worden sind? Wie viel Stoff und Stickgarn hat sich unter den geschickten Händen der Näherinnen in kostbare Gewänder und Fahnen verwandelt? 1926 wurde die Werkstatt im Missionshaus der Schwestern vom Kostbaren Blut gegründet. Gefeiert wird das Jubiläum im März.

Konzentriert blickt Ingrid Schrömgens auf den grünen Stoff vor sich auf dem Tisch, setzt einen feinen Stich an den nächsten. Bis der Buchstabe fertig ist, wird sie die Nadel noch unzählige Male durch den Stoff geführt haben. Keine Arbeit für Ungeduldige, aber genau das Richtige für Ingrid Schrömgens: „Ich wollte nie etwas anderes machen!“ Seit über 40 Jahren arbeitet sie hier. Von der Möglichkeit, eine Ausbildung zur Paramenten­stickerin zu machen, habe sie eher durch Zufall erfahren, erinnert sie sich: „Damals machten die Schwestern Hausbesuche bei den alten Leuten im Ort, zum Beispiel, um den Blutdruck zu messen.“ Dabei sei auch über die Paramentenwerkstatt gesprochen worden: „Da habe ich mich beworben.“ Gemeinsam mit ihr arbeiten noch zwei weitere Stickerinnen in der Werkstatt: „Früher war das Team in der Stickerei viel größer.“

Auch wenn heute die Nachfrage nach Messgewändern und anderen Paramenten längst nicht mehr so groß ist, gibt es genug Arbeit für Stickerinnen. Denn neben Neuanfertigungen spielen Restaurierungen eine wichtige Rolle. „Fahnen von Schützen- und Gesangvereinen oder Feuerwehren bekommen wir häufig, um sie wieder aufzuarbeiten“, sagt Andrea Wulf und erklärt auch, warum das so ist: „Wenn Stoff nass wird und unsachgemäß getrocknet wird, verliert er die Form.“ Auch ungünstige Lagerung oder falsche Materialien sorgten dafür, dass manche Stücke sich regelrecht „zersetzten“, weiß die erfahrene Stickerin.

Restaurierungen machen heuteeinen großen Teil der Arbeit aus

Wie zum Beweis liegt eine Schützenfahne vor ihr auf dem Tisch, von der an manchen Stellen nur noch Fragmente erhalten sind. Was noch zu retten ist, wird auf einem neuen Trägerstoff fixiert. „Hier soll nichts ergänzt, sondern nur der Zustand gesichert werden.“ In anderen Fällen werden Motive oder Buchstaben ergänzt, manchmal auch ganz neu gestickt.

„Ich wollte nie etwas anderes machen!“ Ingrid Schrömgens arbeitet seit über 40 Jahren als Paramentenstickerin.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Auch ein „falscher“ Stoff kann problematisch sein. „Wenn die Stickereien auf Diagonalseide aufgenäht sind, dann können wir das nicht ausbessern, da sich der Stoff beim Aufrollen immer wieder abtragen würde.“ Andrea Wulf nimmt eine andere Fahne zur Hand und zeigt auf eine solche im wahrsten Sinne des Wortes „fadenscheinige“ Stelle, an der sich eine Stickerei quasi aufgelöst hat. Bei der Restaurierung  werden die Stickereien dann auf Kunstseide aufgesetzt. Danach sollte die Fahne wieder mehrere Jahrzehnte halten – wenn sorgsam mit ihr umgegangen wird. Die drei Frauen benötigen etwa sechs Monate, um eine Fahne fertigzustellen: „Mit 200 bis 300 Arbeitsstunden muss man rechnen.“ Geduld ist also nicht auch bei den Kunden gefragt. Und dass so eine Arbeit dann schnell mehrere Tausend Euro kostet, versteht sich auch von selbst.

Schwerer Brandschaden an einem Baldachin wurde kunstvoll beseitigt

Neben Alterung und falscher Handhabung sind es manchmal aber auch Unglücksfälle, die Stücke zum Fall für eine Restaurierung werden lassen. So wie beim „Himmel von Neuenbeken“. Ein Baldachin war während eines Gottesdienstes durch eine Kerze in Brand geraten. Was das Feuer nicht beschädigt hatte, war durch Wasser beim Löschen in Mitleidenschaft gezogen worden. Laien hätten das für einen hoffnungslosen Fall gehalten, doch unter den geschickten Händen der Stickerinnen wurden alle Schäden beseitigt – so können sie mit Fug und Recht von sich sagen: „Wir haben den Himmel neu gemacht!“

Besonders viel Freude mache es, wenn neue Messgewänder gefertigt würden, sind sich die Mitarbeiterinnen einig. „Die Auftraggeber haben in den meisten Fällen eine genaue Idee für das Motiv“, erzählen sie. Die werde dann Schritt für Schritt mit Stoff, Nadel und Faden umgesetzt: „Dazu ist der persönliche Austausch sehr wichtig.“ In Erinnerung geblieben ist den Mitarbeiterinnen zum Beispiel das Messgewand für einen Neupriester, der zuvor den Beruf des Brunnenbauers gelernt hatte: „Ein entsprechendes Motiv haben wir dann auf das Gewand gestickt.“

Geschick, Geduld, Erfahrung und Fliegengitter vor den Fenstern

Damit diese filigranen Arbeiten gelingen, braucht es neben der bereits erwähnten Geduld natürlich auch viel Geschick und Erfahrung; aber auch einen bequemen Stuhl, ausreichend Licht, saubere Hände sowie jede Menge Stickgarn, Stoff, Nadeln und Fingerhüte. Sticht sich eine der Stickerinnen an einer Nadel, kann das gefährlich für die kostbaren Materialien werden. „Fliegen und ihre Hinterlassenschaften sind auch ein großes Problem. Deshalb haben wir vor den Fenstern Gitter angebracht.“

Stoff und Stickgarn: Was die Stickerinnen daraus „zaubern“, kann kein Roboter und keine Maschine fertigen.
Foto / Quelle: Patrick Kleibold

Dass etwas heutzutage noch wirklich in reiner Handarbeit entsteht, ist eine echte Seltenheit: Das, was die Stickerinnen in der Paramentenwerkstatt vollbringen, kann keine Maschine oder Roboter, kein Computer und keine künstliche Intelligenz.

Und dass ihnen ihre Arbeit wirklich Freude macht, zeigt die Tatsache, dass sie in ihrer Freizeit ehrenamtlich Messgewänder für die Mission fertigen. In diesem Fall sind Beruf und Berufung untrennbar miteinander verbunden.

Info

Gefeiert wird das Jubiläum am Sonntag, 15. März: Von 14.30 bis 17.00 Uhr besteht die Möglichkeit, am „Nachmittag der offenen Paramentenwerkstatt“ den Stickerinnen bei ihrer Arbeit über die Schulter zu blicken und anhand von Fotos und Ausstellungsstücken einen Blick in die Geschichte zu werfen. Auch das Klostercafé ist geöffnet. ­Missionshaus Neuenbeken, Alte Amtsstraße 64, 33100 Paderborn, www.MissionshausNeuenbeken.de

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