Dem Jahresanfangs-Blues ein Schnippchen schlagen
Dunkelheit, Kälte und Alltag drücken aufs Gemüt. Fachleute erklären, warum das normal ist.
Die schönen Festtage sind vorbei, der Tannenbaum ist abgeschmückt, die Weihnachtsdeko auf dem Speicher verstaut. Draußen ist es noch immer dunkel, kalt und ungemütlich – und wärmere Frühlingstage noch lange nicht in Sicht. Manch einer verfällt da in einen Januar-Blues. Experten verraten, wie man diese Zeit gut überstehen kann.
„Das Gefühl der Abgeschlagenheit nach den Feierlichkeiten zum Ende des zurückliegenden Jahres ist eine ganz normale Reaktion auf den Kontrast der nachfolgenden Ruhe“, erklärt Gesundheitspsychologe Lutz Hertel. Es sei „eine Art emotionales Abregeln“. Der langsam wieder einkehrende Alltag könne bei manchen Menschen zu einer vorübergehenden Müdigkeit, empfundener Leere oder Melancholie führen. Gerade dann seien aber aufmunternde und aktivierende Outdoor-Tätigkeiten viel wichtiger „als weiterer Rückzug in Entspannung und Ich-Zeit“, so der Vorsitzende des Deutschen Wellness Verbandes.
Auf Sylt, Deutschlands Insel mit dem nördlichsten Ort der Republik, sind die Wintermonate besonders lang und kalt. Am 1. Januar geht die Sonne hier erst kurz vor 9 Uhr auf – und kurz nach 16 Uhr schon wieder unter. „Wir haben deutlich weniger Licht – verglichen mit Süddeutschland eine Stunde weniger“, sagt die Sylter Diplompsychologin Edda Willenbrock. Die lange Dunkelheit mache den Menschen am meisten zu schaffen: „Für viele ist das eine große Herausforderung“. Manche Insulaner reisten außerhalb der Tourismussaison auf der Urlaubsinsel selbst in wärmere Gefilde, „um dies zu umgehen“.
"Jeden Sonnenstrahl nutzen"
Den Zuhausebleibenden rät Willenbrock, „jeden Sonnenstrahl zu nutzen und wenn möglich, dafür die Mittagspause zu verlängern“. Ihr Tipp, der auch auf dem Festland gilt: „dabei immer versuchen, die Dinge mit allen Sinnen wahrzunehmen“. Bei einem Spaziergang am Meer könne man „das Salz schmecken und die Wellen beobachten – das ist für die meisten Balsam für die Seele“.
Achtsamkeit kann demnach helfen, „sich auf das Gute und auf den gegenwärtigen Moment zu fokussieren und sich zu sagen: ‚Jetzt ist es gut'“. Das hält die Psychologin für wichtig, „um sich nicht von allem Negativen in der Welt überschwemmen zu lassen“. Bewegung könne zudem depressive Verstimmungen lindern. Noch sinnvoller sei es, „zusammen mit Freunden zu walken oder zu joggen“.
Sport ist also eine gute Idee – wenn man sich dazu aufraffen kann. Anfang des Jahres erleben Fitnessstudios eine Hochphase, „viele möchten ihre guten Vorsätze umsetzen“, erklärt Alexander Wulf. „Fitness und Bewegung sind nachweislich die beste Medizin – auch als mentale Unterstützung in der dunklen Jahreszeit“, sagt der Sprecher des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen.
Und wie bezwingt man den inneren Schweinehund, der lieber auf dem Sofa herumlümmelt? Die gut 9.100 Fitnessstudios hierzulande können laut Wulf etwa punkten mit einer großen Angebotsvielfalt – vom Kraftsport bis zu Yoga und Latin Dance. „Für Einsteiger ist ein Studio mit guter und intensiver Betreuung wichtig“, betont der Experte. Das helfe neben digitaler Trainingsdokumentation auch, die Motivation aufrechtzuhalten. Außerdem sollte das Studio ohne lange Wege zu erreichen sein und das Training in den Alltag integriert werden – „man sollte eine Routine daraus machen“.
Auch die Gemeinschaft mit anderen Sportlern sowie professionell angeleitetes Training können Menschen laut Wulf motivieren. In Fitnessstudios trainieren nach seiner Beobachtung keine Einzelgänger, die stumpf ihre Übungen abarbeiten. Gerade bei Kursen in Gemeinschaft gebe es einen regen Austausch. Zudem sorge ein kundiger Trainer oder eine mitreißende Trainerin für Extra-Motivation – „etwas, das man vielleicht alleine nicht so schafft“.
"Strahlen über das ganze Gesicht"
Etwas Verrücktes tun, sich 2026 neuen Herausforderungen stellen – in Gemeinschaft gelingt das besser und macht doppelt Spaß. Das gilt auch beim Winterbaden. Auf Sylt finden daran immer mehr Menschen Gefallen, wie Psychologin Willenbrock beobachtet. „Vor allem am Morgen treffen sich dafür Leute am Hauptstrand“, darunter auch „alte Leute, die das schon immer praktizieren“. Das Bad im kalten Meer rege die Ausschüttung von Glückshormonen an; „die Menschen strahlen danach über das ganze Gesicht“. Wenn man sich dazu durchringen könne, habe man ein extrem gutes Körpergefühl.
Gesundheitspsychologe Hertel empfiehlt, 30 Minuten lang das wenig anstrengende und gelenkschonende Slow Jogging zu praktizieren – mit 180 kleinen Schritten pro Minute. Dies aktiviere nicht nur angenehm Kreislauf und Muskulatur, es werde dabei auch ein Cannabis-ähnlicher Botenstoff ausgeschüttet, der die Stimmung „spürbar anhebt“.
Davon abgesehen sollte man sich gezielt mit netten, gut gelaunten Menschen verabreden, erklärt der Wellness-Experte. Das lenke vom Grübeln ab und könne im positiven Sinne ansteckend sein.
Auch eine vollwertige Ernährung – besonders Lebensmittel mit Tryptophan, Magnesium, B-Vitaminen und Omega-3-Fettsäuren – wirke sich positiv auf die Stimmung aus. „Nicht zu vergessen Scharfmacher wie Chili und Ingwer, die das innere Feuer etwas anheizen.“ Für Hertel sind das – zu jeder Jahreszeit – die „besten echten Wellness-Aktivitäten“. Es sei ein weit verbreiteter Irrtum zu denken, Wellness sei ein reines Entspannungs- und Verwöhnprogramm: Vielmehr gehe es darum, „das Beste aus seinem Leben machen zu wollen, seine Potenziale für ein gutes und gelingendes Leben zur Entfaltung zu bringen, und dieses Ziel alltäglich durch sein aktives Handeln zu verfolgen“. Nicht nur am Jahresanfang.