"Begleiten ist vielleicht wichtiger als heilen"
Ein ganz normaler Tag in einer Ambulanz für obdachlose Menschen.
Es ist 13 Uhr, und Mihaly Ötvös lässt den Rollladen am Eingang zur Elisabeth-Straßenambulanz (ESA) der Caritas in Frankfurt herunter. Doch Feierabend ist in der Notfallpraxis noch lange nicht. Gut zehn Klienten sitzen noch im hellen Wartebereich und auf dem langen Flur und warten auf ihre Behandlung. Menschen, meist ohne Job, ohne Krankenversicherung und ohne eigene Wohnung. Viele leben auf der Straße.
Krankenpfleger Mihaly organisiert heute den Ablauf und setzt sich zu einer älteren Frau an den Tisch, um ihre Bedürfnisse, die Schmerzen und deren Behandlung abzuklären. Noch muss sich die Dame gedulden, aber behandelt wird sie heute auf jeden Fall noch. Ein kostenfreier Kaffee hilft, die Wartezeit zu überbrücken.
Wenig Verbesserung zum Guten
Im ersten Praxisraum führt derweil Ärztin Carolin Austermann-Grofer eine Ultraschall-Untersuchung durch, während nebenan eitrige Wunden eines Patienten versorgt werden. Im Pflegebad kann ein obdachloser Mensch vor der Behandlung warm duschen, während neue Kleidung für ihn in der Kleiderkammer gesucht wird. Doktor Uwe Runge versorgt im Zahnarztraum ehrenamtlich die Zähne eines Klienten, während Schwester Maria Goetzens, Ärztin und Leiterin der Elisabeth-Straßenambulanz, mit einem Patienten die Medikation für seine Magenschmerzen bespricht.
Seit 1993 Jahren arbeitet die Ordensschwester nun schon als Ärztin bei der Straßenambulanz. Vieles hat sich verändert, sagt sie, wenig zum Guten. „Patienten mit Depressionen, psychisch kranke Menschen: Das hat extrem zugenommen.“ Auch die Patientenzahl ist stark angestiegen. Waren es 1996 noch etwa zehn oder fünfzehn Patienten am Tag, sind es heute im Durchschnitt 30 bis 40.
Mittlerweile sind auch Martina Caldenhoven und Raphael Gruber mit dem Pflegebus zurück. An zwei Standorten haben die Krankenschwester und der ehrenamtliche Arzt heute Vormittag Menschen in Not versorgt. Beim Besuch am Frankfurter Hauptbahnhof hat das Duo in der Bahnhofsmission eine Frau aus Litauen angetroffen. Während Raphael sich um Fieber und eine mögliche Medikation kümmerte, hat die Krankenschwester einen Wundverband an beiden Beinen angelegt. Bei den Gesprächen helfen heute die Sprachtools der Handys.
Raphael sieht gerade Obdachlose in einem Teufelskreis: „Kleine gesundheitliche Probleme werden auf der Straße schnell zu sehr großen körperlichen Schädigungen“, erklärt er. „Geschwollene Unterschenkel, die man mit Kompressionsstrümpfen und einfachen Medikamenten behandeln könnte, werden zum Nährboden für Keime, Fieber und Infektionen“, was oft zu schweren Infektionen führe und im Krankenhaus ende.
Wenn Parkbänke die Gesundheit belasten
Gerade im Umfeld des Hauptbahnhofs litten viele unter einer „Parkbanklähmung“: Sogenannte defensive Architektur mit Armlehnen in den Bänken verhindere zwar, dass Reisende durch schlafende Obdachlose gestört würden – führe aber bei diesen Menschen, die dann eben im Sitzen Schlaf suchen, zu Blutstau und Thrombosen. Und wer beim Gehen eingeschränkt sei, habe kaum noch Zugang zu Hilfen: „Die Frau hätte den Weg zu uns in die Ambulanz gar nicht meistern können – viel zu weit für sie. Ähnliches gilt für Essensausgaben bei der Tafel, das Jobcenter oder Notunterkünfte.“ Menschen auf dem Abstellgleis zwischen Bahnsteig und Reisezentrum: Für viele ist der Zug längst abgefahren.
„Was ich bei meiner Arbeit erlebe, ist eigentlich ein Sterben auf Raten“, sagt Martina. „Natürlich versuchen wir zu heilen, aber immer mehr sind wir palliativ tätig: Wir lindern Symptome, aber wir kriegen sehr selten eine komplette Heilung hin.“
Manche Menschen begleiten die Mitarbeiter der ESA seit Jahren oder Jahrzehnten. „Viele sind durch ihre chronischen, degenerativen Erkrankungen psychisch so angeschlagen – die können wir nicht einfach in ein Pflegeheim vermitteln.“ Dann gehe es darum, beim Leben auf der Straße auch in den letzten Jahren eine würdevolle Zeit zu ermöglichen.
Im tiefsten Winter nur Sandalen
Im Warteraum der ESA sitzt Ahmed* als letzter Klient für heute alleine an einem Tisch, den Kopf in seine Jeansjacke vergraben. Eine Krankenschwester bringt ihm frische, dicke Wollsocken und hilft ihm beim Anziehen. Der ältere Herr kam in Sandalen und kann zurzeit auch keine anderen Schuhe tragen, da seine geschwollenen Füße nirgendwo hineinpassen würden – und das bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt.
Ahmed ist gut bekannt hier, genau wie seine Krankenakte. Die Schmerzen in der Hüfte seien unerträglich – und neue Kleider brauche er. Eine Jogginghose gerne. Noch während der Untersuchung ruft eine Mitarbeiterin beim Bruder des Patienten an. Telefonate mit einem Krankenhaus bringen Licht ins Dunkel: Ahmed ist vor zwei Tagen aus einer Klinik getürmt und schläft seither wieder in einem Park.
„Die Hektik, die vielen Menschen in einem Krankenhaus – Ahmed hat das psychisch einfach nicht geschafft“, weiß Maria Goetzens. Auch wenn sein Körper die professionelle Behandlung dringend bräuchte: „Und doch kommt er zu uns und vertraut uns.“ Fünf Fachkräfte, die eigentlich längst Feierabend hätten, kümmern sich schlussendlich um Ahmed – und können ihn nach einer Wundversorgung und mit passender Kleidung dazu bewegen, ins Krankenhaus zurückzugehen. Mihaly übernimmt den Fahrdienst.
Am Kopfende der langen Reihe von Behandlungszimmern befindet sich ein Pausenraum für die Mitarbeitenden – heute wieder einmal das Zimmer, das am wenigsten besucht wurde. Von Zeit zu Zeit hastet jemand herein, nimmt einen Bissen vom mitgebrachten Pausenbrot, trinkt einen Schluck Wasser – und verschwindet wieder auf den Gängen der Ambulanz.
Am Nachmittag kommt auch Maria Goetzens kurz vorbei: „Haben wir es also wieder nicht geschafft, in Ruhe bei einer Mittagspause eine geregelte Übergabe zu machen“, sagt sie und lacht. Einerseits mache ihr die Arbeitsbelastung Sorgen, gibt sie zu, andererseits sei sie stolz und dankbar für das Engagement eines jeden hier im Team.
Und schon ist die Ärztin wieder verschwunden. Berichte schreiben, wie ihre Kolleginnen an weiteren Rechnern, verteilt im Haus. Ein ganz normaler Tag eben, hier in der Elisabeth-Straßenambulanz für kranke, obdachlose Menschen in Frankfurt.
KNA