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05.01.2026
Ein Frau zündet einen Zettel an über einer Feuerschale, im Rahmen eines Rituals, um Wünsche zu manifestieren.
Foto / Quelle: Julia Steinbrecht/KNA

Auf der Suche nach Zeichen - Dem Sinn auf der Spur

Gedanken formen kein Wunder – aber das eigene Handeln. Viele Menschen suchen zum Jahresbeginn neue Orientierung in Praktiken wie dem Manifestieren. Fachleute erklären, warum der Trend weniger magisch ist, als er klingt.

Bonn

Jetzt wird alles anders – das neue Jahr möchten viele Menschen aktiv gestalten. „Die Zeit des Jahreswechsels wird gerne als ‚besinnlich‘ bezeichnet“, sagt die Yogalehrerin Jenny Redmann-Schiedt. „Wir ’sinnen‘ über das Leben und nutzen die Zeit zum Reflektieren.“ Ihr Eindruck: „Der Wunsch, ein sinnerfülltes Leben zu führen, ist größer denn je.“

Redmann-Schiedt ist auch als spirituelle Mentorin tätig. Das heißt, sie unterstützt Menschen darin, einen Sinn im Leben (wieder-)zu finden. Sie beobachtet, dass Menschen in dieser Phase des Jahres verstärkt reflektieren und Orientierung suchen. Dann gewinnen Praktiken wie Manifestieren vermehrt an Bedeutung. In – oftmals parodistischer – Form kennt man dies aus Komödien, in denen wenig erfolgreiche Figuren sich morgens im Spiegel etwa selbst erzählen, sie seien ein Supertyp und niemand könne sie stoppen. So plakativ ist Manifestieren im Alltag selten. Vielmehr verstehen viele darunter eine Haltung, die Selbstreflexion mit dem Anspruch verbindet, das eigene Leben aktiv zu gestalten.

Das Leben aktiv anpacken

Für Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne, ist Manifestieren keine Entwicklung der modernen Zeit. Er ordnet das Phänomen historisch ein: „Was gerade als neuer Trend verkauft wird, ist keineswegs neu. Früher sprach man vom positiven Denken, das wurde im 20. Jahrhundert unter anderem durch Norman Vincent Peale populär gemacht.“ Die Bücher des reformierten Pfarrers wie „Die Kraft des positiven Denkens“ wurden Weltbestseller, ernteten aber auch Kritik, weil der Glaube darin allzu sehr mit beruflich-wirtschaftlichem Erfolg verknüpft würde.

Redmann-Schiedt beschreibt Manifestieren als praktische Haltung und Handlungsprinzip: „Manifestieren bedeutet für mich, ‚ins Tun zu kommen‘. Die universelle Regel für mich lautet: Heute gestalte ich aktiv mein Morgen. Ich übernehme tagtäglich die Verantwortung für mein Denken, Fühlen und Handeln.“ Wer dem folge, was ihr oder ihm wirklich Freude bereite, erlebe häufiger Impulse, Geistesblitze und Ideen. „Wenn ich diesen konsequent nachgehe, wird sich sehr schnell eine Veränderung im außen zeigen. So werde ich ohne ‚Hokuspokus‘ zum Schöpfer meines Lebens“, erklärt sie.

Schatzkarten und Manager-Sprüche

Lebensberater Vadim Tschenze arbeitet mit einer konkreten Visualisierungstechnik, die ursprünglich aus dem Feng Shui stammt, einer chinesischen Harmonielehre: „Ich empfehle, eine Schatzkarte zu erstellen. Dort schreibt man nicht: „Ich will eine Beziehung“, sondern: „Ich habe eine erfüllte Partnerschaft“. Es geht nicht ums Wünschen, sondern darum, sich das Gewünschte schon als Realität vorzustellen.“ In Management-Ratgebern findet man nicht selten Sprüche wie „fake it ‚til you make it“ – was nicht auf Betrug abzielt, sondern eher darauf, selbstbewusster aufzutreten, als man sich womöglich in manchen Situationen fühlt.

Tschenzes Schatzkarte dient, wie er sagt, vielen seiner Klienten als visuelle Orientierung und werde über Jahre hinweg weiterentwickelt. Durch diese Praxis entstehe eine Form des Manifestierens, die innere Haltung und konkrete Schritte miteinander verbindet. So können Impulse sichtbar werden, die vorher unbewusst geblieben seien.

Verbreitete Suche nach Orientierung

Die Kombination aus Selbstreflexion, Visualisierung und Tatkraft erklärt, warum Manifestieren für viele Menschen wirksam wirkt, obwohl Gedanken allein nicht auf magische Weise die Realität formen. „Der Erfolg von Praktiken wie Manifestieren ist in einer Gesellschaft zu sehen, in der viele traditionelle religiöse Sinnangebote an Bedeutung verlieren“, erklärt Wissenschaftler Stolz. „Menschen suchen nach Bedeutung, Orientierung und Selbstwirksamkeit. Manifestieren kann helfen, Ziele bewusst zu formulieren und entschlossen zu handeln – auch wenn es keine übernatürliche Kraft entfaltet.“

Zu Beginn eines neuen Jahres werden diese Bedürfnisse besonders deutlich. Die Wege, die Menschen wählen, um Orientierung zu finden, sind vielfältiger geworden – die grundlegenden Fragen sind indes geblieben.

KNA
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