„Auch der fehlgeschlagene Einsatz hat einen Wert in sich.“
Er war einer der zentralen Widerstandskämpfer gegen Hitler. Josef Wirmer, vor 125 Jahren in Paderborn geboren und in Warburg aufgewachsen, handelte aus seinem christlichen Glauben heraus. Wenige Wochen nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er hingerichtet.
Josef Wirmer war ein großer und breiter Mann. So zeigen ihn die Fotos am 7. und 8. September 1944 vor dem Volksgerichtshof in Berlin: leicht vornübergebeugt auf die Lehne eines Stuhls gestützt, müde, aber mit konzentriertem Blick. Mag sein, dass ihn die Gestapohaft und die Verhöre geschwächt hatten, auch dass ihn die Aussicht auf den nahezu sicheren Tod niederdrückte. Aber trotz der Beleidigungen und Häme des Gerichtsvorsitzenden Roland Freisler blieb er unbeirrt und mutig. Als Freisler höhnisch anmerkte „Bald werden Sie in der Hölle sein …“, erwiderte Josef Wirmer: „Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident.“
Am 4. August 1944 hatte die Gestapo Josef Wirmer in Berlin als Mitverschwörer des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 verhaftet. In den knapp zwei Wochen vor der Festnahme hatte er, obwohl seit dem 1. August steckbrieflich gesucht, wichtige Mitverschwörer getroffen, konspirative Arbeit geleistet und Nachrichten überbracht. Eine Flucht ins Ausland hatte er ausgeschlossen, weil er seine Frau Hedwig und die drei Kinder Maria, Johanna und Anton nicht der Sippenhaft aussetzen wollte.
Dass sein Schicksal besiegelt war, war Wirmer klar. Das erschütterte ihn in seinen Überzeugungen nicht. Aus der Haft hinterließ er einem Freund ein politisches Testament. Er sei „durchaus gefasst“, heißt es in dem Brief: „Auch der fehlgeschlagene Einsatz hat einen Wert in sich.“
Eine katholische Welt
Die innere Stärke von Josef Wirmer gründete in seiner Herkunft. Er wuchs in einer katholisch geprägten Welt auf. Seit Vater war der Warburger Gymnasialdirektor Anton Wirmer. Seine Mutter Maria stammte aus dem westfälischen Adel. Der achtjährige Josef, zweites von fünf Geschwistern, war 1909 mit seiner Familie aus Paderborn nach Warburg gezogen, weil der Vater die Leitung des Gymnasiums Marianum übernahm. Anton Wirmer verfasste wissenschaftliche Studien und wirkte als Kommunalpolitiker. Als Mitglied der katholischen Zentrumspartei wurde er Vorsteher der Warburger Stadtverordnetenversammlung.
Josef Wirmer besuchte das Gymnasium Marianum, das sein Vater leitete. 1920 bestand er das Abitur mit Auszeichnung und begann Jura zu studieren – ein Semester in Freiburg, dann in Berlin. Dort ließ er sich 1928 als Rechtsanwalt nieder.
Politiker aus „religiöser Anschauung“
Während seines Studiums hatte er einer als liberal geltenden katholischen Studentenverbindung angehört. Noch vorm Volksgerichtshof gab er 1944 an, er sei „tief religiös“ und aus seiner „religiösen Anschauung“ habe er sich dem Widerstand angeschlossen.
Den christlichen Glauben und die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche im Alltag und im politischen Leben unter Beweis zu stellen, war für Josef Wirmer offensichtlich selbstverständlich – er folgte darin seinem Vater, dem Pädagogen und Kommunalpolitiker.
Schon während des Studiums und später als Rechtsanwalt engagierte sich Josef Wirmer in der katholischen Zentrumspartei. Er pflegte gute Verbindungen zur Reichstagsfraktion und zur Parteispitze und wurde zu einem engen Mitarbeiter und Vertrauten des Zentrumspolitikers Heinrich Brüning, dem Reichskanzler von 1930 bis 1932. Josef Wirmer war bei den Reichstagswahlen 1932 Kandidat des Zentrums, wurde jedoch nicht gewählt. Der „rote Wirmer“, wie er im Zentrum auch hieß, hatte seinen Spitznamen wegen seiner guten Kontakte zur katholischen Arbeiterbewegung erhalten.
Josef Wirmer gehörte zu den Verhandlungsteams, die mit dem päpstlichen Botschafter in Deutschland, Nuntius Eugenio Pacelli (dem späteren Papst Pius XII.), über eine Vereinbarung mit dem Deutschen Reich sprachen. Das 1933 mit Hitler abgeschlossene Konkordat der Kirche lehnte Wirmer jedoch entschieden ab. Die Politik des Zentrumsvorsitzenden Prälat Ludwig Kaas, der die Konkordatsverhandlungen mit den Nationalsozialisten geführt hatte, soll Josef Wirmer verachtet haben. Dem überzeugten Katholiken Wirmer reichte es nicht, dass sich die katholische Kirche im Schutz des ausgehandelten Konkordats aus der Politik zurückzog und damit zufrieden war, die eigene christliche Lehre zu verkünden und das schon als Widerstand zu verstehen.
Am 23. März stimmte das Zentrum unter dem Vorsitz von Prälat Kaas dem Ermächtigungsgesetz zu, das die gesetzgebende Gewalt auf Adolf Hitler und die nationalsozialistische Reichsregierung übertrug. Die Selbstauflösung des Zentrums im Juli 1933 war die logische Folge. Damit war auch Josef Wirmer die Grundlage für jegliches politisches Engagement entzogen. Mit seinen Zweifeln sollte er schon bald Recht haben. Die Nationalsozialisten kümmerten sich nicht sehr um die Zusagen, die sie im Konkordat zugestanden hatten, sondern schränkten die Freiräume der katholischen Kirche und deren Verbände kontinuierlich ein.
Vermittler im Widerstand
In den folgenden Jahren geriet Josef Wirmer auch als Anwalt unter Druck, weil er Gegner und Verfolgte verteidigte. Das Regime drohte Josef Wirmer mit einem Ehrengerichtsverfahren, selbst Joseph Goebbels soll versucht haben, ihn einzuschüchtern. Die Berufung zum Notar wurde Josef Wirmer verweigert.
1936 fand Wirmer Anschluss an einen kleinen Kreis oppositioneller katholischer Gewerkschafter. Ab 1938 intensivierte sich die Widerstandstätigkeit. Wieder erwies sich Josef Wirmers Stärke als Vermittler. Innerhalb der Widerstandsbewegung trafen gegensätzliche politische Aufstellungen aufeinander. Wirmer hielt den Kontakt zu Sozialdemokraten wie Julius Leber und hatte auch einen guten Draht zu dem späteren Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg, obwohl er dessen antidemokratische und nationalistische Haltung nicht teilte.
In Wirmers Privathaus und in seinem Büro in Berlin trafen sich Mitglieder des Widerstands regelmäßig. Wirmer galt als Koordinator des engsten Kreises um Carl Goerdeler, den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister und führenden Kopf der geheimen Widerstandsbewegung. Goerdeler schlug Josef Wirmer als Justizminister für die Regierung nach dem Ende Hitler-Deutschlands vor.
„Morgen Abend werde ich tot sein“
Es ist nicht bekannt, ob Josef Wirmer tatsächlich von dem Attentat am 20. Juli 1944 wusste. Der Gestapo war die zentrale Rolle Wirmers jedoch bald bekannt, auch wenn sie Wirmer die Beteiligung am Attentat nicht nachweisen konnte.
Josef Wirmer wurde in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Dort traf er seine Frau Hedwig und seine Kinder Anton und Maria sowie seinen Bruder Otto. Am Abend des ersten Verhandlungstages durfte Hedwig Wirmer ihren Mann im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin besuchen. Er habe sich keine Illusionen über sein Schicksal gemacht, sagte sie später. Ihr Mann sei sehr blass gewesen und habe gesagt: „Morgen wird das Urteil gefällt und morgen Abend werde ich tot sein.“
Josef Wirmer wurde am 8. September 1944 um 16.45 Uhr, nur zwei Stunden nach seiner Verurteilung, in der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee am Strang ermordet. Mit Wirmer starben fünf weitere Männer an diesem Tag. Der 43-jährige Josef Wirmer wurde als letzter hingerichtet. Die Hinrichtung, so hält es das Protokoll penibel fest, dauerte vier Minuten. Das Eigentum der Familie von Josef Wirmer wurde vom Staat beschlagnahmt, seine Asche anonym entsorgt. Die enteigneten Angehörigen erhielten eine Kostenrechnung für die Todesstrafe und die Kosten der Strafvollstreckung.
Warburg, in dem Josef Wirmer aufgewachsen war, gedachte seines ermordeten Mitbürgers 1949 durch die Enthüllung einer „Josef-Wirmer-Gedächtnis-Leuchte“ auf dem Brüderkirchhof. Das war zu dieser Zeit nicht selbstverständlich, denn noch viele Jahre sollte sich die Mär von den angeblichen „Hochverrätern“ des Widerstands gegen Hitler halten.
Hintergrund
Josef Wirmer hat eine Nationalflagge für den Fall eines erfolgreichen Staatsstreichs gegen Hitler entworfen. In den Grundfarben Rot-Gelb-Schwarz gehalten und durch das christliche Kreuz geprägt, ähnelt sie der Reichskriegsflagge. Der Parlamentarische Rat, der 1948/49 das Grundgesetz erarbeitet, entschloss sich gegen die Wirmer-Flagge und für die schwarz-rot-goldene Trikolore in der Tradition der Weimarer Republik. Seit Beginn der Nullerjahre taucht der Flaggenentwurf Wirmers häufig bei Veranstaltungen rechtsextremistischer und rechtspopulistischer Gruppen auf. Dagegen protestierte unter anderem die „Stiftung 20. Juli 1944“. Das Schwenken der Wirmer-Fahne auf extremistischen und fremdenfeindlichen Veranstaltungen verhöhne eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft, für die Josef Wirmer gestanden habe.