Zusage Gottes: „Immanuel“

Gedanken zu Mt 1,18-24

Neues bricht auf und trägt den Namen „Immanuel – Gott mit uns“!

Wie soll es weitergehen? Foto: fwd:rewind / photocase

 

von Michaela Labudda

Kommt mir nicht mit Jungfrauengeburt! Jede und jeder, der im Biologieunterricht aufgepasst hat oder auch nur je einen Blick in eine „Bravo“-­Zeitschrift geworfen hat, weiß, dass die zentrale Botschaft unseres heutigen Evangeliums zumindest mit Zweifel, wenn nicht sogar mit Kopfschütteln beantwortet werden muss. Wie viel Energie haben Verkündigende aufbringen müssen, um die biologische Klarheit einer Kindeszeugung mit dem Wunder der Empfängnis Jesu zusammenzudenken?

Manchmal hilft es, wenn man versteht, dass die Bibel kein Geschichts-, sondern ein Erklärbuch ist. Viel mehr als zu erklären, was geschehen ist, ist den biblischen Urerzählungen wichtig, dem Warum auf die Spur zu kommen. Im vorherigen Kapitel hat Matthäus den Stammbaum Jesu dargestellt: Zweifelsfrei ist nun geklärt, dass dieser Jesus, von dem sein Evangelium handelt, in der direkten Nachfolge der großen Verheißungspersönlichkeit der jüdischen Geschichte steht: König David, Verfasser der damaligen Gebetswelt, Gerechtester aller Herrscher, die bislang größte Persönlichkeit der eigenen Geschichte. Jetzt kommt also Jesus. Und es ist zu erklären, warum dieser noch größer sein soll, warum mit ihm eine neue Zeitrechnung beginnt. Was hebt ihn ab von allem Bisherigen?

Die Jungfrauengeburt ist übrigens ein viel beschriebenes Motiv: Im Zusammenhang mit Zeus geschieht die Zeugung durch Goldregen, Ale­xander der Große wurde angeblich durch Blitzschlag gezeugt, die hinduistische Gottheit Krishna entstand durch die Vereinigung eines blonden und eines schwarzen Haares. Immer wird damit deutlich: Dieses Kind kommt aus einer anderen Wirklichkeit als unserer. Und so ist die Beschreibung „Jungfrau“ hier nichts anderes als ein großes Ausrufezeichen. Gott greift in unser Leben und unsere Geschichte ein. Es ist, das zeigt der Verweis auf das Alte Testament, eine Botschaft an die Menschen: „Gott ist mit uns! Immanuel!“

Na, und der Vater? Aber was ist dann mit Josef? Welche Rolle hat dieser? Jedes Kind braucht einen Schutzraum, selbst ein göttliches; zu biblischen Zeiten konnte das nicht durch eine Frau allein gegeben sein. Also folgt die Erklärung, wie göttliche Eingebung und irdischer Schutzraum zusammengedacht werden können. Mit der Verlobung war die Frau in den Besitz des Mannes übergegangen. Erst mit der Hochzeit jedoch begann die Zeit der Fruchtbarkeit. Nun war Maria schwanger: ein Bruch des Vertrages von beiden Seiten. Ihr drohte der Tod durch Steinigung und Josef der Vorwurf des Vertragsbruchs! Matthäus stellt uns Josef vor: Er will Maria nichts Böses (Sollte er sie freigeben?), aber auch sich selber schützen. Was tun? Die Ungewissheit vieler wird zusammengefasst in seiner Angst und Sorge: ein Dilemma!

Aber der Evangelist will zeigen: Dieses Kind gehört niemandem! Das Ereignis, in dem Gott sich den Menschen verfügbar macht, gehört nicht in den Rahmen einer einzelnen Familie, es steht über Recht und Gesetz; es ist größer als alle Verträge. Dieses göttliche Kind ermöglicht echte Freiheit: Es ist die Freiheit selbst. Es gehört niemandem, aber will sich für alle zugehörig erweisen. Es muss also den Rahmen des Ehevertrages (der ein Besitzrecht umschrieb) sprengen. Die Erzählung ermöglicht göttliche Freiheit und sie gibt auch Maria frei.

Angst trifft Gotteszusage: „Immanuel“. Josefs Ängste lähmen ihn, er kann nicht richtig handeln. Für ihn ist die Freiheit noch dunkle Unwägbarkeit. Das kennen wir doch auch. Politisch: lieber nationale Sicherheiten als globale Möglichkeiten; in Bezug auf die Umwelt erkennen wir immer mehr: Freiheit bedeutet Verantwortung zu übernehmen; im kirchlichen Umfeld führt Angst oft zur Blockade. Lieber Festhalten an Altem und Überliefertem, statt dem Neuen etwas zuzutrauen! Und persönlich: Wie oft spüre ich lähmende Angst, die mir Entscheidungen und meine Freiheit schwer macht?

In all unsere Ängste antwortet heute Gott dem Josef: „Fürchte dich nicht!“ Und auf Maria hin: Das in ihr Gezeugte ist vom Heiligen Geist! Zeugen ist Neubeginn, Zeugnis mit dem gleichen Wortstamm bedeutet, dafür einzustehen. Das Neue muss nicht beängstigend sein, wenn ich ihm zugleich einen Namen, eine Bedeutung gebe: „Immanuel – Gott ist mit uns!“

Zur Autorin: Michaela Labudda ist wissenschaftliche Referentin an der Katholischen Hochschule Paderborn und Gemeindereferentin in St. Katharina Unna.

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