„Europa hat Solidarität vermissen lassen“

Flüchtlinge: Hammer Oberbürgermeister auf Einladung von Papst Franziskus bei Treffen im Vatikan

Hamm/Rom. Draußen auf dem Vorplatz des Petersdomes leuchtete die 25 Meter hohe Tanne, die Kinder und Jugendliche aus Malta mit Kugeln und Lichterketten für Papst Franziskus geschmückt hatten. Hinter den dicken Mauern der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ging es um Menschlichkeit und Solidarität, wie es die Botschaft von Weihnachten vorgibt: Papst Franziskus hatte städtische Vertreter aus allen Teilen Europas in den Vatikan eingeladen, um darüber zu sprechen, wie sich bei ihnen die Flüchtlingssituation vor Ort gestaltet.

Nahm das Hammer „Flüchtlingsherz“ stellvertretend für den Heiligen Vater aus der Hand von OB Thomas Hunsteger-­Petermann in Empfang: Kurienbischof Marcello Sánches Sorondo als Leiter der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

 

Das Thema „Flüchtlinge“ liegt dem Papst in besonderer Weise am Herzen: Nicht ohne Grund führte seine erste Dienstreise als Papst nach Lampedusa, wo die Boote mit den Flüchtlingen anlanden. „Ein Vertreter Lampudusas hat sehr eindrucksvoll geschildert, dass der Flüchtlingsstrom keineswegs abgerissen ist, wie viele denken“, schildert der Hammer Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann. Er war zu dem „Summit“ in der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ebenso eingeladen wie die städtischen Repräsentanten von Paris, Barcelona, Warschau und anderen Metropolen.

Insgesamt bestand der Kreis aus über 70 Teilnehmern, von denen die größte Gruppe aus Deutschland kam. „Für mich war die Einladung natürlich ein Stück schmeichelhaft, weil Hamm mit 180 000 Einwohnern normalerweise nicht zum Kreis der Metropolen gehört“, freute sich der Hammer Oberbürgermeister über die Einladung in den Vatikan.

Im Zusammenhang mit der Flüchtlingspolitik gehörte das Stadtoberhaupt aus dem Erzbistum aber zu den Personen, die eine Menge zu sagen hatten – zumal er im Kreis der städtischen Repräsentanten überaus deutlich wurde: „Gerade bei der Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen hat Europa die notwendige Solidarität vermissen lassen. Wenn man sich vor Augen führt, dass einige Städte im Osten Europas lediglich ein paar Handvoll Flüchtlinge aufgenommen haben und eine Stadt wie Hamm mehr als 3 000, dann passt das Verhältnis nicht.“

Anschaulich berichtete Hunsteger-Petermann davon, wie in den Sommermonaten des vergangenen Jahres täglich Busse mit Flüchtlingen nach Hamm gekommen sind – und wie innerhalb weniger Stunden Unterkünfte gefunden werden mussten. „Auf Bitten des Landes haben wir die Alfred-Fischer-Halle, die zu den größtes Veranstaltungsgebäuden in unserer Stadt gehört, zu einer Notunterkunft hergerichtet. Es war eine riesige Herausforderung, innerhalb kürzester Zeit die nötige Infrastruktur zu schaffen, weil Betten, Toiletten und Duschen nur schwer zu beschaffen waren – unter den Städten gab es einen regelrechten Wettlauf um diese Dinge.“

Gerade in dieser Zeit habe ihn die große Solidarität der Menschen in Hamm beeindruckt: „Wir konnten nur deshalb so schnell reagieren, weil ich mir der Unterstützung der Politik zu jedem Zeitpunkt sicher sein konnte – und das über alle Parteigrenzen hinweg. Wir brauchten nicht vor jeder Entscheidung die jeweiligen Beschlüsse herbeizuführen.“

Auch von Seiten der Bürgerinnen und Bürger gebe es bis heute eine große Solidarität und Hilfsbereitschaft, die sich insbesondere im ehrenamtlichen Engagement zeige: „Hier gibt es Menschen, die Deutsch unterrichten, gemeinsam mit Flüchtlingen Bänke und Tische bauen – oder mit den Kindern spielen und backen.“

Selbstverständlich gebe es im Zusammenhang mit der Unterbringung und Integration der Flüchtige aber auch Probleme, die man nicht verschweigen dürfe, so Hunsteger-Petermann: „Wir sollten nicht den Fehler machen, die Flüchtlinge zu überhöhen. Sie bilden genauso einen Querschnitt ab, wie es in jeder Gesellschaft der Fall ist: Vielfach sind gute Menschen zu uns gekommen, aber nicht ausschließlich: Das muss man so offen sagen.“

Neben der Unterbringung stelle die Integration der Menschen eine besondere Herausforderung dar: Zu diesem Zweck habe die Stadt Hamm ein eigenes Integrationskonzept erarbeitet, das aus 34 Einzelmaßnahmen besteht – die Bandbreite reicht von zusätzlichen Sprachkursen, über den Ausbau der Kindergartenplätze bis hin zu speziellen Inte­grationskursen, in denen die Menschen über das Leben in Deutschland informiert werden: „Darin geht es dann auch um so Selbstverständlichkeiten wie die Gleichheit von Mann und Frau.“

Am Ende der Veranstaltung überreichte Oberbürgermeister Hunsteger-Petermann das „Hammer Flüchtlingsherz“ an Kurienbischof Marcello Sánches Sorondo als Leiter der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

Dieser nahm das Präsent aus Hamm stellvertretend für Papst Franziskus entgegen: „Leider ist es nicht zu einer persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater gekommen. Er hat uns aber seinen herzlichen Dank für unser Engagement zur Integration der Flüchtlinge ausrichten lassen. Diesen Dank gebe ich direkt an die Menschen in unserer Stadt weiter.“

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