Ein Anker für Hilfesuchende

Auch die Selbsthilfegruppen des Kreuzbundes leiden unter der Corona-Krise

Für Suchtkranke verlockend: Alkohol ist in Supermärkten, Tankstellen und Kiosken frei verfügbar. Foto: Berenbrinker

 

Verl. Die Gruppenstunden der Verler Kreuzbundgruppe sind für Suchtkranke und deren Angehörige ein fester Termin in der Woche. Jeden Dienstag trifft man sich im Pfarrzentrum. Aufgrund der Corona-Krise sind auch diese Treffen ausgesetzt. Die Selbsthilfegruppe möchte aber weiterhin ein Anker für die Hilfesuchenden sein.

von Andreas Berenbrinker

43 Mitglieder hat der Kreuzbund in Verl (Kreis Gütersloh). 33 Personen davon sind selbst betroffen, also suchtkrank. „Wir haben ausschließlich alkoholsüchtige Menschen in unseren Gruppen“, berichtet Franz Brinkmann (73), der neben Hans-Peter Jakobfeuerborn Gruppenleiter ist. Andere Suchterkrankungen wie Tabletten- oder Spielsucht gebe es in der Kreuzbundgruppe derzeit nicht.

Besondere Sorgen bereiten den Verantwortlichen die Frauen und Männer, die entweder noch gar nicht richtig „trocken“ waren, oder die erst seit kurzer Zeit ihre Finger vom Alkohol lassen. „Das sind so sechs bis sieben Personen“, sagt Brinkmann. Hier sei die Hilfe im Moment besonders schwierig. „Während der Gruppenstunden merken wir, wenn da etwas im Busch ist“, sagt Hans-Peter Jakobfeuerborn (57), der seit 13 Jahren keinen Alkohol mehr trinkt. Derzeit sei dies nicht so leicht möglich und für „Selbstanzeigen“ nach einem Rückfall fehle einigen Betroffenen der Mut oder die Kraft.

Gespräche über Gott und die Welt

Aber obwohl die Gruppenstunden derzeit ausfallen, wollen die Verantwortlichen, zu denen auch Michael Bathe (46) gehört, für ihre Kreuzbund-Mitglieder da sein. Intensiv geprüft wird derzeit das Angebot von Videokonferenzen. „Aber da hat nicht jeder das Equipment zu Hause“, sagt Hans-Peter Jakobfeuerborn. Daher beschränkt sich der Kontakt zunächst auf wöchentliche E-Mails und natürlich Telefonate. Franz Brinkmann: „Oft sind das ganz normale Gespräche über Gott und die Welt, manchmal geht es aber doch ins Eingemachte.“ Meist gehe es um zwischenmenschliche Probleme, beispielsweise in der Partnerschaft, psychische und andere Erkrankungen, auch um finanzielle Probleme.

Ein Telefongespräch helfe den Betroffenen oft schon viel. „Es hilft, wenn die Leute sich die Sorgen von der Seele reden“, sagt Michael Bathe, der seit elf Jahren trocken ist. Eine Ablenkung vom Suchtdruck sei wichtig, sagt auch Hans-Peter Jakobfeuerborn. „Momentan könnten sich die Leute in der Corona-Hilfe engagieren oder auch Masken nähen.“ Außerdem sei die Konzentration auf die Familie möglich. Und auch einen Chat für Betroffene vom Kreuzbund-Bundesverband empfiehlt Jakobfeuerborn. Dazu gibt es die obligatorischen Tipps, wenn man kurz davor steht, zur Flasche zu greifen. „Wasser trinken, sich durch Spaziergänge, Radtouren oder lesen ablenken“, so Franz Brinkmann, der seit 20 Jahren abstinent lebt.

Treffen nach offizieller Erlaubnis

Die Gruppenstunden sind zunächst noch ausgesetzt. „Wir treffen uns erst wieder, wenn es die offizielle Erlaubnis der Politiker gibt“, sagt Franz Brinkmann, für den ein Gruppenabend mit Abstandsregeln nicht infrage kommt. „Das ist nicht machbar, zumal viele von uns auch zur Risikogruppe gehören.“ Das sei sehr bedauerlich, „da die Gruppe für viele das Ein und Alles sowie sogar Familienersatz ist“, so Hans-Peter Jakobfeuerborn. „Es fehlt einfach der Blickkontakt“, ergänzt Michael Bathe, der auch bedauert, dass die beliebten gemeinsamen Aktivitäten wie der Jahresausflug in diesem Jahr ausfallen.

Dass in der Corona-Krise deutlich mehr getrunken wird, will Franz Brinkmann nicht unterstellen. „Es gibt halt auch Menschen, die ihr verdientes Feierabendbier jetzt zu Hause und nicht in der Kneipe trinken.“ Aber für suchtkranke Menschen sei das heimliche Trinken in Zeiten von Homeoffice und Kurzarbeit natürlich einfacher. „Das Riechen einer Fahne oder Ausfallerscheinungen fallen so weniger auf.“ 

Einen deutlichen Einschnitt bedeutet die Corona-Krise bei der Vermittlung zu Therapiegesprächen oder in die stationäre Therapie. „Eine ambulante Therapie findet derzeit nicht statt“, sagt Franz Brinkmann. In der Tagesklinik in Gütersloh oder anderen Einrichtungen gebe es derzeit keine Neuaufnahmen. Und auch in Suchtkliniken gebe es derzeit keine Plätze. „Mit den Abstandsregelungen ist das einfach nicht machbar“, sagt Brinkmann, der bedauert, dass diese für suchtkranke Menschen immens wichtigen Angebote derzeit nicht bedient werden können.

 

Info

Der Kreuzbund

Der Kreuzbund ist ein Fachverband der deutschen Caritas mit Sitz im westfälischen Hamm und bietet Selbsthilfe für Suchtkranke an. Die Gemeinschaft wurde 1896 vom katholischen Priester Josef Neumann in Aachen als Kreuzbündnis gegründet. Mit dem Namen sollte die enge Verbindung zum Glauben und zu Jesus Christus vermittelt werden. Seit 1926 lautet der Name Kreuzbund. Im Kreuzbund-Bundesverband sind 1300 örtliche Gruppen vereint, zirka 20000 suchtkranke Menschen finden hier Hilfe. Auch Angehörige sind zu den Gruppenstunden eingeladen. Link zum Kreuzbund-Chat unter: www.kreuzbund.de

 

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