Die große Freundlichkeit

In Augustdorf zeigt ein Projekt, wie Integration gelingen kann, wenn ein ganzes Dorf zusammenhält

Augustdorf. Heimatlos wie die Heilige Familie sind Menschen aus Bulgarien vor knapp zwei Jahren nach Augustdorf im Kreis Lippe gekommen. Niemand hätte sich gewundert, wenn sich auch dort wiederholt hätte, was die Familien schon oft erlebt haben: Sie werden ausgegrenzt und ziehen irgendwann weiter. Doch in Augustdorf könnte es gelingen, eine Perspektive für die neuen Mitbürger zu entwickeln. Dafür arbeiten in dem Dorf in der Senne alle zusammen. Das Projekt wird vom Erzbistum Paderborn unterstützt.

von Karl-Martin Flüter

Die junge Frau schiebt Susanne Gernecke einen Zettel über den Tisch zu: die Bescheinigung eines Pfandhauses über den Schmuck, den sie verpfändet hat. Susanne Gernecke greift zum Telefon. Wenn nicht in den kommenden Tagen eine Anzahlung geleistet wird, wird der Schmuck versteigert, teilt ihr der Pfandleiher mit. „Das ist keine gute Nachricht“, sagt Susanne Gernecke. Woher soll das Geld kommen? Die Frau ist alleinerziehend und hat sechs Kinder. Aus Unkenntnis hat sie versäumt, Essensgeld für die Schule zu bezahlen. Um die Nachzahlung zu begleichen, blieb nur der Weg zum Pfandhaus. Jetzt ist nichts mehr da, weder Schmuck noch Geld. Nur sechs Kinder mit einer ratlosen jungen Mutter.

Susanne Gernecke erlebt viele Fälle wie diesen. Montags, dienstags und freitags ist Sprechstunde in ihrem Büro im früheren Pfarrhaus der katholischen Gemeinde „Maria, Königin des Friedens“ in Augustdorf. Sie nimmt dann am Kopfende einer großen Tischfläche Platz, zu der mehrere Tische zusammengeschoben wurden. Schnell füllt sich der Raum mit ihren Klienten. Fast alle tragen eine Plastiktasche mit sich, gefüllt mit amtlichen Dokumenten, Rechnungen, Mahnungen und Schreiben.

Nichts davon verstehen die Menschen, die zu Susanne Gernecke kommen. Sie stammen aus Bulgarien und sind mit ihren Familien nach Deutschland gekommen, weil sie auf eine bessere Zukunft hoffen. Sie sprechen kein Deutsch, in der Schule haben sie eine kyrillische Schrift gelernt, die Abläufe und Regeln der deutschen Bürokratie sind ihnen vollkommen fremd.

Susanne Gernecke arbeitet einen Papierberg nach dem anderen ab. Alle sitzen am Tisch und warten geduldig. Hier gibt es nichts zu verstecken, alle sind gleich und alle gleich schlecht dran. Fixpunkt ist die Frau am Kopfende, die sie „Frau Susanne“ nennen.

Seit Anfang 2019 besteht in Augustdorf die halbe Stelle für Quartiersarbeit, die Susanne Gernecke besetzt. Sie war vorher Schulsozialarbeiterin in den drei Schulen der Gemeinde und hatte in dieser Funktion 2017 den Zuzug von etwa 300 Menschen aus Bulgarien und Rumänien erlebt. Fast immer handelte es sich um kinderreiche Familien, die sich in einer abgelegenen Siedlung hinter der Augustdorfer Bundeswehrkaserne niederließen.

Bemerkbar machte sich das zuerst in der Grundschule „In der Senne“. Für das Team der Schule ist Integration Alltag. 7,8 Prozent der in Augustdorf lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund – ein dreimal so hoher Anteil wie sonst im Kreis Lippe. In den Klassen der Grundschule kommen 76 Prozent der Schüler aus einer zugewanderten Familie. Doch die Methoden und Projekte, die Schulleiterin Ute Krause und ihr Kollegium entwickelt hatten, funktionierten plötzlich nicht mehr. Die Kinder der neuen Familien kamen zu spät oder gar nicht, in der Schule blieben sie unter sich. Es gab Streit auf dem Pausenhof und Verständigungsprobleme, weil kaum jemand Bulgarisch oder Rumänisch spricht. „Da braute sich etwas zusammen“, erinnert sich Susanne Gernecke.

Man hätte wegsehen und die Probleme totschweigen können. In Augustdorf taten sich jedoch vier Frauen zusammen, die das Problem sehr zielorientiert angingen: Ute Krause, die Schulleiterin, Su­sanne Gernecke, die Schulsozialarbeiterin, Kerstin Höhr, die Koordinatorin der OGS in der Grundschule, und Elisabeth Montag, Vorständin des Caritasverbandes in Lippe. Die Caritas ist seit 2007 Träger der OGS. Allen war klar, dass etwas geschehen musste und dass es nicht reichen würde, nur in der Schule anzusetzen. Es ging um die Familien der Kinder. Nur wenn die Eltern direkt angesprochen werden würden, könnte sich wirklich etwas ändern.

Die Initiatorinnen banden alle ein: die Gemeinde Augustdorf und den Kreis Lippe, Ehrenamtliche und Jugendhilfeträger, Schule und Kindergärten, Kirche, Caritas und Kommunales Integrationszentrum. Gemeinsam entschied man, mit welchen Maßnahmen man die Familien unterstützen wollte. Dazu gehörte die personelle Verstärkung in Schule und Schulbetreuung sowie eine neue Stelle für Quartiersmanagement, die Susanne Gernecke besetzte.

Einen Namen erhielt das Projekt auch: „Europa beginnt vor der eigenen Haustür“. Das nachhaltige Konzept überzeugte das Erzbistum Paderborn so sehr, dass es eine Finanzierung für ein Jahr in Höhe von fast 50 000 Euro zusagte. Startschuss war der 1. März 2019. Im März 2020 läuft es aus. Zurzeit finden Gespräche über die Fortsetzung statt.

Dass das Projekt schon im kommenden Frühjahr enden könnte, will sich in Augustdorf niemand vorstellen. Von Anfang an war das neue Quartiersbüro gut besucht. Schon als Susanne Gernecke noch Schulsozialarbeiterin gewesen war, hatten die Familien aus Bulgarien und Rumänien Hilfe bei ihr gesucht, weil sie mit der deutschen Bürokratie nicht zurande kamen. Jetzt war „Frau Susanne“ endlich drei Tage in der Woche ganz für sie da.

Außerdem trug die Zusammenarbeit von Schule, OGS und Quartiersmanagement bald Früchte. „Vorher bedeutete Schule für die bulgarischen und rumänischen Eltern Stress“, sagt Susanne Gernecke. „Seitdem sie merken, dass ihre Kinder dort willkommen sind, hat sich das total verändert.“ Dass zudem eine Übersetzerin eingestellt werden konnte, erleichterte die Verständigung. Mit Sehea Yoksulabakan konnte die OGS eine weitere Betreuungskraft einstellen. Auch das entspannte die Lage weiter – weil alle Kinder in der Offenen Ganztagsschule von der zusätzlichen Begleitung profitierten. Eine „neue Nähe“ sei entstanden, findet Schulleiterin Ute Krause: „Das Vertrauen ist gewachsen.“

Wie sehr die Stimmung sich geändert hat, zeigt sich im Herbst. Anfang November führten die Kinder der Grundschule das Musiktheater „­Visions of life“ auf. Zusammen mit dem Rapper Gandhi Chahine und dem Musikproduzenten Germain Bleich hatten sie Lieder und kleine Theaterstücke einstudiert. Für Sehea Yoksulabakan und Susanne Gernecke bedeuteten diese Tage Schwerstarbeit, bis wirklich alle Kinder ihre Texte auswendig konnten. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Schon der Auftritt in der Schule war ein großer Erfolg. Dann fuhr die ganze Truppe zur kreisweiten „Gala des Sports“ nach Lage und trat dort mit Liedern aus dem Musiktheater auf. Die Resonanz überall im Kreis Lippe war überwältigend. Die Eltern, die mit nach Lage gefahren waren, erlebten dort live, dass ihre Kinder im Zentrum des Interesses standen: eine Anerkennung, die für sie sonst völlig ungewohnt ist.

„Alle Menschen haben ein Land. Uns gehört nur der Himmel“, hat eine der älteren Frauen in der Sprechstunde zu Susanne Gernecke gesagt.

Viele Bulgaren in der Augustdorfer Siedlung sind heimatlose Roma. Überall in Europa werden sie diskriminiert und sozial ausgegrenzt. Die Strategie, sie schnell wieder loszuwerden, ist jedoch wenig sinnvoll, sagt die Caritas-­Vorständin Elisabeth Montag: „Dann gibt es Beziehungs­abbrüche und die Menschen tauchen im nächsten Ort auf, der mit denselben Problemen zu kämpfen hat: viele neue Schüler, eine nicht integrierte Minderheit, Arbeitslosigkeit und Armut.“ Es sei besser, für die Menschen, die in Augustdorf angekommen sind, „endlich eine Heimat zu schaffen“.

Was es für Konsequenzen hat, überhaupt nichts zu machen, erlebt zurzeit eine andere lippische Kommune. Auch in Horn-Bad Meinberg sind 350 Menschen aus Bulgarien eingewandert – ebenfalls legal im Rahmen der EU-Freizügigkeit. Dort gibt es, anders als in Augustdorf, viel Unmut und Proteste in der Bevölkerung,

Den ganzen Text und weitere Fotos finden Sie in der Printausgabe des Dom Nr. 51/52 2019 ab Seite 7.

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