„Beim Namen nennen“ – Zum Weltflüchtlingstag

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni erinnern Kirche und Diakonie an Menschen, die auf der Flucht nach Europa gestorben sind.

Namen verstorbener Menschen werden auf Stoffbahnen geschrieben. So entsteht ein „Mahnmal der Menschenwürde“. (Foto: Veranstalter)
Namen verstorbener Menschen werden auf Stoffbahnen geschrieben. So entsteht ein „Mahnmal der Menschenwürde“. (Foto: Veranstalter)
veröffentlicht am 19.05.2023
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni erinnern Kirche und Diakonie an Menschen, die auf der Flucht nach Europa gestorben sind. Dazu gibt es in Dortmund Aktionen in der ­Reinoldikirche. Zudem sucht das Aktionsbündnis noch weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Dortmund. Der Weltflüchtlingstag am 20. Juni erinnert an das Schicksal von Menschen auf der Flucht. Seit Jahren sterben an Europas Grenzen Flüchtende – seit 1993 wird die Zahl der Toten dokumentiert. „Seitdem sind mehr als 51.000 Menschen gestorben“, weiß Susanne Karmeier, ­Pfarrerin an der Reinoldi-­Stadtkirche in Dortmund, und beklagt: „­Öffentlich findet ­dieser ­Skandal wenig Beachtung.“

Mit der Initiative „Beim Namen nennen“ macht ein Dortmunder Aktionsbündnis jährlich auf das Leid und das Unrecht an den europäischen Außengrenzen aufmerksam. Auch in diesem Jahr werden Freiwillige aus der „Liste der Todesfälle“ eine unvorstellbar große Zahl an Namen verlesen – in einem 24-Stunden-­Lesemarathon in St. Reinoldi, der am 19. Juni um 18 Uhr startet und bis zum 20. Juni, 18 Uhr, andauert. „In dieser Zeit lesen wir so viele Namen wie möglich“, erklärt Susanne Karmeier. Jede Lesung dauert etwa 25 Minuten, sie beginnt immer zur vollen und zur halben Stunde. Es folgt ein Moment der Stille, eine Kerze wird angezündet. Musik, Gesang oder kurze Literaturlesungen ergänzen die eindringliche Aktion.

Jeder Name, ein Schicksal. Ein ausgelöschtes Leben. Ein qualvolles Sterben. Von manchen Menschen, die ertrunken, erschossen, verdurstet oder vom Fluchtauto in den Tod gestürzt sind, kennt man die Umstände des Todes. Bei manchen fand man Papiere, von anderen weiß man nur das Geschlecht. Manchmal nicht einmal das. „Ein Mensch. Tot aufgefunden am XX“ steht dann in der nüchternen Excel-­Tabelle, aus der Menschen wie die Super­intendentin des Kirchenkreises, Heike Proske, die Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes, Uta Schütte-­Haermeyer, und viele andere Menschen vor­lesen.

„Mahnmal der Menschenwürde“

Während die Namen zwischen den Mauern der historischen Kirche verhallen, soll auf dem Vorplatz der Reinoldi­kirche in diesem Jahr außerdem ein länger bleibendes „Mahnmal der Menschenwürde“ entstehen. „Ab dem 17. ­April können alle, die uns unterstützen wollen, bei der Aktion ‚Namen schreiben‘ Stoff-­Streifen beschriften mit den Namen und Todesumständen der auf der Flucht gestorbenen Menschen. Für dieses Zeichen braucht es viele Mitwirkende, die sich von den Schicksalen Geflüchteter berühren lassen und sich gemeinsam solidarisch erklären“, so Susanne Karmeier.

Beteiligen, so die Pfarrerin, können sich Schulklassen, Studierende, Gruppen, Gemeinden, Chöre, Institutionen der Stadt, Einzelpersonen. Zwischen dem 19. und 23. Juni würden die Stoff-­Streifen dann an einer In­stallation in der Dortmunder Innenstadt aufgehängt: „Ein Zeichen trotziger Trauer. Und eine Forderung, den Flüchtlingsschutz zu stärken und Menschenrechte einzuhalten.“

Info

Ein Flüchtlingsschicksal: Sie hieß Danielle. Und sie war schwanger. Viel mehr weiß ich nicht über sie. Sie hatte ihre Gründe, das Land zu verlassen. Algerien. „In den letzten Jahren ist es in Algerien immer wieder zu Terroranschlägen und Entführungen gekommen“, schreibt das Auswärtige Amt und warnt vor Reisen in die nord­afrikanische Republik. Von „andauernden terroristischen Aktivitäten“ ist die Rede.

Warum genau Danielle ihr Land verlassen wollte, weiß ich nicht. Nur, dass sie sich in ein Boot setzte, das sie fortbringen sollte. Das Boot sank. Danielle ist tot. Gestorben auf der Flucht in die Freiheit, zu einem Leben in Würde, in das ihr Kind niemals geboren werden sollte.

Ich habe Danielle nicht gekannt. Aber nun kenne ich ihren Namen. Und ich werde dafür sorgen, dass er sichtbar, hörbar und nicht vergessen wird.

Nicole Schneidmüller-Gaiser

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