Perspektivpunkt Himmel – St.-Joseph-Kirche in ­Marienloh

Neue Ausstellung in der St.-Joseph-Kirche in ­Marienloh erinnert an die Deckenbemalung des Künstlers Peter Schuber.

Der Künstler bei der Arbeit in Marienloh. (Fotos: Maïe Triebel)
Der Künstler bei der Arbeit in Marienloh. (Fotos: Maïe Triebel)
veröffentlicht am 01.05.2023
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Zehn Jahre nachdem Peter Schubert die Deckenbemalung in der St.-Joseph-Kirche in ­Marienloh ­beendet hat, haben Marienloher und die Peter-Schubert-­Gesellschaft des 2021 verstorbenen ­Künstlers eine Ausstellung eröffnet, die an die Entstehung der außergewöhnlichen Arbeit erinnert.

Paderborn-Marienloh. Ein gelassener alter Mann sitzt vor der Kamera, Zigarillo in der Hand, Schlägermütze auf dem Kopf, leichter Berliner Akzent. Das Gespräch findet in einem Atelier statt, im Hintergrund bemalte große Leinwände. Es geht um die Monate, die der Mann, Peter Schubert, einige Jahre zuvor in Westfalen zubrachte, um dort in der kleinen Kirche von ­Marienloh sein letztes großes Deckengemälde zu malen. „Das war nicht einfach“, erinnert sich Peter Schubert in dem Video, das am Samstag in Marienloh ­während der ­Ausstellungseröffnung gezeigt wurde, aber auch auf ­Youtube jederzeit greifbar ist.

Einfach war es in Westfalen wirklich nicht für den Großstädter und gebürtigen Dresdener. Erst wurde sein Entwurf im Kunstwettbewerb nicht ausgewählt. Eine neue Erfahrung sei das für ihn gewesen, gesteht Peter Schubert. Sonst habe er alle Wettbewerbe gewonnen. Er erhielt den Auftrag unter etwas dubiosen Umständen dann doch noch und begann im Dezember 2013 zu malen. Der Winter ist eine schlechte Zeit für Kirchenmaler, weil es dunkel ist und die Arbeit unter Kunstlicht stattfinden muss. „Höhlenmalerei“ sei das gewesen, scherzte Schubert damals im Interview mit einer Tageszeitung.

Eine der schönsten Kirchenmalereien des vergangenen Jahrhunderts

Unter diesen erschwerten Bedingungen ist eine der schönsten Kirchenmalereien dieses und des vergangenen Jahrhunderts im Hochstift Paderborn entstanden. Seit 2013 prägt sie die Wallfahrtskirche St. Joseph: kreisrund und 80 Quadratmeter groß. In das Gesamtkunstwerk hat Peter Schubert auch die Gestaltung der Chorrückwand hinter dem Altar einbezogen.

Das Gemälde zeigt den Blick in den Himmel. Im oberen Halbkreis ist die helle Sonne hinter Dunst zu erahnen, gekontert durch einen weißen Kreis in der unteren Hälfte, der der Mond sein könnte. Von unten und von der Seite drängen zunehmend dunklere Wolken nach innen und gegeneinander. Nur in der Mitte und oben geht der Blick ins Blaue. Diese Fläche ist der Perspektivpunkt des Gemäldes, ein Blick, der ins Transzendente führt. Und da ist da noch die Lanze, ein auf den Deckengemälden Schuberts wiederkehrendes Motiv. Sie wirft merkwürdigerweise einen Schatten auf die Wolke über ihr, als komme ein zweites Licht von unten.

Schubert bewunderte Renaissancemaler wie ­Caravaggio. Seine Vorliebe für die vielen Kontraste in der Beziehung von Schwarz und Weiß stammt daher. Dem Vorwurf, er male nur abstrakt, hielt der Maler entgegen, dass er in seinen Arbeiten das Verhältnis der Körper und Gegenstände sowie der Bewegung in seiner Gestaltung und den Farben wiedergebe. Eines der wenigen konkreten Elemente ist die Lanze, die auf vielen Schubert-­Deckengemälden zu sehen ist. Schubert selbst erklärte, als Jugendlicher habe ihn eine Kreuzigungsszene, in der der Soldat mit der Lanze in den Leib Jesu sticht, tief beeindruckt.

Kreisrund und 80 Quadrat­meter groß: Peter Schuberts Blick in den Himmel in der Marienloher ­Kirche.

Im Schaffen den Glauben gelebt

Peter Schubert habe in seinem Schaffen seinen Glauben gelebt, meint Karl-­Heinz Löckmann, damals Pfarrer von Marienloh. Diese gelebte Religiosität könne man in dem Deckenbild nicht übersehen. Ihn habe es deshalb nie gestört, dass der Künstler keiner christlichen Kirche angehört hat. Eher sei es so, dass das abstrakte Gemälde, der Verzicht auf konkrete Gestaltung des Heiligen, die gemeinsame Wurzeln von Christentum, Judentum und Islam verdeutliche.

Peter Schubert erhielt in den 1970er-­Jahren den Auftrag, die Orangerie im Berliner Schloss Charlottenburg zu gestalten. Das Barockgebäude war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Von den barocken Wand- und Deckengemälden gab es keine Farbbilder, kaum Schwarz-Weiß-­Darstellungen. Peter Schubert sollte und wollte auch nicht die alten Darstellungen rekon­struieren. Seine abstrakte Malerei drückte jedoch dieselbe Botschaft mit anderen Mitteln aus. Das gelang ihm so überwältigend gut, dass die Kunstwelt auf ihn aufmerksam wurde.

22 Deckengemälde in Deutschland, Italien und Kanada

In den nächsten Jahrzehnten malte er 22 Deckengemälde in Deutschland, Italien und Kanada, unter anderem in der Deutschen Botschaft im Vatikan, im Priesterseminar in Regensburg und dem großen Saal im ­Bundeshaus in Berlin. Marienloh war seine letzte Arbeit. Als er dort das Gerüst zwei Meter unter der Decke betrat, war er 82 Jahre alt.

Beinahe wäre es dazu nicht gekommen, nachdem sich die Kunstkommission für einen anderen Entwurf entschieden hatte. Als die LWL-­Denkmalpflegerin Dr. Bettina Heine-­Hippler davon erfuhr, sprach sie Pfarrer Karl-­Heinz Löckmann an. Wenn so viel Geld für die Innenausmalung ausgegeben werde, sollte man sich für das Außergewöhnliche entscheiden, war ihre Meinung. Bei Karl-­Heinz Löckmann stieß sie auf offene Ohren. Noch am selben Abend konnte der Pfarrer den Kirchenvorstand dafür gewinnen, doch Peter Schuberts Entwurf zu wählen.

Löckmann, Bettina Heine-­Hippler und Karin Schubert, die Witwe des im März 2021 im hohen Alter verstorbenen Peter Schubert, saßen am vergangenen Samstag in Marienloh bei der Ausstellungseröffnung nebeneinander – eine familiäre Atmosphäre, bei der sich die Beteiligten an die eine oder andere Denkwürdigkeit erinnerten.

Der WDR auf dem Malgerüst

Darüber, dass das Erzbistum von der kurzfristigen Entscheidung des Kirchenvorstandes nichts gewusst habe. Dass man auf die Idee verfiel, den WDR auf das Malgerüst von Peter Schubert einzuladen – die Kalkulation, die gewonnene Öffentlichkeit mache die Entscheidung für Schubert unumkehrbar, erwies sich als richtig.

Sie erinnerten sich auch an den Moment, als Peter Schubert seinem Auftraggeber Karl-­Heinz Löckmann mitteilte, er sei krank – was Löckmann wusste – und deshalb sei es nicht sicher, ob er die Arbeit zu Ende führen könne. Nach den vorangegangenen Querelen damals scheint es den Geistlichen noch heute zu schaudern, wenn er daran denkt: „Ich habe nur gedacht, nicht auch das noch.“

Peter Schubert beendete das Werk und zwar unter stets wachsender Beteiligung von Kunstfreunden, Journalisten und Menschen aus Marienloh, die das hohe Gerüst enterten. Einen großen Teil seines Künstler­lebens habe er allein dicht unter Gebäudedecken verbracht, erinnerte sich Schubert später, aber in Marienloh, seinem letzten Deckengemälde, sei alles anders gewesen.

Die Kritiker Schuberts verstummten übrigens ausnahmslos, nachdem sie die Arbeit gesehen hatten. Seit zehn Jahren erleuchtet Schuberts Werk nun die Wallfahrtskirche in ­Marienloh von innen. Es wäre angemessen, wenn das Deckenbild in Zukunft neben dem Gnadenbild der ­Maria noch mehr zu einer zweiten Attraktion der Kirche wird, die die Menschen nach St. ­Joseph in Marienloh führt.

Karl-Martin Flüter

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