Treisekapelle Warstein – Vor dem Vergessen bewahren

In Warstein erinnert eine Gedenkstätte in der Treisekapelle an 1.575 ­Patientinnen und Patienten, die von den Nationalsozialisten aus den Heil- und Pflegeanstalten verschleppt und Opfer der Euthanasie wurden.

veröffentlicht am 29.04.2023
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In Warstein erinnert eine Gedenkstätte in der Treisekapelle an 1.575 ­Patientinnen und Patienten, die von den Nationalsozialisten aus den Heil- und Pflegeanstalten verschleppt und Opfer der Euthanasie wurden.

Bereits im Juli 1933 erließen die Nationalsozialisten das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Auf dieser Grundlage wurden circa 400.000 Menschen zwangssterilisiert. Mit einem Erlass vom 18. August 1939 begann der systematische Massenmord an tausenden Kindern. Parallel dazu liefen Vorbereitungen, um auch Erwachsene mit psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen zu töten, die nach der nationalsozialistischen Rassenideologie als „lebensunwert“ galten. Das Tötungsprogramm erhielt den Namen „Aktion T4“, da die Organisationszentrale der Nazis ihren Sitz in der Berliner Tiergartenstraße 4 hatte.

Insgesamt wurden hunderttausende kranke und behinderte Menschen ermordet. Ein Großteil von ihnen wurde in den Jahren 1940 bis 1943 aus Heil- und Pflegeanstalten verlegt, so auch aus der westfälischen Stadt Warstein, von wo aus 1.575 Patienten verschleppt wurden. Für den Großteil bedeutete dies den sicheren Tod. Um diesen Opfern zu gedenken, wurde im Jahr 1985 in der Treisekapelle auf dem Gelände der LWL-Klinik eine Gedenkstätte eingerichtet. Seitdem gehören zwei Gemälde der sauerländischen Künstlerin Ina-Maria Mihályhegyi-Witthaut zu den zentralen Elementen im Inneren der Kapelle. Links und rechts in der Apsis hängend, tragen sie die Titel „VERGAST VERNICHTET“ und „VERBRANNT VERGESSEN DENNOCH LEBEND“.

Jeder kann die Patenschaft für eines der Opfer übernehmen

Bis zum Jahr 2012 waren die Opfer der Euthanasie in Warstein weitgehend anonym. Um sie vor dem Vergessen zu bewahren, wurde im selben Jahr beschlossen, eine Gedenktafel mit den Namen aller Opfer in der Kapelle anzubringen. Jeder Name ist doppelt vorhanden, einmal auf der Gedenktafel und einmal auf einem kleinen abnehmbaren Täfelchen. Jeder, der eine Patenschaft für eines der Opfer übernimmt und so die Erinnerung wachhält, erhält eines der Täfelchen. Links und rechts eingerahmt wird die Gedenktafel von einer Mariendarstellung mit dem Leichnam Christi und einem Altar, auf dem eine zeitgenössische Darstellung einer Pietà zu sehen ist.

Zudem beinhaltet die Kapelle zwei Gedenktafeln mit den Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Klinik-Mitarbeiter und ein Ehrenbuch mit den Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Weitere Dokumente erinnern an die Verlegung der Opfer, darunter ein Führer-Erlass und die Verlegungslisten. Darin lässt sich nachlesen, dass 1940 zunächst alle jüdischen Patienten deportiert wurden. Einmal jährlich am Totensonntag findet in der Treisekapelle eine öffentliche Gedenkfeier statt.

In Warstein erinnert eine Gedenkstätte in der Treisekapelle an 1.575 ­Patientinnen und Patienten, die von den Nationalsozialisten aus den Heil- und Pflegeanstalten verschleppt und Opfer der Euthanasie wurden.

Info

Die Treisekapelle befindet sich in der Franz-Hegemann-Straße 23 in Warstein. Errichtet wurde sie im Jahr 1772 auf einem nahegelegenen Werksgelände. 1900 wurde sie an ihren heutigen Standort versetzt. Benannt wurde sie nach dem kleinen Bach „Treise“.

Patrick Kleibold

Weitere Friedensort unter www.derdom.de

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