Immobilien: Engagement trägt Idee weiter

Abriss, Verkauf, Transformation: Rund um kirchliche Immobilien ist derzeit vieles in Bewegung. In Wiedenbrück hat sich eine Genossenschaft gegründet und das ehemalige Kloster der Franziskaner übernommen.

Das Kloster­areal im Stadtzentrum. (Foto: Kloster-Genossenschaft)
Das Kloster­areal im Stadtzentrum. (Foto: Kloster-Genossenschaft)
veröffentlicht am 22.04.2023
Lesezeit: ungefähr 7 Minuten

Abriss, Verkauf, Transformation: Rund um kirchliche Immobilien ist derzeit vieles in Bewegung. In Wiedenbrück hat sich eine Genossenschaft gegründet und das ehemalige Kloster der Franziskaner übernommen.

Rheda-Wiedenbrück. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, doch die Nachricht traf viele Bürger in Rheda-Wiedenbrück im April 2019 trotzdem wie ein Schock: Die Franziskaner geben ihr Kloster in der Wiedenbrücker Innenstadt auf, war in der Lokalpresse zu lesen. Die Geschichte des Ordens sollte nach rund 375 Jahren in der Stadt an der Ems zu Ende gehen. So hatte es das Provinzkapitel als höchstes beschlussfassendes Gremium des Ordens entschieden. Nachwuchsmangel lautete der Grund. Von 32 Standorten sollten 20 aufgegeben werden. 

Zum Schock kam die Angst: Was würde aus den Gebäuden und dem wunderschönen Klostergarten werden? Die Franziskaner hatten nicht nur in der Seelsorge gewirkt, das Kloster war ein Ort, den viele gern besuchten. Es war ein wichtiger Punkt der Pastoral, die Franziskaner gehörten zur Stadtgemeinschaft, waren auch außerhalb des Klosters aktiv und präsent. Ältere Gläubige aus dem Ort bezeichneten sich augenzwinkernd gern als „paterskatholisch“. Gerüchte machten die Runde, dass Investoren bereits ihre Finger ausstreckten, um die Immobilie gewinnbringend zu vermarkten. 

Eine Oase in der Innenstadt: der Klostergarten. (Foto: Kloster-Genossenschaft)
Eine Oase in der Innenstadt: der Klostergarten. (Foto: Kloster-Genossenschaft)

Die Franziskaner haben Wiedenbrück wie angekündigt verlassen. Der eigentlich für den 28. Juni 2020 geplante Abschiedsgottesdienst musste coronabedingt abgesagt werden. Doch Gebäude und Garten präsentieren sich heute fast unverändert. Sie sind erhalten als einer der zentralen Orte der Stadtgeschichte. Denn die Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht: Zum 1. Juli 2020, wenige Tage nachdem die Ordensbrüder gegangen waren, wurde die „Genossenschaft Kloster Wiedenbrück eG“ Eigentümerin der Anlage. Im Januar des gleichen Jahres gründeten sie derjenigen, die sich bereits ehrenamtlich im Kloster engagierten – etwa in der Gartenpflege oder an der Pforte sowie der Fördergemeinschaft des Franziskushauses, die das Gästehaus des Klosters unterstützte. 

Jeder kann Mitglied werden, ein Anteil kostet 125 Euro

Sonja Rakete gehört zu den Gründungsmitgliedern und engagiert sich im Vorstand der Genossenschaft. „Die Idee, möglichst viele Menschen beim Erhalt mit ins Boot zu nehmen und bürgerschaftliches Engagement zu bündeln, ließ sich in einer Genossenschaft am besten umsetzen“, beschreibt sie die Überlegungen hinter der Gründung. Jeder sollte Anteile erwerben und so Mitglied werden können. Deshalb legten sie die Hürden auch nicht zu hoch. Ein Anteil kostet 125 Euro, maximal 20 können pro Person erworben werden. 

Stehen stellvertretend für viele Frauen und Männer, die sich engagieren: Elisabeth Emmanouil-Maß und Dorothee Kohlen aus dem Kreis der Ehrenamtlichen sowie Sonja Rakete vom Vorstand der Genossenschaft (v. l.).(Foto: Wiedenhaus)
Stehen stellvertretend für viele Frauen und Männer, die sich engagieren: Elisabeth Emmanouil-Maß und Dorothee Kohlen aus dem Kreis der Ehrenamtlichen sowie Sonja Rakete vom Vorstand der Genossenschaft (v. l.).(Foto: Wiedenhaus)

Dass die Initiatoren damit einen Nerv getroffen hatten, zeigte die erste Informationsveranstaltung für die Öffentlichkeit in der Rheda-Wiedenbrücker Stadthalle. „Einige Hundert Bürgerinnen und Bürger kamen, das Interesse war riesig“, erinnert sich Sonja Rakete und fügt hinzu: „Wir hatten Glück mit dem Termin, es war die letzte Großveranstaltung, ehe Corona im Frühjahr 2020 solche Treffen auf lange Zeit unmöglich machte.“  

Die Beteiligung aus der Bürgerschaft – neben den Anteilen flossen auch viele großzügige Spenden – unterstützte die öffentliche Hand. Die Stadt sicherte das Fundament der Genossenschaft mit 300 000 Euro und sagte für sechs Jahre einen weiteren Zuschuss von jeweils 50 000 Euro per annum zu. Anteil am Gelingen hatte nicht zuletzt die Ordensleitung der Franziskaner. Dort fiel die Idee ebenfalls auf fruchtbaren Boden und so wurde grünes Licht für das Projekt gegeben.

Verbindung zwischen Franziskanern und Bevölkerung wird aufrechterhalten  

„Und natürlich ein besonderes Dankeschön an alle engagierten Frauen und Männer der Genossenschaft, die das Klostergebäude einschließlich Jugendgästehaus und Klostergarten auch künftig als einen Raum für bürgerschaftliche, spirituelle und kulturelle Begegnungen offen halten wird“, hieß es damals in einer Pressemitteilung des Ordens: „Wir freuen uns sehr über diese Initiative und hoffen, dass sich auch weiterhin viele Menschen in der Genossenschaft engagieren und auf diese Weise unserem Kloster eine gute Zukunft sichern.“ Schließlich seien die Franziskaner an kaum einem anderen Ort so eng mit der Bevölkerung verbunden gewesen. Symbolisch wird diese Verbindung dadurch weiter aufrechterhalten, dass die Franziskaner Mitglied der Genossenschaft sind. 

Der damalige Provinzialvikar der Franziskaner, Bruder Markus Fuhrmann, der aus München angereist war, um an der Gründungsversammlung der Genossenschaft teilzunehmen, fasste es so zusammen: „Auch wenn es nicht mehr ein Franziskanerkloster beherbergt, wird es weiterhin Menschen zusammenführen, Jugendarbeit ermöglichen, in einer gewissen Beziehung zur Kirchengemeinde stehen und vor allem in der Bevölkerung verankert bleiben. Das sehen wir als großen Wert und als Chance an, die wir gerne unterstützen. Gerade weil auch für uns Franziskaner die Schließung eines solch traditionsreichen Klosters ein schmerzlicher Schritt ist, ist es uns nicht egal, was nach unserem Abschied mit einem Gebäude geschieht!“ 

Zahl der Mitglieder wächst

Viel Rückenwind also für die Initiative. Dass dieser genutzt wurde, zeigt ein Blick auf den aktuellen Stand: Lag die Zahl der Mitglieder bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags Mitte 2020 bei 575, sind es heute fast 1 000 Frauen und Männer, die sich beteiligen. Das Programm ist ebenso stetig gewachsen. Denn Kapital wird nicht nur in materieller Form eingebracht: Es gibt neun Teams, in denen sich über 100 Engagierte zusammengefunden haben, die in unterschiedlichen Bereichen aktiv sind. Dazu gehören Klosterführungen und die Organisation von Veranstaltungen, Klosterladen, Küche, Garten oder Imkerei sowie ganz neu der Bereich „Junges Kloster“. Innerhalb der Teams entstehen dabei immer wieder neue Projekte und Angebote. Eine Übersicht gibt es auf der Internetseite der Genossenschaft unter „www.kloster-wiedenbrueck.de“.

Ehrenamtlichen-Teams entwickeln neue Ideen

Ein Blick auf das aktuelle Programm zeigt, wie gut das funktioniert. Aktuell steht an diesem Sonntag der „Tag des offenen Gartens“ an. Regelmäßig finden Ausstellungen, Konzerte, Lesungen oder die „Klostergespräche“ zu relevanten Themen statt. „Es gibt immer wieder Premieren“, freut sich Sonja Rakete darüber, dass den Aktiven die Ideen nicht ausgehen. Zwei von ihnen sind Dorothee Kohlen und Elisabeth Emmanouil-Maß. Den Klostergarten kannte Dorothee Kohlen schon länger, nach dem Eintritt in den Ruhestand gehört sie nun zum Team, das die Anlage pflegt und gestaltet. Und wenn Not am Mann ist, springt sie auch beim Küchenteam ein: „Zu tun gibt es ja immer etwas!“

Elisabeth Emmanouil-Maß bezeichnet sich selbst als „Klosterkind“: „Ich wurde 1971 in der Klosterkirche getauft.“ Aktuell gehört die Theater-Pädagogin und Schauspielerin zum Team „Veranstaltungen“: „Daneben bin ich noch beim ,Jungen Kloster´ aktiv, das sich um Angebote für junge Menschen kümmert.“  

Nutzung der Räumlichkeiten

In den Räumen des Klosters finden aber nicht nur Angebote aus dem Umkreis der Genossenschaft statt. Eine ganze Reihe von Initiativen und Vereinen aus der Stadt hat dort eine Unterkunft gefunden – von der Hospizbewegung über die örtliche Gruppe des Naturschutzbundes bis zum Heimatverein. Ebenso können Räume für einzelne Veranstaltungen und Treffen angemietet werden oder beispielsweise für die Nutzung als Homeoffice. 

So hat die franziskanische Grundhaltung, offen für alle zu sein und für Austausch und Begegnung zu stehen, die das Kloster über Jahrhunderte prägte, aktuell eine Fortsetzung gefunden; sie ist weiterhin lebendig, spürbar und erlebbar. Bürgerschaftliches Engagement führt eine jahrhundertealte Tradition fort und sichert sie für die Zukunft.

Andreas Wiedenhaus

Info
Genossenschaften:

Was ist eine Genossenschaft? Auf der Internetseite www.genossenschaften.de heißt es dazu: „Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen legten vor über 160 Jahren unabhängig voneinander mit der Gründung der ersten Genossenschaften den entscheidenden Grundstein für die Rechtsform Genossenschaft. Das Modell der Organisation von gemeinsamen Interessen bewährt sich bis heute getreu der genossenschaftlichen Idee: Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele gemeinsam.

Im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsformen, bei denen der Profit im Vordergrund steht, stehen bei Genossenschaften vor allem die Genossenschaftsmitglieder im Fokus. Die Förderung ihrer wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Belange ist die Kernaufgabe einer Genossenschaft.

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