Medizin ist nicht die letzte Instanz – Ein Gespräch mit Albert Götte

Während seiner Zeit als Anästhesist im Operationssaal und auf der Intensivstation hat Dr. Albert Götte immer schon beobachtet, dass der Glaube den Behandlungsverlauf positiv beeinflusst. So ­richtig bewusst geworden ist ihm allerdings das erst im Ruhestand. Heute hält er Vorträge zum Thema.

Dr. Albert Götte (75) hat viele Jahre als Anästhesist im Paderborner St.-Vincenz-­Krankenhaus gearbeitet, seit 2012 ist er im Ruhestand. 30 Jahre lang hat er die Lourdes-­Wallfahrten des Familienbundes bzw. später des Malteser Hilfsdienstes begleitet. Heute hält er Vorträge zum Thema „Der Glaube hilft heilen“. (Foto: Auffenberg)
Dr. Albert Götte (75) hat viele Jahre als Anästhesist im Paderborner St.-Vincenz-­Krankenhaus gearbeitet, seit 2012 ist er im Ruhestand. 30 Jahre lang hat er die Lourdes-­Wallfahrten des Familienbundes bzw. später des Malteser Hilfsdienstes begleitet. Heute hält er Vorträge zum Thema „Der Glaube hilft heilen“. (Foto: Auffenberg)
veröffentlicht am 10.04.2023
Lesezeit: ungefähr 9 Minuten

Während seiner Zeit als Anästhesist im Operationssaal und auf der Intensivstation hat Dr. Albert Götte immer schon beobachtet, dass der Glaube den Behandlungsverlauf positiv beeinflusst. So ­richtig bewusst geworden ist ihm allerdings das erst im Ruhestand. Heute hält er Vorträge zum Thema. 

Herr Dr. Götte, „Fürchtet euch nicht!“, sagt der auferstandene Christus. Ist eine solche Haltung auch in einem Arzt-Patienten-­Gespräch wichtig?

Albert Götte: In kaum einem anderen Bereich menschlichen Umgangs ist die Kommunikation zwischen Personen bedeutender als im Arzt-Patienten-­Gespräch. Bei Störungen der ­Gesundheit erwartet ein Patient von seinem Arzt medizinische Hilfe und Heilung. ­Gesundheit gilt im Leben als eines der höchsten Güter. Die WHO definiert Gesundheit als „Wohlbefinden von Leib, Seele und Sozialem“. Ein gutes Gespräch ist damit ein Gebot der Menschlichkeit, um die psychische Anspannung und die Angst des Patienten vor Operationen und Narkosen zu lindern. Viele Patienten fürchten sich davor, die Kontrolle über ihr selbstbestimmtes Handeln zu verlieren. Eine vertrauensvolle Kommunikation und ein Nachdenken über den Bibelspruch, den Sie zitiert haben, kann als besondere Kraftquelle durchaus großen Einfluss zeigen und psychische Entspannung bewirken und zum Behandlungserfolg beitragen. 

Vor einer OP gibt es die Gespräche mit dem Anästhesisten, in denen man als Patient hört, was alles passieren kann. Das ist nicht unbedingt angstlösend. 

Albert Götte: Diese Gespräche dienen in erster Linie der sorgfältigen Information über den Organisationsablauf und über die Verfahren, die zur Heilung notwendig sind, den Eingriff schadlos zu überstehen. Wichtig ist aber auch die Aufklärung und das Ansprechen von möglichen Risiken. Das sollte schonend und konfliktfrei geschehen. Wir Anästhesisten sind verpflichtet, aufzuklären, wissen aber: Wenn das zu intensiv geschieht, werden dadurch Ängste geweckt, sodass die Gefahr von Behandlungskomplikationen steigen kann. Unser Ziel ist aber ein zufriedener und ruhiger Patient und nicht ein gestresster mit hohem Blutdruck und hoher Herzfrequenz.

Ich erinnere mich an viele Situationen mit älteren, leidenden Menschen vor Tumoroperation. Sie hoffen auf Hilfe. Darüber rede ich lieber als über sehr selten auftretende, risikoreiche Ereignisse mit Lebensbedrohung. Das habe ich nicht übers Herz gebracht. Außerdem habe ich darauf hingewiesen, dass ich eine gute Ausbildung und viel Routine habe und meinen Beruf beherrsche und dass sie mir vertrauen können. Manchmal traf ich auch auf Patienten mit spirituellem Hintergrund und es entwickelte sich ein Dialog mit religiösen Themen. Die eigentliche Risikoaufklärung spielte nach einem solchen Gespräch oft keine Rolle mehr. Manchmal einigten wir uns auf die Hilfe und Begleitung eines guten Schutzengels: „Ich bringe meinen Schutzengel mit und wenn Sie das auch machen, dann kommen wir gut zum Ergebnis.“

Sie reden also in einer solchen Situation auch über Religion?

Albert Götte: Mit Menschen, von denen ich den Eindruck habe, dass sich ein solches Gespräch lohnt, ergeben sich auch solche Perspektiven. Ich bin selbst ein sehr gläubiger Mensch, meine Mutter war hochgläubig. Obwohl sie viel im Leben mitgemacht hat – zwei Weltkriege, ihre Tochter im Krieg verloren, sie war also wirklich traumatisiert –, hat sie ihren Glauben bis ins hohe Alter nie aufgegeben und immer am religiösen Leben teilgenommen. Das haben wir Kinder in unserer Familie miterlebt. Als ich vor etwa drei Jahren in meinem Heimatdorf einen Vortrag zum Thema „Der Glaube hilft“ gehalten habe, kam hinterher eine ältere Frau zu mir und sagte: „Eure Mutter hat immer für euch Kinder gebetet und immer eine Kerze für euch angesteckt.“ Das hat mich sehr berührt. 

Heute halten Sie Vorträge darüber, dass der Glaube beim Heilen hilft. Wie sind Sie da­rauf gekommen?

Albert Götte: Ich hatte das große Glück, meine Facharztausbildung in Anästhesie und Intensivmedizin bei einem guten „Lehrmeister“, Prof. Nolte, zu machen. Der forderte von uns Assistenten nicht nur praktische Tätigkeit, sondern auch wissenschaftliches Arbeiten. Gerade im Fachbereich Anästhesie benötigt man tiefe Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten der Lebensvorgänge, weil wir viele Milliarden Nervenzellen mit unseren Verfahren beeinflussen. So suchte ich Kontakte zu den Neurowissenschaftlern, um die Grundphänomene des Bewusstseins, des Schmerzes und des Stresses zu studieren.

In Paderborn im St.-Vincenz-­Krankenhaus ergab sich die Möglichkeit, in guter Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Nachrichtentechnik der hiesigen Universität Stressmessungen durchzuführen. Kurz gesagt hatten wir mit dieser Messtechnik die Möglichkeit, Belastungssituationen unserer Patienten zu erfassen. Im Ergebnis sammelten wir gute Erfahrungen, um die Patienten individuell optimaler behandeln zu können. Wir stellten fest, dass wir unsere Wirkmittel nicht mehr nach Größe und Gewicht dosieren durften, sondern nach neurologischer Wirkung. Der Verbrauch von ­Anästhetika und Schmerzmitteln hatte also etwas mit der Gedankenwelt im Kopf, mit Belastungen, Ängsten und Problemen zu tun. In dem Zusammenhang stellten wir fest, dass gläubige Patienten mit hoher Spiritualität weniger Narkose- und Schmerzmittel benötigten. Die Operationen und die Zeit danach verliefen für sie ruhiger und komplikationsloser.

Wie kommt das? 

Albert Götte: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Aus den Neurowissenschaften gibt es Erkenntnisse, wie die Balance zwischen positiven und negativen Gefühlen und Emotionen im Gehirn unser Wohlbefinden beeinflusst. Die unangenehmsten Gefühle sind Schmerz und Angst. Zu den positiven Gefühlen wie Glück und Freude gehört auch die Spiritualität – als all das definiert, was dem Leben Sinn gibt. Das religiöse Leben löst im Bewusstsein starke emotionale Prozesse aus, die über einen Sturm von positiv wirkenden Botenstoffen im Gehirn für vegetative Beruhigung und letztlich für psychisches Wohlbefinden sorgen. Aus dem Forschungsgebiet der Neurotheologie gibt es dazu zahlreiche Studien. All diese Zusammenhänge sind mir ehrlich gesagt erst in einigen schlaflosen Nächten im Ruhestand bewusst geworden.  

Wenn der Glaube für das Wohlbefinden einen so hohen Stellenwert hat, was bedeutete das für Sie als Arzt?

Albert Götte: Dass ich, wenn immer möglich, bei Patientengesprächen die starken Effekte der religiösen Ressourcen für die Heilungsvorgänge der Patienten nutzen sollte. Heilung ist ein natürlicher Vorgang. Manchmal heilen Wunden sehr schnell, manchmal aber verzögert mit vielen Komplikationen. Dafür gibt es komplexe Ursachen. Für uns Ärzte besteht die Aufgabe darin, die Hoffnung auf ­Heilung zu unterstützen und für ein ­heilendes ­Umfeld zu sorgen, durch Fürsorge und gute Begleitung bei diesen Prozessen. 

Fühlen Sie sich nicht in Ihrer Kunst degradiert? Sie sind doch sozusagen ein Halbgott. 

Albert Götte: Ich bin kein Halbgott, ich bin ein Diener! ­Anästhesisten arbeiten in dienender Funktion und auch bei den Lourdes-­Wallfahrten, die ich über 30 Jahre begleitet habe, habe ich mich so verstanden. Ich war der Doktor im Malteser Hilfsdienst.  

Haben Sie Patienten mal einen Kirchengang empfohlen?

Albert Götte: Ja, es ist vorgekommen, dass ich Patienten die aktive Teilnahme am religiösen Leben empfohlen habe. Auf der Intensivstation kommt man oft ins Nachdenken über sehr unterschiedlich verlaufende Krankheitsprozesse. Wenn zum Beispiel plötzlich unerwartet ein Patient stirbt, löst das allgemeine Betroffenheit und Erschütterung auch bei unseren Mitarbeitern aus, nicht nur bei den Angehörigen. Umgekehrt sehen wir Menschen, von denen wir glaubten, dass sie kaum eine Überlebenschance haben, die nach gewisser Zeit gesund nach Hause gehen. Was ist da passiert? Sicher scheint doch zu sein, dass die Medizin nicht die letzte Instanz im Leben ist. Es gibt noch etwas darüber, über das man nachdenken sollte.

Einmal habe ich Folgendes erlebt: Im Aufwachraum des Vincenz-­Krankenhauses arbeitete eine Ordensschwester. Zu einer sehr erschöpften Patientin, die nach einer sechsstündigen Operation dort lag, sagte sie einmal: „Es wird alles gut werden und heilen. Haben Sie Zuversicht, der Doktor fährt jedes Jahr mit dem Pilgerzug nach Lourdes, der nimmt Sie sicher beim nächsten Mal mit.“ Drei Jahre später stehe ich zu Beginn der Lourdes-­Fahrt am Bahnsteig, da kommt eine Frau auf mich zu und umarmt mich. Es war die Patientin. Bei diesen Lourdes-­Fahrten über Palmsonntag habe ich übrigens viele sehr intensive Gespräche über den Glauben geführt.

Wie definieren Sie denn Glauben?

Albert Götte: Der Glaube ist für mich ein starkes Gefühl von Hoffnung und Vertrauen auf einen allmächtigen Gott in Ewigkeit. Dieses gute Gefühl verhilft mir zu einem angenehmen, zufriedenen Leben. Der Glaube ist für mich auch ein wichtiger Resilienz­faktor und stärkt meine Selbstwirksamkeit. Das ist die Möglichkeit, in Krisen und schwierigen Situationen selbst Lösungen zum Positiven zu finden. Neurologisch gesprochen: Spiritualität und religiöses Leben wirken in der Balance der Botenstoffe äußerst positiv. Wenn ich Rückenschmerzen habe und in einem schönen Konzert sitze, sind die Schmerzen weg. In der Literatur gibt es inzwischen zahlreiche Arbeiten, die belegen, dass Religiosität zu einem besseren Leben verhilft. Wenn ich in meinen Vorträgen diese wissenschaftlichen Belege bringe, sind viele positiv ­überrascht. Ein älteres Ehepaar hat mich sogar mal gebeten, ich möge zu ihnen nach ­Hause ­kommen und mit ihrer Tochter sprechen.  

Ist der Glaube mehr als Placebo?

Albert Götte: Jedes Gespräch, in dem ein Arzt sich mit den Sorgen und Nöten der Patienten beschäftigt, hat heilende Wirkung. Wenn der Patient merkt, der Arzt meint es gut mit mir, er ist ein Fürsorger, er ist medizinisch kompetent und empathisch, schafft das Vertrauen und das wiederum ist die Basis für eine gute Behandlung, Risiken werden minimiert. Aber dafür braucht man Zeit und Geduld.

Ist es wichtig, woran man glaubt?

Albert Götte: Nicht nur unser christlicher Glaube wirkt, auch andere Religionen sind ähnlich wirksam, der Hinduismus etwa oder Yoga. Grundsätzlich gilt erst einmal: Jeder Glaube kann die Lebensqualität positiv beeinflussen. Aber ich bin davon überzeugt, dass der christliche Glaube doch etwas besonders ist. 

Warum das?

Albert Götte: Bei den Herausforderungen im ­Leben und beim Älterwerden geht es auch um Sinnfragen: Wer bin ich, woher komme ich und was wird aus mir? Da gibt der christliche Glaube sehr gute Antworten, denn er verheißt – gerade am Lebensende – eine Perspektive. Er verheißt, dass nicht alles vorbei ist und ich eine gute ­Zukunft habe, dass ich meinen Weg mit meinem Gott gehen kann, der mich nicht verlässt. Diese Hoffnung lässt mich persönlich sehr gut leben.  

Mit Dr. Götte sprach Claudia Auffenberg

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