Die Himmelsstadt – Das Westwerk der Abteikirche in Corvey

Das Westwerk der Abteikirche in Corvey ist ein einzigartiges Glaubens- und Kulturzeugnis. 2014 nahm die UNESCO das Bauwerk in die Welterbe-Liste auf. Nach jahrelangen Planungen kann das Westwerk ab Sommer neu erlebt werden. Eine multimediale Präsentation entführt Besucher in das Mittelalter.

Christoph Stiegemann mit einem Modell der Abteikirche. Die Bilder zeigen zwei der sechs Skulpturen, die virtuell rekonstriert wurden. (Foto: Flüter)
Christoph Stiegemann mit einem Modell der Abteikirche. Die Bilder zeigen zwei der sechs Skulpturen, die virtuell rekonstriert wurden. (Foto: Flüter)
veröffentlicht am 10.03.2023
Lesezeit: ungefähr 7 Minuten

Das Westwerk der Abteikirche in Corvey ist ein einzigartiges Glaubens- und Kulturzeugnis. 2014 nahm die UNESCO das Bauwerk in die Welterbe-Liste auf. Nach jahrelangen Planungen kann das Westwerk ab Sommer neu erlebt werden. Eine multimediale Präsentation entführt Besucher in das Mittelalter.

Höxter. Wie ein Gebirge aus Gold beherrscht der barocke Hochaltar die Kirche St. Stephanus und St. Vitus in Corvey. Der überwältigende Sinneseindruck ist beabsichtigt. Besucher, die das westliche Portal durchschreiten und durch den jahrhundertelang dunklen Eingangsraum im Erdgeschoss des Westwerks in das Innere der ehemaligen Klosterkirche blicken, schauen auf eine blendende Kulisse – Abbild für den Allerhöchsten.

Zeitlose Gestaltungskunst

Genau das hatten die Bauherren Ende des 17 . Jahrhunderts geplant, als sie nach dem Dreißigjährigen Krieg auf den Ruinen der zerstörten romanischen Klosterkirche eine neue Kirche errichteten. Die Fenster im Erdgeschoss des nicht zerstörten westlichen Turms – das „Westwerk“ – ließen sie mit Mauern verschließen, um durch den dunklen Eingang die Wirkung des hellen Kirchenraums zu erhöhen. „Theatrum sacrum“, heiliges Theater, nannte man während der Gegenreformation derart spektakuläre Inszenierungen.

Diese zeitenlose Gestaltungskunst hat Dr. Christoph Stiegemann lange Sorgen bereitet. Dabei ist der Kunstwissenschaftler und ehemalige Leiter des Diözesanmuseums in Paderborn eigentlich jemand, der begeistert und begeisternd über solche Glanzstücke sakraler Kunst redet.

Hier aber liegt die Sache anders, denn als Ruheständler widmet sich der ehemalige Museumsleiter seit 2016 einer neuen Aufgabe. Damals übernahm er die Leitung eines multiprofessionellen Kompetenzteams, das sich an die museale Ausgestaltung des uralten Westwerks machte. 2014  war der Turm von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden – eine Ehre, die auch Verpflichtung war.

Lange Zeit war die Bedeutung des quadratischen Turms, der mit seinen beiden Türmen schon von weither zu sehen ist, fast vergessen. Nichts erinnerte mehr daran, dass das Westwerk nicht nur der älteste Teil, sondern fast ein Jahrtausend lang ein zentraler Bau des Benediktinerklosters gewesen war, ein Ort, an dem sich Herrscher und Kirchenfürsten trafen. 

Antike Vorbilder

Beim Wiederaufbau hatte man nicht nur die Fenster im Erdgeschoss des Turms verschlossen, sondern auch die Offenheit der Turmräume zur Kirche. Die neue Barockkirche erhielt eine Orgel, eine der besten und schönsten in Westfalen. Doch die Orgelbauer errichteten das mehrere Stockwerke hohe Instrument vor dem Westwerk. Damit verschwanden das Erdgeschoss und der darüberliegende Johanneschor im Dunkeln.

Erst die Archäologen, Historiker und Kunstwissenschaftler der Neuzeit entdeckten die Schönheit des Westwerks wieder, die Säulen, Farben, Wandgemälde und die Indizien, die auf Skulpturen hinwiesen. Es wurde deutlich, wie planvoll die karolingischen Kirchenbauer zum Anfang des 9. Jahrhundert vorgegangen waren und wie sehr sich das Westwerk auf die ältere romanische Kirche, vor allem auf antike Vorbilder, bezogen hatte.

2014 nahm die UNESCO das Bauwerk in die „Welterbe-Liste“ auf. Das Westwerk sei einzigartig und seit 1 200 Jahren in seiner Grundstruktur unversehrt, hieß es in der Begründung. Es handele sich um ein authentisches Gebäude aus dem frühen Mittelalter, das es östlich des Rheins kein zweites Mal gebe. Die UNESCO würdigte die Verbindung zwischen Antike und Mittelalter, die das Westwerk prägt. Die Gewölbe greifen antike Konstruktionstechniken auf, der Hauptraum im Obergeschoss, der „Johanneschor“, entstand als Halle nach antikem Vorbild. Einzigartig ist auch die karolingische Wandmalerei, die Odysseus im Kampf mit dem Meerungeheuer Skylla zeigt.

Wie aber sollte man diesen erloschenen Glanz wiederbeleben und zeigen, wie das karolingische Westwerk ausgesehen hat – ohne sich vom barocken Glanz der Abteikirche ablenken zu lassen? So wie das Westwerk aussah, hätte sich kein Besucher übermäßig lange in diesem dunklen Gewölbe aufgehalten, sondern wäre weitergeeilt in das Barockwunder der Kirche.

Virtuelle Auferstehung in der Abteikirche in Corvey

Irgendwann hatte Christoph Stiegemann die rettende Idee. Was wäre, wenn der Blick in die Kirche mit einer neuen Kulisse, einer Art Leinwand, „verschleiert“ würde und so den Blick zurück in den Innenraum des Westwerks lenkte?

Die Umsetzung dieser Idee war vor allem ein technologisches Problem. Die Realisierung endete erst vor einigen Wochen. Fachleute setzten eine Glaswand zwischen Westwerk und Kirchenraum ein. Das Spezialglas kann auf Knopfdruck blickdicht geschaltet werden und als Fläche für Großprojektionen dienen. Die Wissenschaftler und Museumsmacher lassen auf dem Glas die untergegangene karolingische Kirche virtuell auferstehen – mit dem Ergebnis, dass sich den Besuchern ab Sommer der Blick in die Kirche und auf das Westwerk eröffnet, den die Kirchgänger im Mittelalter hatten.

Fresken schmückten die Wände von Corvey

Weil zudem Lichtinstallationen in den zugemauerten Fensterbögen den Raum erleuchten, wird die Schönheit des Gewölbes vom Dunkel befreit und auf die vier Säulen, die von vier massiven Trägern umgeben sind, gelenkt: eine bauliche Metapher für die innere, die himmlische Stadt. Den Menschen des Mittelalters müssen die Augen übergegangen sein, auch weil die Säulen und Träger in einem tiefen Rot aufleuchteten.

Ein Stockwerk höher versammelten sich Würdenträger, Fürsten, der höhere Klerus und immer wieder auch Könige und Kaiser. Von dort – die Orgel kam erst Jahrhunderte später – blickten die höheren Stände wie von einer Theaterbühne in die Tiefe der romanischen Basilika. Der Raum, der sie umgab, verstärkte ihre Präsenz. Das Quadrat des heutigen Johanneschores erhob sich nach römischen Vorbildern zu einer von einer Galerie umgebenen Halle. Fresken schmückten die Wände. Auf sechs Säulen standen sechs Statuen aus Stuck, alles farbiger, als wir es heute unbesehen glauben würden.

Diesen exklusiven Blick zeigen die Tablets, mit denen zukünftige Besucher durch den Raum gehen werden. In welche Richtung auch das Tablet gehalten wird, immer zeigt der Bildschirm an, wie es hier bis vor 400 Jahren ausgesehen hat. Das gilt auch für die atemberaubende Per­spektive in die Kirche – ein Blick, der seit 1680 von der Orgel versperrt ist.

Eine der großen Attraktionen der Landesgartenschau

Geradezu sensationell wirken jedoch die sechs Stuckfiguren, die in der virtuellen Realität auf die Menschen zu ihren Füßen hinabblicken. Auf dem Mauerwerk in Corvey waren die Pinselvorzeichnungen – die Sinopien – der Skulpturen zu erahnen. Auf dieser Basis ist es dank alter Handwerkskunst und digitaler Technologie gelungen, die Figuren auferstehen zu lassen.

Christoph Stiegemann übertrug die Sinopien auf Pauspapier und malte sie so aus, wie sie im Originalzustand wahrscheinlich ausgesehen haben. Er bediente sich dabei des karolingischen Gestaltungskanons aus dem 9. Jahrhundert. Den Rest erledigten die Computer. Wir, die Zuschauer, können jetzt dank Augmented Reality erfahren, wie und wo Könige, Adel und hoher Klerus feierten und beteten.

Das Westwerk in Corvey wird ab Sommer eine der großen Attraktionen der Landesgartenschau in Höxter sein. Die Gäste werden nicht anders als die Kaiser und Könige schon beim Weg zur Abtei von der gewaltigen Ziegelsteinfassade beeindruckt sein. Aus der Vogelperspektive würden sie erkennen, dass die Landschaft, die sich hinter Kloster und Weser erstreckt, nicht viel anders aussieht als zu ihrer Zeit. In mittlerer Höhe zwischen den beiden Türmen hängt eine große Platte, die ebenfalls aus dem frühen Mittelalter stammt. Die goldenen Lettern äußern lateinisch den Wunsch „Umhege du, o Herr, diese Stadt, und lass deine Engel die Wächter ihrer Mauern sein.“

Von Engeln bewacht

Die Neugestaltung des Westwerks macht die Wechselfälle der langen Geschichte Corveys deutlich und führt uns hinein in Welten, die es schon sehr lange nicht mehr gibt. „Von Engeln bewacht – die Himmelsstadt“ heißt die Dauerausstellung, die Besuchern ab Sommer das Westwerk näherbringt. Tatsächlich: Selbst in der virtuellen Rekon­struktion wird man sich vorstellen können, wie die Menschen des Mittelalters das Westwerk als Abbild der Ewigen Stadt im Himmel erlebt haben.  

Karl-Martin Flüter

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