Als „roter Priester“ gerügt – Vor 100 Jahren starb Wilhelm Hohoff

Vor 100 Jahren starb Wilhelm Hohoff: Zu Lebzeiten stieß er in der Kirche auf Ablehnung, heute wird sein Werk anerkannt.

Die Grabstätte von Wilhelm Hohoff auf dem Paderborner Ostfriedhof ist bis heute erhalten. (Foto: Claudia Auffenberg)
Die Grabstätte von Wilhelm Hohoff auf dem Paderborner Ostfriedhof ist bis heute erhalten. (Foto: Claudia Auffenberg)
veröffentlicht am 21.02.2023
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Vor 100 Jahren starb Wilhelm Hohoff: Der Priester und Wegbereiter der katholischen ­Sozialforschung korrespondierte unter anderem mit August Bebel und Friedrich Engels. Zu Lebzeiten stieß er in der Kirche auf Ablehnung, heute wird sein Werk anerkannt.

Paderborn (pdp). Hohoff gilt als einer der Vordenker des katholischen Sozialismus, einer politisch-­theologischen Richtung der 1920er-/1930er-­Jahre. Der Geburts- und Todestag von Wilhelm Hohoff folgen im Kalender direkt aufeinander: Vor 175 Jahren wurde der Geistliche am 9. Februar 1848 in Medebach geboren, vor 100 Jahren starb er am 10. Februar 1923 in Paderborn. Als „roter Priester“, der sich in seinem intensiven publi­zistischen Schaffen unter anderem mit den Lehren von Karl Marx auseinandersetzte, stieß Hohoff zu Lebzeiten innerhalb der katholischen Kirche auf Ablehnung: Für seine unbequemen Impulse wurde er von seiner Diö­zese Paderborn sogar öffentlich gerügt. „Wilhelm Hohoff hat durch seine Publikationen einen wichtigen Dialog-­Beitrag innerhalb der Theologie und dabei besonders für die Christliche Gesellschaftslehre und Sozialpastoral geleistet“, würdigt Diözesanadministrator Monsignore Dr. Michael Bredeck das Lebenswerk des Geistlichen.

Mit Marx befasst

„Ich erkläre hiermit, dass ich Sozialist und Demokrat bin. Ich gehöre der sozialdemokratischen Partei aber nicht an. Insbesondere will ich nichts wissen von Unglauben und Atheismus. Ich bin gläubiger katholischer Priester.“ Diese klare Stellungnahme Hohoffs brachte ihm am 8. August 1922 zwar noch eine Rüge im Kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Paderborn ein. Rund ein Vierteljahrhundert später aber stellte sich das Bild schon ganz anders dar: Im Kirchlichen Amtsblatt vom 25. März 1948 war vom großen Interesse an den schriftlichen Arbeiten Wilhelm Hohoffs zu lesen, verbunden mit dem Aufruf, „alles zu sammeln, was von Wichtigkeit sein kann für die Bearbeitung des Lebens und des Werkes des genannten Volkswirtschaftlers“.

Wer war dieser Mensch, dessen Bedeutung für die katholische Kirche sich so stark gewandelt hat? Im Erzbistumsarchiv in Paderborn finden sich im vorhandenen Schriftgut Antworten. Als Sohn eines Land- und Stadtgerichtssekretärs und Enkel des Juristen und Rechtshistorikers Paul Wigand studierte Wilhelm Hohoff Theologie und politische Ökonomie in Münster, Marburg, Bonn und zuletzt in Paderborn. Hier empfing er 1871 die Priesterweihe. 14 Jahre war er Hausgeistlicher auf Haus Hüffe im Kreis Lübbecke, bevor er sich von 1886 bis 1905 als Vikar in der Diaspora­gemeinde Peters­hagen engagierte. Aufgrund andauernder Krankheit trat er 1905 in den Ruhestand und lebte fortan bis zu seinem Tod am 10. Fe­bruar 1923 in Paderborn. „Auf dem Paderborner Ostfriedhof hat er seine letzte Ruhestätte gefunden, seine Grabstelle rechts neben der Friedhofskapelle ist nach wie vor erhalten“, weiß Michael Streit, der das Erzbistumsarchiv leitet. 

„Kapitalismus und Christentum stehen sich einander gegenüber wie Wasser und Feuer“

Viele Veröffentlichungen befassen sich mit dem Wirken des Geistlichen, der Korrespondenzen unter anderem mit August Bebel, Friedrich Engels, Wilhelm Liebknecht und Lew Trotzki pflegte. Neben Franz Hitze – Zeitgenosse Hohoffs, ebenfalls Priester und erster Professor für Christliche Sozialwissenschaften der Universität Münster – beschäftigte sich Hohoff als einer der ersten Katholiken in Westfalen ernsthaft mit den Schriften von Karl Marx. Einige der Marx’schen Grundthesen widersprächen nicht grundsätzlich der christlichen Lehre, so das Urteil Hohoffs. Menschliche Arbeit sei die Quelle zur Schaffung von ökonomischen Werten, wie es grundsätzlich auch die Christliche Arbeitswerttheorie von Thomas von Aquin besage. Dies sollte die Grundannahme der publizistischen Arbeit von Wilhelm Hohoff sein.

Auf wenig Verständnis stieß der Priester damit zunächst nicht nur in der katholischen Kirche. Auch links­orientierte Kräfte stimmten ihm weitgehend nicht zu. Seine Kontroverse mit August Bebel, einem der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, wurde unter dem Titel „Christentum und Sozialismus“ veröffentlicht. „Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser“, so die ursprüngliche These Bebels. In seinem gesamten wissenschaftlichen Werk vertrat Hohoff hingegen die Auffassung, „dass nicht Christentum und Sozialismus, sondern Kapitalismus und Christentum sich einander gegenüberstehen wie Wasser und Feuer“.

Der Todestag des Priesters Wilhelm Hohoff jährte sich jetzt zum 100. Mal. (Foto: Erzbischöfliche Akademische Bibliothek Paderborn)

Namensgeber

Auf einer Gedenktafel an der ehemaligen Wohnstätte des Priesters am Gierswall in Paderborn wird Wilhelm Hohoff als „Klassiker der modernen christlichen Kapitalkritik, Begründer des Dialoges zwischen Christen und Marxisten und bedeutender Theoretiker des christlichen Sozialismus“ ausgewiesen. „Das ist sicher eine späte, aber berechtigte Würdigung“, betont Michael Streit. Straßen, die nach Wilhelm Hohoff benannt sind, gibt es heute nicht nur in Paderborn, sondern auch an seiner früheren Wirkungsstätte Petershagen und in seinem Geburtsort Medebach, wo in der Hohoffstraße auch die katholische Kindertagesstätte mit dem Namen des Geistlichen ihr Zuhause hat.


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