Marienaltar bekommt Asyl in Paderborn

Im Erzbischöflichen Diözesanmuseum ist im kommenden halben Jahr der Marienaltar aus dem Naumburger Dom zu sehen. Das aktuell vom Leipziger Maler Michael Triegel komplettierte Cranach-­Werk sorgte für Diskussionen um den Weltkulturerbe-­Status des Naumburger Domes.

Maienaltar
Holger Kempkens (l.), Direktor des Diözesanmuseums, und Holger Kunde, Stiftsdirektor der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstiftes Zeitz (r.), präsentieren den Altaraufsatz im Museum.(Fotos: Andreas Wiedenhaus)
veröffentlicht am 28.12.2022
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Im Erzbischöflichen Diözesanmuseum ist im kommenden halben Jahr der Marienaltar aus dem Naumburger Dom zu sehen. Das aktuell vom Leipziger Maler Michael Triegel komplettierte Cranach-­Werk sorgte für Diskussionen um den Weltkulturerbe-­Status des Naumburger Domes.

Paderborn/Naumburg (-haus). Ein ganz besonderer Brückenschlag ist derzeit im Erzbischöflichen Diözesanmuseum zu bewundern: Michael Triegel, einer der wichtigsten zeitgenössischen Maler im deutschsprachigen Raum, „trifft“ den Renaissance-­Star Lukas Cranach den Älteren. Zwischen 1517 und 1519 schuf Cranach für den Naumburger Dom einen Marienaltar, dessen Mittelteil wenig später dem reformatorischen Bildersturm zum Opfer fiel. Der Leipziger Maler Michael Triegel hat dem Altaraufsatz jetzt eine neue Mitte gegeben. 

Dafür, dass der Altar derzeit in Paderborn zu sehen ist, sorgten die Diskussionen, die sich an die Aufstellung des komplettierten Altaraufsatzes im Westchor des Naumburger Domes anschloss. Der Internationale Rat für Denkmalpflege (­ICOMOS), der die Einhaltung von Vorgaben für UNESCO-­Welterbestätten prüft, übte Kritik. So wurde der Altar nach der feierlichen ökumenischen Weihe am 3. Juli Anfang Dezember wieder abgebaut. „Die Diskussionen werden weitergehen“, sagte Holger Kunde, Stiftsdirektor der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstiftes Zeitz, bei der Präsentation des Werkes im Diözesanmuseum. „Wir wollen keine Konfrontation, hoffen aber, dass sich unsere Ansicht durchsetzt und der Aufsatz wieder an den vorgesehenen Standort in Naumburg zurückkehrt.“

Bis es so weit ist, ist der ­Altaraufsatz in einer Reihe von Museen zu sehen. Erste Station ist Paderborn. „Ich bin hocherfreut, dass wir dieses außergewöhnliche Kunstwerk, eines der wichtigsten Zeugnisse zeitgenössischer sakraler Kunst, bei uns in Paderborn zeigen können“, sagt Holger Kempkens, Direktor des Diözesanmuseums.

Bei Bildersturm zerstört

Auf der Rückseite hat Triegel den auferstandenen Jesus dar­gestellt.

Das ursprüngliche Cranach-­Retabel entstand 1517 bis 1519 aufgrund der testamentarischen Verfügung des Naumburger Bischofs Johannes III. von Schönburg, für die Umsetzung sorgten dessen Nachfolger Philipp von Wittelsbach und das Naumburger Domkapitel. Die heute noch erhaltenen Flügel zeigen auf den Vorderseiten links die beiden Apostel Philippus und Jakobus den Jüngeren sowie den Stifter Philipp von Wittelsbach, rechts den Apostel Jakobus den Älteren und die heilige Maria Magdalena sowie den Stifter Johann III. von Schönberg. Auf den Außenseiten der Flügel erblicken die Betrachtenden links die heilige Katharina und rechts die heilige Barbara.

Mittelpunkt des Cranach-­Werkes war eine Darstellung der Gottesmutter Maria. In der Reformation vertraten viele Theologen das biblische Bilderverbot. Das Verbot, keine bildliche Darstellung von Gott anfertigen zu dürfen, wurde auch auf bi­blische Personen wie Maria übertragen. Bei den darauffolgenden Bilderstürmen gingen zahlreiche Kunstwerke verloren, 1541 wurden im Naumburger Dom verschiedene Mariendarstellungen zerstört, darunter auch der Mittelteil des Cranach-­Altares.

Seit er zu seinem 13. Geburtstag ein Buch über Albrecht Dürer geschenkt bekam, wusste Michael Triegel nach eigener Aussage, dass er Maler werden möchte. Was er jedoch damals noch nicht wissen konnte: Rund 40 Jahre später würde er eine künstlerische Brücke über ein halbes Jahrtausend bauen und dem Cranach-­Retabel aus Naumburg seine künstlerische Mitte wiedergeben. Der für seinen altmeisterlichen und hyper­realistischen Stil bekannte Triegel schuf ein neues, beidseitig bemaltes Mittelstück. Vorne thront Maria mit Kind, umgeben von zwei musizierenden Frauen und einer engelsähnlichen Figur mit dem Beginn des Magnifikat auf einer Schriftrolle. Vor dem vergoldeten Hintergrund halten sechs Frauen und vier Männer ein Ehrentuch für Maria und den Messias. Hier sind Heilige und Menschen der Gegenwart abgebildet: so etwa Petrus mit moderner Base-­Cap oder auch der von den Nationalsozialisten ermordete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer. Die Rückseite der Mitteltafel zeigt den siegreichen Auferstandenen inmitten der Architektur des Naumburger Domes.

Skizzen und Video

Auch die Predella, den Sockel des Retabels, hat Michael Triegel neu geschaffen. Darauf sind auf der Vorderseite Symbole für das Abendmahl und auf der Rückseite das leere Grab Christi mit den Zeugnissen seiner Leidensgeschichte dargestellt.

Präsentiert wird der rund 3,30 Meter hohe Altaraufsatz im Hauptraum des Diözesanmuseums. Wer ein Ticket gekauft hat und den Ausstellungsbereich betritt, findet den Altar mit seiner beeindruckenden Bildwelt direkt auf der Eingangsebene. „Die Architektur unseres Hauses mit den Blickmöglichkeiten aus allen Etagen sorgt für eine reizvolle Betrachtung des Retabels aus vielen Perspektiven“, ist sich der Museumsdirektor sicher. Zu sehen ist neben dem vollendeten Altarwerk auch eine originale Entwurfsskizze, die Michael Triegel für die Vorderseite der mittleren Altartafel angefertigt hat und die den Fertigungsprozess nachvollziehen lässt. Informationstexte und ein Video erweitern den Eindruck von der Entstehung dieses außergewöhnlichen Kunstwerkes. „Ich hoffe sehr, dass viele den Weg ins Diözesanmuseum finden werden, um sich diesen ­Altaraufsatz anzusehen, der Jahrhunderte verbindet – es lohnt sich!“, zeigt sich Kempkens überzeugt. 

Die Ausstellung des Cra­nach-Triegel-­Retabels wird bis zum 11. Juni 2023 im Erzbischöflichen Diözesanmuseum in Paderborn zu sehen sein. Weitere Ausstellungsorte sind geplant. Voraussichtlich ab Ende 2024 oder im ersten Halbjahr 2025 soll der Altar nach Naumburg zurückkehren – vielleicht ja sogar an seinen angestammten Standort im berühmten Westchor.

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