Josefsheim – Teilhabe durch eine verständliche Sprache

Komplizierte Sätze, unverständliche Fremdwörter: Kommunikation kann voller Hindernisse sein – vor allem für Menschen mit Behinderung. In einem dreijährigen Projekt wurde im Josefsheim in Bigge nach Ideen für eine leichter verständliche Kommunikation gesucht.

Sorgen für leichtere Kommunikation im Josefsheim (v.l.): ­Leonie Köpp, Lara Frese und Ulrike Düppe. (Fotos: Josefsheim)
veröffentlicht am 02.09.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Komplizierte Sätze, unverständliche Fremdwörter: Kommunikation kann voller Hindernisse sein – vor allem für Menschen mit Behinderung. In einem dreijährigen Projekt wurde im Josefsheim in Bigge nach Ideen für eine leichter verständliche Kommunikation gesucht.

Olsberg-Bigge. Statt anklopfen und fragen – warum nicht ein Symbol am Zimmer, das die Anwesenheit zeigt? Einen neuen Pass beantragen – warum nicht einfache Erklär-­Symbole dazu? Ideen wie diese und vieles mehr wurden im Projekt „Sokoor“ gesucht und umgesetzt. „Sokoor“ ist die Abkürzung für „Im Sozialraum kommunikativ und orientiert dabei“. Nach mehr als drei Jahren läuft das Projekt nun aus, aber es soll nicht Schluss damit sein. Unterstützte Kommunikation ist und bleibe eines der wichtigsten Themen in punc­to Teilhabe für Menschen mit Behinderung, betont das Josefsheim. „Gerade Barrierefreiheit im sprachlichen Bereich muss weiterhin in der Fläche, also im Sozialraum, etabliert werden“, sagt Janine Rottler, pädagogische Geschäftsführerin der Josefsheim ­gGmbH. Mit „Sokoor“, das von der Aktion Mensch gefördert wurde, sei seit 2018 ein großer Schritt Richtung wirklicher Teilhabe gemacht worden.

Piktogramme können hilfreich sein

Die Expertin Leonie Köpp, Stabsstelle Rehabilitation und Teilhabe im Josefsheim, leitete das dreiköpfige Team von geschulten Beraterinnen zur „Unterstützten Kommunikation“. Sie bleibt gemeinsam mit Lara Frese und Ulrike Düppe im Josefheim auch künftig Ansprechpartnerin, wenn es darum geht, Dinge leichter darzustellen und Barrieren auch in der Sprache abzuschaffen bzw. erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Diesen Sommer hatte sie ein Schlüsselerlebnis außerhalb des Josefsheimes: „Ich war im Schwimmbad und habe erlebt, dass eine Ukrainerin mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm vom Nichtschwimmer- im Schwimmer-­Bereich landete. Das Seil als Absperrung war in seinem sprachlichen Ausdruck nicht deutlich genug. Es braucht mehr Signale, um diese Botschaft zu entschlüsseln.“ Auch hier wäre, so Köpp, zum Beispiel ein Piktogramm hilfreich, und das für Menschen mit Behinderung ebenso wie für jene, die nur schlecht Deutsch sprechen oder Gepflogenheiten in Deutschland nicht kennen. Oder aber für Kinder und Senioren. „Wir sehen ja schon in Kindergärten, wie gut alles mit Bildern funktioniert. Dies lässt sich einfach übertragen.“

Multimodale Kommunikation

Josefsheim – Teilhabe durch eine verständliche Sprache

Viele profitieren von barrierefreier Sprache, „man erreicht damit schon die breite Masse“, sagt Leonie Köpp. Und einfach muss nicht oberflächlich heißen. „Piktogramme etwa müssen nur gut gemacht sein. Es gilt, multimodal zu kommunizieren. Über Bilder, Sprache, akustische Signale, Gestik, es gibt so viele Möglichkeiten. Und wir sollten alle Register ziehen. Wer beispielsweise nicht gut mit Akustik umgehen kann, dem hilft dann vielleicht das Piktogramm“, sagt die Expertin. Am besten seien wenigstens drei Kommunikationskanäle wie bei modernen Ampeln: „Sie haben den Ton, den Summer als taktiles Sprachmittel und die Farbe.“

Über die zwei Jahre haben sich schon einige Projektbeteiligte im so genannten „Sozialraum“, d. h. im gesamten Stadtgebiet Olsbergs mit all seinen Einrichtungen, einen Anfang gemacht: sei es die Pizzeria La Piazza mit ihrer Speisekarte, die Stadtbücherei rund um ihre Nutzungsbedingungen und Öffnungszeiten oder die Sparkasse mit Geldautomaten an der Bruchstraße. Auch für die Stadt Olsberg wurden erste Ausfüllhilfen für Grunddokumente erstellt.

Doch wo anfangen? „Jeder Schritt, schon der kleinste, bringt uns ein Stück voran“, sagt Janine Rottler. Viele Dinge hat das Team im Haus Jakobus, direkt neben der Schule an der Ruhraue, ausprobiert. Hier kennen sich die drei Beraterinnen aus, hier bekamen sie unmittelbares Feedback. Und im Herbst werden auch die drei Prüfer ausgebildet sein. „Alle sind Menschen mit Behinderung. Sie prüfen und vergeben den Stempel ‚Leichte Sprache‘. Und es gibt auch schon einige Verbesserungsvorschläge.“

Vereinfachte Sprache hat Mehrwert für alle

Erste Meilensteine sind gelegt, jetzt gilt es den Weg zu barrierefreier Kommunikation weiter zu ebnen. Und hier helfen die Expertinnen des Josefsheimes dort, wo es möglich und sinnvoll ist, gerne weiter. „Wie sich das Ganze weiterentwickelt, ist eine Frage von Einstellungen. Wir müssen uns gegenseitig auf die Finger klopfen und immer wieder schauen, wo wir etwas noch besser, also einfacher, darstellen können“, sagt Köpp. Sie ist felsenfest überzeugt: „Am Ende hat die vereinfachte Sprache für alle einen echten Mehrwert.“

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