Lorenz Jaeger als Seelsorger – „Blindheit hat Ursachen“

Wenn man über Lorenz Jaeger als Seelsorger nachdenkt, hätte man vor Jahren wohl nach innovativen Pastoralkonzepten gefragt und danach, was sie einem heute sagen. Heute allerdings ist der Fokus ein anderer.

Haben das neue Buch über Jaeger herausgegeben: Prof. Dr. Nicole Priesching und Georg Pahlke. Erschienen ist es bei Brill/Schöningh. (Foto: Auffenberg)
Haben das neue Buch über Jaeger herausgegeben: Prof. Dr. Nicole Priesching und Georg Pahlke. Erschienen ist es bei Brill/Schöningh. (Foto: Auffenberg)
veröffentlicht am 31.08.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Wenn man über Lorenz Jaeger als Seelsorger nachdenkt, hätte man vor Jahren wohl nach innovativen Pastoralkonzepten gefragt und danach, was sie einem heute sagen. Heute allerdings ist der Fokus ein anderer.

Schwerte (-berg). Seit fünf Jahren befasst sich die Kommission für Zeitgeschichte im Erzbistum mit der Person Lorenz Jaeger. Bei einer jährlichen Tagung betrachten Fachleute den einstigen Erzbischof aus verschiedenen Perspektiven. Bei der aktuellen Tagung, bei der es um Jaeger als Person ging, wurde zugleich die Dokumentation der letztjährigen Tagung vorgestellt: Lorenz Jaeger als Seelsorger. Das gesamte Forschungsprojekt ist an der Universität Paderborn angesiedelt, wo sich die Historikerin Prof. Nicole Priesching mit Jaeger auch aus anderem Anlass befasst: Im Auftrag des Erzbistums untersucht sie mit ihrer Mitarbeiterin Dr. Christine Hartig den sexuellen Missbrauch in Jaegers Amtszeit und der seines Nachfolgers.

„Der Missbrauch ist kein Kollateralschaden“

Im aktuellen Forschungsband kommen nun beide Uniprojekte zusammen und damit werden – erstmals in Deutschland, wie Nicole Priesching bei der Präsentation betonte – der Missbrauch und seine Mechanismen Teil der Geschichtsschreibung. Und es wird deutlich: „Der Missbrauch ist kein Kollateralschaden“, so Priesching. Die Mechanismen und Denkmuster, die ihn ermöglicht haben, seien Teil des Amts- und Seelsorgeverständnisses gewesen. „Die Blindheit hat Ursachen, darüber muss man reden.“ Die Hauptursache war wohl das Kirchenbild, dem Jaeger anhing und von dem er sein Amtsverständnis ableitete. Er sah sich als pater familias, was nicht unbedingt väterlich im heutigen Sinne, sondern eher patriarchal im Sinne des 19. Jahrhunderts zu verstehen ist. Was der Vater sagt, ist zu tun, Kritik an ihm ist Ungehorsam, der sich nicht gehört.

Erschütterndes Dokument für diese Denkweise

Ein erschütterndes Dokument für diese Denkweise ist der kurze Briefwechsel zwischen Pfarrer Heinrich Ostermann und dem damaligen Generalvikar Rintelen. Ostermann war mit den Nazis in Konflikt geraten und lebte zwischen November 1944 und April 1945 im Untergrund, nachdem ihm die Flucht aus den Fängen der Gestapo gelungen war. Im Dezember 1945 schrieb er Jaeger und warf ihm in anklagenden Worten Versagen auf ganzer Linie vor. Weder der Bischof noch die meisten seiner Mitbrüder hätten ihm in dieser Zeit beigestanden, einige Laien hätten ihr Leben für ihn riskiert.

„Sie, Bischöflicher Vater, lehnten es ab, Ihrem priesterlichen Sohn in seiner höchsten Not beizustehen!“ Wenn sein Leben von den Geistlichen abgehangen hätte, „so lebte ich nicht mehr“, schreibt er. Eine Antwort auf diesen Brief erhielt Ostermann nicht von Jaeger, sondern von Rintelen. Der damalige Generalvikar findet an keiner Stelle mitfühlende Worte, sondern maßregelt den Priester scharf: „Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich Ihnen schreibe, dass aus Ihrem Brief nicht der Geist Christi spricht. Ich kann aus Ihnen nur Hochmut, Ehrfurchtlosigkeit und Autoritätslosigkeit lesen.“

Unterschiedliche Reaktionen

Ganz anders ist der Tonfall Jaegers in einem Schreiben an den früheren Domchorleiter Walter Salmen. Salmen wurde 1967 verhaftet und stand ein Jahr später wegen Missbrauchs an Domchorknaben vor dem Paderborner Landgericht. Wenige Tage nach dem Urteil suspendierte Jaeger ihn gemäß des Kirchenrechts. In einem persönlichen Schreiben an Salmen kündigte er das Dekret an und betonte: „Sie dürfen aber überzeugt sein, daß Sie meinem Herzen nach wie vor nahe stehen und daß ich alles tun werde, Sie recht bald von den kirchenrechtlichen Folgen Ihrer Verurteilung […] zu befreien. Seien Sie versichert, dass ich Ihrer täglich im Gebet gedenke und innig darum bitte, dass der Herr Ihnen zurechhilft und Sie Ihres Priestertums wieder froh werden lässt.“

Zwei unterschiedliche Reaktionen auf das Handeln zweier Priester. Warum? Was hat der eine getan, was der andere unterlassen hat? Der eine stellt, so scheint es, das Handeln des Bischofs und der verfassten Kirche infrage, der andere nicht.

Weitere Berichte zur katholischen Kirche finden Sie in der aktuellen DOM-Ausgabe. Schauen Sie mal rein, es lohnt sich bestimmt.

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