Ein Kampf um Menschenwürde – 30 Jahre AVICRES

Den Menschen in Elendsvierteln um Rio de Janeiro eine Perspektive vermitteln – dieses Ziel hat sich die brasilianische Initiative AVICRES gesetzt. Zum 30-­jährigen Bestehen der deutschen Partnerorganisation sprechen die beiden Vorsitzenden über Ziele, Erfolge und Schikanen durch die brasilianische Regierung

Martiliana Rodrigues ist die Vorsitzende der brasilianischen ­AVICRES, Karl-­Heinz Herting (r.) Vorsitzender der deutschen. Der Paderborner Theologe ­Johannes Niggemeier (l.) gründete das Hilfswerk vor 31 Jahren in ­Brasilien. Fotografiert von Andreas Wiedenhaus
Martiliana Rodrigues ist die Vorsitzende der brasilianischen ­AVICRES, Karl-­Heinz Herting (r.) Vorsitzender der deutschen. Der Paderborner Theologe ­Johannes Niggemeier (l.) gründete das Hilfswerk vor 31 Jahren in ­Brasilien. Foto: Andreas Wiedenhaus
veröffentlicht am 25.08.2022
Lesezeit: ungefähr 5 Minuten

Mit Martiliana Rodrigues und Karl-Heinz Hertingsprach Andreas Wiedenhaus.

Was ist das Besondere an ­AVICRES?

Karl-Heinz Herting: Zentral ist bei ­AVICRES die Überzeugung, solidarisch zu sein, gemeinsam mit anderen Menschen etwas zu tun in einem anderen Land. Grundlegend ist dabei, die Eigenständigkeit, die Kultur des anderen Landes zu akzeptieren und zu berücksichtigen. Dieses – ich nenne es mal vorsichtige Zusammenkommen – schließt die Lernerfahrung ein, dass wirkliche Solidarität nur aus einem echten Verständnis füreinander erwächst. Es soll eben keine Einbahnstraße sein, sondern beide Richtungen müssen gleichberechtigt sein. Damit das funktionieren kann, muss man manchmal auch miteinander ringen. 

Wie erklären Sie in Brasilien ­AVICRES?

Martiliana Rodrigues: Wir sind ein Sozialwerk zugunsten von Menschen, die in größter sozialer Verwundung leben. Unsere spezielle Aufgabe ist es, dass wir die Menschen aufnehmen, unterstützen und begleiten, denen es in unserer Region am Rande von Rio de Janeiro am schlechtesten geht. Eine unserer Hauptaufgaben sehen wir darin, diese Menschen zu motivieren, sich ihre Menschenwürde nicht nehmen zu lassen bzw. sie wiederzuerlangen. Sie sollen wachsen können – physisch, geistig, ganz individuell nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten und als Gruppe in der Gesellschaft, um ihre Anliegen zu vertreten. 

[…]

Das System will uns nicht, weil wir den Finger in die Wunde legen. Nach Ansicht der Machthaber schaden wir dem Ansehen Brasiliens im Ausland, gerade wegen unserer Partnerschaft mit der deutschen ­AVICRES.  Martiliana Rodrigues,
Vorsitzende von AVICRES Brasil

Frau Rodrigues, Sie haben eben gesagt, dass ­AVICRES vom brasilianischen Staat nicht unterstützt wird. Wie ist die Situation als kleines unabhängiges Hilfswerk?

Martiliana Rodrigues: Sehr schwierig! Ohne unsere deutschen Partner könnten wir als Nichtregierungsorganisation gar nicht überleben. Und das nicht nur in materieller Hinsicht. Gerade heute haben wir die Nachricht erhalten, dass eine Kommission bei einem Besuch überprüfen wird, ob wir weiter von der Steuer befreit sind. Solche Kontrollen und bürokratische Schikanen sind an der Tagesordnung, auch beim Transfer von Geld aus dem Ausland. Ständig müssen neue Bedingungen erfüllt werden. Wir werden zu 80 Prozent aus Deutschland unterstützt, und das ist unserer Regierung natürlich ein Dorn im Auge, so wie bei allen populistischen Regimen. So gesehen ist unsere Arbeit immer auch ein politischer Kampf! 

Und der währt so lange, wie es ­AVICRES gibt?

Martiliana Rodrigues: Ja, von Anfang an. Das System will uns nicht, weil wir den Finger in die Wunde legen. Nach Ansicht der Machthaber schaden wir dem Ansehen Brasiliens im Ausland, gerade wegen unserer Partnerschaft mit der deutschen ­AVICRES. Ganz aktuell sind wir verpflichtet worden, fünf Jugendlichen einen Arbeitsplatz zu stellen und zu finanzieren; ganz gleich, ob das in unser Konzept passt oder nicht. Und wenn wir das nicht können, werden uns die Kosten dieser Arbeitsplätze als Strafzahlung auferlegt. Das sind 15.000 Euro pro Jahr für uns, eine ganze Menge Geld! 

[…]

Also hat Corona ­AVICRES nicht kleingekriegt?

Martiliana Rodrigues: Auf keinen Fall, denn neben denjenigen Projekten, die direkt als Reaktion auf die Pandemie entstanden sind, gibt es auch ganz neue präventive; speziell für Frauen, weil sie mit Blick auf unsere Klientel die meiste Arbeit leisten. Zum einen ein Projekt zur Krebsvorsorge, das speziell auf die Frauen ganz am Rand der Gesellschaft zugeschnitten ist. Denn sie haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und wissen zum Teil gar nichts über diese Erkrankung. Hinzu kommen Angst und Scham. Sie werden in kleinen Gruppen von Teams aus einer Krankenschwester, einer Psychologin, einer Sozialarbeiterin und einer Ernährungsberaterin geschult, sich selbst zu untersuchen. 

[…]

Herr Herting, ­AVICRES legt großen Wert auf Solidarität und Gleichberechtigung: Wie hat sich Ihr Bild von Brasilien in den Jahren Ihres Engagements gewandelt?

Karl-Heinz Herting: Über die Jahre ist dieses Bild immer dichter, aber auch differenzierter geworden, nicht zuletzt durch die Besuche dort. Dazu gehört natürlich auch die Vorstellung der Samba tanzenden Menschen, die scheinbar immer guter Laune sind. Aber eben auch die harte Realität der meisten Menschen, die geprägt ist von Armut, Gewalt und sozialer Benachteiligung. Aber trotzdem haben auch die ärmsten Menschen dort ihren Stolz und ihre Würde. Und das ist etwas, auf das wir mit unserer Arbeit bei ­AVICRES aufbauen können. 

Frau Rodrigues, welches Bild ­haben Sie von Deutschland?

Martiliana Rodrigues: Ich erlebe die Menschen hier als sehr solidarisch, sie sind offen dafür, anderen Menschen zu helfen. Das gilt für Brasilien genauso wie aktuell gegenüber der Ukrai­ne oder anderen Menschen in Not. Wobei mein Bild von den Mitgliedern der deutschen ­AVICRES geprägt ist. Und deren Bild von Brasilien ist durch uns geprägt, wir lernen voneinander und miteinander. Aber natürlich sind nicht alle Deutschen so, das ist in Brasilien genauso: Viele leben nur für sich und die eigenen Interessen. Eigentlich ist es ein bisschen verrückt: Die deutsche ­AVICRES wurde ins Leben gerufen, nachdem zuvor in Brasilien die Initiative entstanden ist. Dort war sie von jemandem gegründet worden, der zuvor aus Deutschland nach Brasilien gegangen war. Wenn ich über alles nachdenke, fällt mir ein afri­kanisches Sprichwort ein, das beschreibt, was ­AVICRES leistet: „Kleine Leute, die an unbedeutenden Orten kleine Dinge tun, können Außerordentliches erreichen.“

Das gesamte Interview finden Sie im E-Paper oder der aktuellen Printausgabe des DOM.

Info

Der Name AVICRES ist eine portugiesische Abkürzung. Sie bedeutet: „Associação Vida no Crescimento e na Solidariedade“, übersetzt: „Gemeinschaft für das Leben, damit es wachse in Solidarität“. AVICRES besteht aus der gleichnamigen brasilianischen Organisation AVICRES in Nova Iguaçu (Großraum Rio de Janeiro) und der dazugehörenden deutschen Partnerorganisation „Brasilieninitiative AVICRES e. V.“ mit Sitz in Paderborn. Die brasilianische Organisation wurde 1991 von dem Paderborner Religionspädagogen Johannes Niggemeier gegründet, die deutsche Partnerorganisation folgte ein Jahr später. Neben der finanziellen Unterstützung gehört es zum Programm der deutschen AVICRES, jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, ein einjähriges Sozialpraktikum in den brasilianischen Projekten zu leisten.

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