“Kirche ist einfach irrelevant” – Interview mit Ruth Nefiodow

Seit Kurzem ist Ruth ­Nefiodow im Erzbischöflichen Generalvikariat Ansprechpartnerin für diejenigen, die ausgetreten sind oder austreten wollen. Im Interview spricht sie über ihre neue Aufgabe und ihre Erwartungen.

Foto: Wolfgang Radtke/KNA
veröffentlicht am 12.08.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Immer mehr Menschen kehren der katholischen Kirche den Rücken. Seit Kurzem ist Ruth ­Nefiodow im Erzbischöflichen Generalvikariat Ansprechpartnerin für diejenigen, die ausgetreten sind oder austreten wollen. Im Interview spricht sie über ihre neue Aufgabe und ihre Erwartungen. Mit Frau Nefiodow sprach Andreas Wiedenhaus.

Frau Nefiodow, mit wie vielen Menschen haben Sie bisher gesprochen?

Ruth Nefiodow: Direkt bisher mit niemandem, denn die Stelle ist ganz neu geschaffen worden. In den kommenden Tagen ist das erste Gespräch vereinbart, aber ich hatte schon verschiedene Kontakte zum Thema per E-Mail. Die Stelle ist wie gesagt noch im Entstehen.

Worum ging es bei den E-Mail-Kontakten, wer hat Ihnen geschrieben?

Ruth Nefiodow: Menschen, die mit der Kirche unzufrieden sind und mit dem Gedanken spielen auszutreten. Sie schildern zum Beispiel die Gründe für ihre Unzufriedenheit. Es geht dabei um schlechte Erfahrungen, die sie in der Kirche gemacht haben, den Wunsch nach mehr Reformen, das Entsetzen über Missbrauchsfälle oder andere Missstände, beispielsweise, dass die Kirche zu reich ist.

[…]

Da ist Ihre Hotline also die klassische Beschwerdestelle wie andere Hotlines auch. Aber was können Sie den Leuten bieten? Das gehört bei so einer Stelle eigentlich mit zum Programm, etwa bei der Telekom.

Ruth Nefiodow: Ein grundsätzliches Angebot ist es, deutlich zu machen, dass diejenigen, die ausgetreten sind oder austreten wollen, auch von uns gehört werden. Die Tatsache allein, dass es diese Stelle gibt, zeigt den Menschen, dass es der Kirche nicht egal ist, dass Gläubige sie verlassen. Zum einen ist die große Zahl allein erschreckend, zum anderen steht ja hinter jedem einzelnen Entschluss zum Austritt eine persönliche Entscheidung. Die Geschichten und die Anliegen, die dahinterstehen, sollen Gehör finden. Persönlich kann ich natürlich in diesen ganz individuellen Fällen nichts Konkretes anbieten, wie eine Änderung der kirchenpolitischen Verhältnisse, und ich kann auch geschehenes Unrecht nicht wieder gutmachen. Die Leute sind häufig sehr verärgert, das ist in den ersten Kontakten schon klar geworden. Wenn man dann mit Verständnis reagiert, kann das die Wogen schon glätten, und dann kann sich ein Gespräch entwickeln. Worauf man konkret reagieren kann, sind die Fragen, die diese Menschen stellen.

Aber kommt das nicht alles zu spät? Sie sind quasi die Letzte in einer ganzen Kette von Fehlentwicklungen.

[…]

Ist das nicht bitter, erst an diesem Punkt in Kontakt zu kommen?

Ruth Nefiodow: Da ist etwas dran, denn vorher ist viel passiert oder eben auch nicht passiert! Natürlich wünsche ich mir, dass die Kirche die Menschen so überzeugt, dass diese gar keinen Grund zum Austritt haben. Aber die Realität ist nicht so. Man darf auch den Gemeinden nicht die Schuld zuschieben, weil sie es versäumt haben, Menschen an sich zu binden. Denn Tatsache ist, dass die allermeisten, die die Kirche verlassen, ihren Entschluss nicht nach einem Prozess der Enttäuschung und Entfremdung fassen, sondern schlicht und einfach, weil die Kirche für sie irrelevant ist. Dazu gibt es Studien und Statistiken. Die meisten haben einfach keinen Kontakt mehr gehabt. Beim Blick auf die Steuern stellen sich viele die Frage: Was gebe ich und was bekomme ich? Für so jemanden birgt der Austritt Sparpotenzial. Inhaltlich spielt die Kirche für sie schon lange keine Rolle mehr. An solche Menschen heranzukommen, schafft man kaum. Für uns geht es darum, mit denjenigen zu sprechen, für die Kirche noch eine Bedeutung hatte oder hat.

Der Generalvikar hat bei der Vorstellung der Stelle davon gesprochen, dass man lernen wolle. Die Probleme wie Missbrauch und die Gründe für den Vertrauensverlust sind doch bekannt. Was will man also lernen?

Ruth Nefiodow: Wir können durch die Gespräche lernen, wo Menschen sich mehr von der Kirche oder den Gemeinden erhofft hätten und wo man schon präventiv hätte agieren können. Wir hören zu, was die Menschen bewegt, und können daraus im Umgang mit ihnen lernen, auch im angemessenen und wertschätzenden Auftreten ihnen gegenüber. Der Lernprozess mit Blick auf die Beheimatung der Menschen in der Kirche müsste aber viel eher ansetzen, damit es gar nicht so weit kommt, dass Menschen gehen wollen.

[…]

Das gesamte Interview lesen Sie im E-Paper oder der aktuellen Printausgabe des Dom.

Zur Person

Ruth Nefiodow hat die neue ­Projektstelle “Dialog mit Aus­getretenen und Austrittswilligen” im Erzbischöf­lichen General­vikariat zum 1. Juni 2022 übernommen. Vorher hat die Theologin im Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik gearbeitet. Angesiedelt ist die Stelle in der Abteilung Evangelisierung “Labor E” im Generalvikariat.
Die Hotline ist unter 0 52 51 / 1 25 56-56 zu erreichen.

Foto: Juan Zamalea/Erzbistum Paderborn

Weitere interessante Artikel auf DerDom.de
28.09.2022

 

 

 

 

Sendungsfeier – erstmals mit Pastoralreferenten

Neun Pastorale Mitarbeiter sandte das Erzbistum in einem Pontifikalamt mit Weihbischof Matthias König aus. Darunter waren erstmals vier Pastoralreferentinnen und -referenten.

weiterlesen
27.09.2022

 

 

 

 

Generaloberin der Vincentinerinnen wiedergewählt

Schwester M. Katharina Mock ist während der Generalkapiteltagung der Barmherzigen Schwestern für eine weitere Amtszeit als Generaloberin gewählt worden.

weiterlesen
26.09.2022

 

 

 

 

Wozu sind Sie da, Nina Koch?

Nina Koch, Jahrgang 1961, stammt aus dem Ennepe-Ruhr-­Kreis. Seit ihrem Studium lebt sie in Bielefeld, wo sie auch ihr Atelier hat und das Foto entstanden ist. Ihre Werke sind in vielen Kirchen zu sehen, auch im Erzbistum Paderborn.

weiterlesen