Weihbischof Josef Holtkotte – „Die Liebe ist stärker als der Tod“

„Woher bekommen wir Mut, Zuversicht und Hoffnung in unserer Zeit?“, fragt Weihbischof Josef Holtkotte in seinen Gedanken zum diesjährigen Osterfest.

Weihbischof Josef Holtkotte: "Die Liebe ist stärker als der Tod"
Die Liebe ist stärker! In diesem Vertrauen heirateten Anastasia und Anton inmitten der Trümmer von Charkiw und stellten sich dem allgegenwärtigen Leiden entgegen. Das Foto wurde am 3. ­April aufgenommen.
veröffentlicht am 15.04.2022
Lesezeit: ungefähr 7 Minuten

„Woher bekommen wir Mut, Zuversicht und Hoffnung in unserer Zeit?“, fragt Weihbischof Josef Holtkotte in seinen Gedanken zum diesjährigen Osterfest. Wir feiern das Leben im Angesicht schrecklichsten Leids. Geht das? Darf man das? Unbedingt, meint der Weihbischof.

Anfang und Ende. Leben und Tod. Die Gegensätze, die mit diesen Begriffen benannt werden, sind Realitäten. Sie gehören zu unserer Welt und zu unserem Leben. Sie sind nicht einfach wegzuwischen oder aufzulösen. Dem Ende und dem Tod begegnen wir vielfältig und in unterschiedlichen Zusammenhängen: Ohnmächtig und verstörend, fragend und zweifelnd kann dies für uns sein – immer endgültig. Wie stark sind im Gegensatz dazu der Anfang und das Leben? Wie kraftvoll und prägend sind sie? Entdecken wir in Anfang und Leben starke Säulen bleibender Zuversicht oder doch nur schwache Stützen begrenzter Zeit, die irgendwann doch zum Ende und zum Tod führen?

Mit diesen Fragen gehe ich auf Ostern zu. An Ostern feiern wir das Leben, die Auferstehung, das ewige Leben! Wir feiern ein Leben, das den Tod besiegt hat. Wie kann diese Überzeugung, diese Gewissheit, dieser Glaube in mir stark werden und bleiben? Wie kann ich überhaupt zum Glauben an die Auferstehung kommen, wenn ich so viel Grausamkeit, Gewalt, Ungerechtigkeit, Sterben, Krieg, Ende und Tod in unserer Welt erlebe?

Immer mehr bergab?

Angesichts der Realität von Leid entsteht der Eindruck, dass es mit unserer Welt immer mehr „bergab“ geht. Der Hunger weitet sich aus, die Unterschiede zwischen reichen und armen Kontinenten und Nationen verschärfen sich, Macht wird dunkel ausgeübt, Kriege werden angezettelt – Kriege, die unermessliches Leid mit sich bringen.

Das Zusammenleben der Menschen ist durchsetzt von Hass und Terror, die eine für uns alle tödliche Bedrohung schaffen. All das ist uns schon so sehr vertraut und unsere Hilflosigkeit ist so offenkundig, dass wir möglicherweise resigniert abwinken.

Sind die vielfältigen Todeszeichen und der Tod selbst ohnehin immer stärker als das Leben? Woher bekommen wir Mut, Zuversicht und Hoffnung in unserer Zeit? Wir brauchen Mut, Zuversicht und Hoffnung so sehr! Sie sind notwendig – Not wendend. Was kann uns Ostern sagen und schenken, das uns Hoffnung, Kraft und Stärke gibt?

In einer biblischen Ostererzählung ist zu entdecken, dass die Frauen, die zum Grab Jesu kamen, auf einen neuen Weg gewiesen wurden: weg vom Grab – auf nach Galiläa! Dorthin, wo Jesus gelebt und gewirkt hat. Genau dorthin sollen die Frauen die Jünger schicken. Der Auferstandene sagt zu den Frauen: „Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen.“ (Mt 28,10)

„Der Herr ist auferstanden!“

In Galiläa werden sie dem Auferstandenen begegnen. Ihre Begegnung ist unsere Botschaft von Ostern: „Der Herr ist auferstanden!“. Er hat den Tod besiegt. Der Herr ist und bleibt mit uns auf dem Weg. In dieser Botschaft bündelt sich alle Kraft. Diese Botschaft begründet den Mut, der uns glauben lässt, dass das Leben stärker ist als der Tod! Diese Botschaft wird für uns zur frohen Botschaft, zur Lebensbotschaft. „Er ist auferstanden“ – das ist etwas ganz Neues und Einmaliges, das hat es noch nie gegeben. Das übersteigt alles.

„Er ist auferstanden“ – das bedeutet: Der Tod ist in seine Schranken gewiesen worden. Nicht der Tod, sondern das Leben wird ewig sein. Das Leben ist stärker. Da, wo der Mensch nichts mehr ausrichten kann, da, wo der Mensch buchstäblich am Ende ist, genau da hat Gott ganz neu angefangen. Gott hat sich zum am Kreuz hingerichteten Jesus, zum toten Jesus bekannt, Gott hat ihm Recht gegeben, Gott hat Jesus aus dem Tod gerettet und hat ihn aufgenommen in sein ewiges Leben. Aus diesem Grund sind wir gewiss: Ein Leben ist möglich, in dem der Tod nicht das letzte Wort hat.

Was Gott liebt, lässt er leben

Die Frauen am Grab sind durch die österliche Botschaft von der Auferweckung Jesu wie verwandelt: „Sogleich verließen sie das Grab voll Furcht und großer Freude und sie eilten zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden.“ (Mt 28,8) Das ist österlicher Aufbruch. In diesem Aufbruch wächst die Gewissheit: Das, was Gott liebt, lässt er leben!

„Gott hat Jesus auferweckt, er hat ihn aus dem Tod gerettet und hat ihm neues Leben geschenkt. Dieses neue Leben Jesu als des Auferstandenen lässt auch uns hoffen, dass der Tod für uns nicht das Ende, das endgültige Aus, der Schlusspunkt ist, sondern die Tür zu Gott.“

Weihbischof Josef Holtkotte

Ostern – das ist keine Theorie über den gestorbenen Jesus, der erstaunlicherweise in dieses Leben zurückkehrte.

Ostern – das ist lebendige Begegnung: Sie gingen auf ihn zu und erkannten ihn: Jesus hat den Tod endgültig besiegt!

Mit der Auferstehung Jesu, der Botschaft von Ostern, wird ein Glaube verkündet, der mit Kopf und Hand zu tun hat, und auch mit dem Herzen. Österlicher Glaube bedeutet: Steht zu dem, was ihr im Herzen empfangen habt. Haltet fest an dem, was ihr im Herzen angenommen habt. Achtet auf das, was euch zu Herzen geht, was euch betroffen macht. Habt Mut zu den Impulsen eures Herzens. Lasst euch nicht zumauern, eindämmen oder einschüchtern von Meinungen und Lehrsätzen, die gegen das Leben sprechen. Lasst das Leben, die Welt, die Menschen an euer Herz heran, lasst sie euer Herz berühren, lasst sie durch euer Herz hindurchgehen. Schaut, was euer Herz, die Mitte eures Lebens, daraus macht. Dem Herzen folgen – durch den Tod zum Leben. In dieser Welt die Zukunft sehen. Liebe ist stärker als der Tod!

Geht nach Galiläa

Jesus sendet die Frauen zu seinen Jüngern. Diese hatten sich in den zurückliegenden Tagen seines Leidens und Sterbens nicht als Jünger bewährt. Die Jünger hatten versagt, hatten ihn verraten, verlassen und verleugnet. Doch zu ihnen sendet Jesus die Frauen.

„Sie sollen nach Galiläa gehen.“ In Galiläa hatte Jesus mit seiner Verkündigung begonnen. In Galiläa hatte Jesus die ersten Wunder gewirkt. In Galiläa haben die Menschen, vor allem seine Jünger, erfahren, was jetzt in seiner Auferstehung endgültig und unüberbietbar bestätigt wurde.

Galiläa ist somit nicht zuerst ein geografischer Ort, vielmehr ist Galiläa überall dort, wo ­Menschen sich die Botschaft und das Wirken Jesu zu eigen machen und zu Herzen nehmen, indem sie ganz im Sinne Jesu leben: das Böse mit Gutem vergelten, klar und eindeutig reden, einander vergeben und Frieden stiften, einander annehmen und lieben. Überall, wo das ehrlich und redlich versucht wird, ist der ­Auferstandene gegenwärtig.

Wie kann diese Botschaft vom Leben zu einer Botschaft für unsere Zeit und für uns selbst werden? Gelebter Glaube und ein österliches Miteinander werden sichtbar, wenn die österliche Botschaft vom Leben uns in unserer Zeit aufstehen lässt gegen alle Missverständnisse, gegen Hass, Gewalt, Manipulation und Populismus unter uns. Sie werden erkennbar, wenn diese Lebensbotschaft erfahren wird als Botschaft der Wahrheit und der Echtheit, die Menschen verwandeln kann.

Unser Glaube wird deutlich, wenn wir in der Kraft der Osterbotschaft nicht den Herausforderungen und Umbrüchen in unserer Welt und Kirche ausweichen, sondern aus unserem Glauben heraus an einer Kirche des Miteinanders bauen, des Volkes Gottes. Unser Glaube wird evident, wenn wir in Welt und Kirche mitgestalten, nicht mit einfachen Schablonen oder billigen Parolen, sondern mit Gewissen und einem Menschenbild, das andere ernst nimmt und allen Menschen ihre Würde lässt.

Das ist Ostern

Diese Botschaft vom Leben ist eine Botschaft für uns, wenn wir Wege zueinander finden und Schritte auf den Nächsten zugehen; wenn wir inmitten des Argwohns und Misstrauens in unserer Welt zusammenkommen und erfahren: Es ist Gottes Geist, der uns in Jesu Namen zusammenführt. Es ist die Erfahrung des Auferstandenen, des Lebendigen, der mitten unter uns gegenwärtig ist, die das bewirkt.

Das alles ist Ostern! Unsere Welt braucht unser Zeugnis, damit es heller, friedlicher und menschlicher wird, damit mehr Glaube an die Auferstehung die Menschen stärkt.

„Ostern bedeutet für uns heute wie für die Jünger damals, eine Richtung einzuschlagen und einen Weg zu gehen, den wir von uns aus nicht finden können. Durch die Osterbotschaft werden wir auf diesen Weg gestellt und können in der Kraft des Geistes andere mitnehmen, damit für immer mehr Menschen in unserer Welt Ostern wird: mehr Achtsamkeit vor dem Leben, mehr Herzenswärme, mehr Wahrheit. Der Herr ist wahrhaft auferstanden. Das ist Ostern.“

Weihbischof Josef Holtkotte
Weihbischof Josef Holtkotte ist im Erzbistum Paderborn Bischofsvikar für gesellschaftliche und soziale Fragen sowie Bischofsvikar für die Begleitung der Ruhestandsgeistlichen. Foto: Besim Mazhiqi
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