„Frauen ins Amt“ – Interview mit Roland Schmitz

„Frauen ins Amt!“ heißt das neue Buch von Sr. Philippa Rath. Darin sprechen sich über 100 Männer der Kirche für das Priesteramt für Frauen aus.

"Frauen ins Amt", dafür spricht sich auch Roland Schmitz (52) aus. Er ist seit 2006 Diözesanpräses der kfd im Erzbistum Paderborn. (Foto: Regina Bruksch/kfd)
veröffentlicht am 19.02.2022
Lesezeit: ungefähr 8 Minuten

„Frauen ins Amt!“ heißt das neue Buch von Sr. Philippa Rath OSB. Darin sprechen sich über 100 Männer der Kirche für das Priesteramt für Frauen aus oder mindestens für eine offene Diskussion darüber. Zu den Autoren aus dem Erzbistum Paderborn gehört Roland Schmitz, Diözesanpräses der kfd. Mit Roland Schmitz sprachen Claudia Auffenberg und Martin Schmid.

Herr Schmitz, wie geht es Ihnen als Priester in dieser Kirche derzeit?

Roland Schmitz: Ich bin total zwiegespalten! Meine Gefühle fahren Achterbahn. Die vielen schockierenden Nachrichten lösen bei mir eine Lethargie aus, nach dem Motto: Macht doch euren Kram alleine. Aber in der Begegnung mit konkreten Menschen in der Pastoral und besonders in der Frauengemeinschaft geht es mir ganz anders. Ich komme gerade von einem Treffen mit den Bezirksleiterinnen der kfd unseres Diözesanverbandes. Die waren einerseits schockiert, andererseits sehr motiviert, in dieser Frauengemeinschaft mitei­nander den Glauben zu wagen, zu suchen, zu gestalten. Und dann gibt es Zeichen wie „“#­Out­In­Church“. ­Megastark! Solche Bewegungen ermutigen mich. Dazu zählt auch das Buch, über das wir uns heute unterhalten. Es macht stark, wenn mehrere Menschen zusammen auftreten und zeigen: Es sind nicht nur Einzelne, sondern ganz viele. Das entwickelt eine Dynamik, die mir wieder Mut macht.

“Frauen ins Amt“ heißt das Buch. Was für ein Amt soll das sein? 

Roland Schmitz: Ganz klar, das Weiheamt, ganz klar die Diakonin und die Priesterin. Männer und Frauen sind gleichermaßen erlöst – davon bin ich zutiefst überzeugt – und diese Glaubenswahrheit muss sich darin zeigen, dass es bei der Darstellung des kosmischen Christus um eine Representation geht, die von allen Geschlechterdefinitionen losgelöst ist. Es geht darum, das Heilshandeln Jesu zu repräsentieren und nicht das biologische Mannsein. Es muss endlich möglich sein, nicht nur die eine Hälfte der Berufungen wahrzunehmen. Die Kirche sieht sich im Augenblick ja noch nicht einmal in der Lage, die Berufungen von Frauen zu prüfen! Da muss sich etwas bewegen, wir brauchen Frauen in allen Weiheämtern, um das abzubilden, was das Zweite Vatikanische Konzil formuliert: Wenn Gott seinen sozialen Leib, also die Kirche, durch die Charismen der Menschen gestaltet und sie jeweils aktuell verteilt und vergibt, dann darf das um des Himmels Willen vor dem Weiheamt nicht halt machen. 

Aber das Weiheamt ist ja auch für Männer kaum noch attraktiv. Sollen jetzt die Frauen sozusagen den Karren aus dem Dreck ziehen?

Roland Schmitz: Wir reden natürlich von einer Kirche, die in allen Bereichen vor Umbrüchen steht und da ist es wichtig, dass wir auch die Ämter neu definieren. Im Moment ist es noch schwer, sich ein Amt vorzustellen, das komplett neu aufgestellt ist. Wir denken noch in den jetzigen Mustern, ich auch, das gebe ich zu. Trotzdem sage ich: Ja, wir brauchen Frauen auch jetzt schon in der aktuellen Ausformung des Amtes. Wir müssen dann miteinander die Ämter neu konfigurieren: Was bedeutet etwa Leitung: Heißt Leitung der Eucharistie immer automatisch Leitung der Gemeinde? Was ist mit den administrativen Aufgaben, die Geweihten zukommen – ist das sinnvoll? Aber so lange sollten wir nicht warten. Frauen und Männer können gemeinsam in das Neue hineinwachsen. Beim Syno­dalen Weg wird ja darüber diskutiert. 

Hätten Sie das alles vor zehn Jahren auch schon öffentlich gesagt?

Roland Schmitz: Auf jeden Fall! Meine Diplom­arbeit habe ich geschrieben zum Thema: „Die Rolle der Frau in der Liturgie als festlich begangene Daseins-­Bejahung.“ Und in der Spur, dass das, was wir jetzt haben, nicht alles sein kann, bin ich schon seit Studienzeiten. Ich habe aus meiner Meinung zum Frauenpriestertum nie einen Hehl gemacht. Der Verband, für den ich arbeiten darf, im Übrigen auch nicht. Schon 1999 hat die kfd die Zulassung von Frauen zu allen Diensten und Ämtern gefordert, aber von der Bischofskonferenz einen Maulkorb bekommen. Von dem konnten wir uns erst 20 Jahre später befreien. 

Wie ist denn die Stimmung unter Ihren Mitbrüdern zu diesem Thema?

Roland Schmitz: Da erlebe ich das ganze Spek­trum: Die einen sind froh, dass das Thema endlich besprechbar ist, und die anderen lehnen es ab, allerdings eher zwischen den Zeilen. Ich hätte übrigens nie gedacht, dass ich einmal mit Kardinal Marx in einem Buch positiv über das Priesteramt für Frauen schreiben würde. Bei mir wundert es mich weniger …

Empfinden Sie Kardinal Marx als unglaubwürdig?

Roland Schmitz: Nein, nein! Ich sehe bei ihm eine Entwicklung. Früher hätte ich ihm nicht zugetraut, für das Frauenpriestertum zu sprechen. Diese Wandlung empfinde ich als sehr ehrlich. Auch andere Bischöfe haben eine Entwicklung durchgemacht, etwa Bischof Dieser aus Aachen. Bei manchen kommen die Änderungen gerade erst in Gang. Und da wir immer aus solchen Änderungen und Entwicklungen leben, nehme ich sie sehr ernst. 

Erleben Sie bei Ihren Mitbrüdern Angst vor Machtverlust? Sie schreiben in Ihrem Beitrag von Erfahrungen aus der kfd, dass geistliche Begleiterinnen vor Ort von Priestern dominiert und kontrolliert werden. 

Roland Schmitz: Mit einem solchen Fall bin ich aktuell konfrontiert. Eine Kollegin hat sich bei mir bitter darüber beklagt, dass sie sich von einem Priester zurückgesetzt, belastet und – das ist jetzt mein Wort: – gemobbt fühlt. Wer gebietet diesem Priester eigentlich Einhalt? Als Betroffene kann man natürlich zur Supervision gehen oder die Vorgesetzten informieren, aber solche Zustände sind erst einmal sich selbst überlassen. Da fehlt das Con­trolling. Wer sich über solches Machtgehabe definiert, der fühlt sich möglicherweise durch die Entwicklungen demontiert. Da muss ich sagen: Das finde ich gut! 

Und wie ist die Stimmung im Verband, in den kfd-­Gruppen vor Ort?

Roland Schmitz: Grundsätzlich ist sie sehr unterschiedlich. Es gibt lebendige Gruppen und solche, die Schwierigkeiten haben, ihr Verbandsleben aufrechtzuerhalten. Das hat mit Corona zu tun, aber auch damit, dass sich keine Ehrenamtlichen finden, die die Leitung übernehmen möchten. Auf unser Thema bezogen, erlebe ich sehr viel Zustimmung – egal, wo ich vor Ort bin und das bin ich z. B. bei Jubiläumsfeiern. Wenn ich bei solchen Gelegenheiten dazu spreche oder predige, bekomme ich sehr viel Zuspruch. In der Fläche gibt es natürlich auch Frauen, die sagen, es sei nicht ihr Thema, sie fühlten sich in ihren Rechten nicht beeinträchtigt. Denen sage ich, sie würden ja nichts verlieren, wenn Beeinträchtigungen für andere beseitigt werden. In einem so großen Verband, wir haben in Paderborn 90 000 Mitglieder, da gibt es natürlich alle Meinungen und das ist auch richtig. Manche sind stark bei „Maria 2.0“ engagiert, andere sind eher verhalten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es auch davon abhängt, welche Priester vor Ort sind, ob sie die Vielfalt der Themen fördern oder – auch mit Repressalien – behindern. 

[…]

In Diskussionen um das Frauenpriesteramt wird oft gesagt, es würden Hoffnungen geschürt, die nicht eingehalten werden können, dass also Enttäuschungen produziert werden. Wie realistisch ist die Hoffnung?

Roland Schmitz: Für mich war die Hoffnung noch nie so realistisch wie jetzt und da fühle ich mich bestätigt durch den Syno­dalen Weg. Dort ist ja sinngemäß gesagt worden: „Wir haben als Kirche des Westens eine Verantwortung. Wenn wir dieses Thema auf der Tagesordnung haben und wenn wir spüren, dass es vielen sehr wichtig ist, dann müssen wir es sagen und dürfen nicht mit falscher Rücksicht auf die Weltkirche schweigen.“ Genau – und warum sollten wir hierzulande nicht eine Vorreiterinnenrolle einnehmen und es mal ad experimentum angehen? Man muss dann sehen, wie die Gemeinschaft der Kirche gewahrt werden kann, aber Papst Franziskus ist mit dem Wunsch einer Regionalisierung der Kirche angetreten. Er wollte die Orts­kirchen stärken und das wäre jetzt eine Möglichkeit, das zu tun. 

Sie können sich also vorstellen, das noch zu erleben und eines Tages mit einer Frau am Altar zu stehen?

Roland Schmitz: Ehrlich gesagt, habe ich ja immer schon mal mit einer Frau am Altar gestanden, was dann jeweils Anfragen aus der Behörde nach sich gezogen hat. Das wird auch weiterhin passieren. Aber: Ich wünsche es mir sehr und ich bin davon überzeugt, dass die Geistkraft Gottes in dieser Kirche aktiv ist. Das ewige Mantra, eine kirchliche Lehre sei einmal ausgesprochen und dann nie wieder veränderbar, stimmt ja nicht. Siehe Zweites Vatikanisches Konzil. Ja, es sind kopernikanische Wenden, aber vielleicht sind wir in einer Zeit, in der wir dank neuer Erkenntnisse das Evangelium neu lesen und entfalten können. Meine Hoffnung ist jedenfalls jetzt größer, als sie es schon mal war. 

Zur Person

Roland Schmitz (52) ist seit 2006 Diözesanpräses der kfd im Erzbistum Paderborn. Er ist einer der Autoren des neuen Buches von Sr. Philippa Rath, „Frauen ins Amt“, das sie in Nachfolge ihres Buches „Weil Gott es so will!“ herausgegeben hat. Darin kommen Frauen zu Wort, die sich zum Priestersein berufen fühlen (vgl. Der Dom, Nr. 8/2021, Interview mit Ulrike Böhmer), im zweiten Buch solidarisieren sich Männer der Kirche mit ihnen.

Das vollständige Interview können Sie im aktuellen Dom nachlesen. Schauen Sie mal rein, es lohnt sich bestimmt.

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