Ursulinen – Von Breslau nach Bielefeld

Die Ursulinen kamen vor 65 Jahren als Flüchtlinge aus Breslau zufällig nach Bielefeld. Sie bauten ein Kloster, eine Schule und eine Kirche.

Aus Breslau floh in der Nachkriegszeit ein Teil der Schwesternschaft der Ursulinen nach Bielefeld-­Schildesche. In den 1950er-­Jahren trugen sie noch ihre traditionelle Tracht, bis diese im Jahr 1965 ­„verweltlicht“ und vereinfacht wurde. (Foto: Archiv Ursulinen-Konvent)
Aus Breslau floh in der Nachkriegszeit ein Teil der Schwesternschaft der Ursulinen nach Bielefeld-­Schildesche. In den 1950er-­Jahren trugen sie noch ihre traditionelle Tracht, bis diese im Jahr 1965 ­„verweltlicht“ und vereinfacht wurde. (Foto: Archiv Ursulinen-Konvent)
veröffentlicht am 16.01.2022
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Sie haben das katholische Leben in Bielefeld seit dem Krieg maßgeblich mit ­beeinflusst. Die Ursulinen kamen als Flüchtlinge aus Breslau eher zufällig in die ostwestfälische ­Metropole. Sie bauten dort ein Kloster, eine Schule und – vor 65 Jahren – eine Kirche. 

Bielefeld. Am Sonntag, dem 25. November 1956 – vor 65 Jahren – hatte der Paderborner Erzbischof Lorenz Kardinal Jaeger (1892–1975) einen anstrengenden, aber höchst bedeutsamen Gang zu absolvieren. “Dreimal schritt der Hochwürdigste Herr Erzbischof mit einem Dia­kon um die Kirche und schlug zurückkehrend jedes Mal mit dem Bischofsstab an das verschlossene Kirchenportal”, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Und weiter: “Die Umgänge waren beschwerlich; denn die Kirche liegt im ersten Stock. So musste der Hochwürdigste Herr die Schultreppe hinunter gehen und auf einem Laufsteg, der vom Fenster der unteren Halle um die Kirche führte, bei Glatteis und Kälte (–8 °C) seinen Weg nehmen.” Der Kardinal weihte feierlich die neu errichtete St.-Ursula-­Kirche in Schildesche.

Die „neue“ Tracht der Ursulinen ab 1965. (Foto: Sammlung Wibbing)

Die Ursprünge des Schildescher Ursulinen-­Konventes liegen im schlesischen Breslau, heute Wroclaw, wohin im Jahr 1687 die Schwestern aus dem Preßburger Konvent angesichts der Ausdehnung des osmanischen Reiches geflüchtet waren. Der Orden hatte sich der Mädchenbildung verschrieben. Nach Kriegsende flüchteten 60 Ursulinen in den Westen. Durch Zufall kamen einige Schwestern nach Bielefeld. In der Hammerschmidtstraße wurde eine provisorische Unterkunft hergerichtet und am 1. Juni 1946 nahm die Marienschule der Ursulinen am Klosterplatz den Unterricht auf.

Der Kirchbau – Für die Ursulinen ein Wahrzeichen des Glaubens

Richtfest der St.-Ursula-­Kirche in Bielefeld-­Schildesche am 18. ­April 1956. (Foto: Sammlung Wibbing)

Über den Caritas-­Direktor und Schildescher Pfarrer Bernhard Lutterberg erhielten die Ursulinen schließlich ein großes Stück Land in Schildesche, um ein Kloster und eine Schule zu errichten. Am 19. März 1951 erfolgte in der Sieboldstraße die Grundsteinlegung. Das Mutterhaus konnte am 24. September des Jahres eingeweiht werden. Die Pläne zu der Gesamtanlage stammten von den Bielefelder Architekten Schmidt und Pot­hast. Es wurde dabei eine Kirche geplant, unter der sich eine Schulturnhalle befand – eine wirkliche Besonderheit und Herausforderung.

Am 3. Oktober 1955, am Fest der heiligen Thérèse von Lisieux, erfolgte der erste Spatenstich für den Kirchneubau. Die sehr eisigen Wintermonate erzwangen jedoch einen längeren Baustillstand, sodass erst am 18. ­April des nächsten Jahres das Richtfest gefeiert werden konnte. Die Bauarbeiten erledigte die Baufirma Borchardt. Der Turm erhielt als “Wahrzeichen des Glaubens” ein aus Kupfer gefertigtes, vergoldetes viereinhalb Meter großes Kreuz. In dessen Knauf wurden eine Namensliste der Konventsmitglieder und die Chronik des Mutterhauses deponiert. Im Turm fand die Heimatglocke aus dem 17. Jahrhundert, die “Concordia” des ehemaligen Klaren-­Stiftes vom Ritterplatz 16 zu Breslau ihren Platz. Man hatte sie auf dem Glockenfriedhof in Hamburg wiedergefunden. 

Die Klosterkirche des „Ursulinen-­Conventes“ in Schildesche um 1957. (Foto: Sammlung Barbara Handt)

Die Innenausstattung – Expressionistische Kirchenmalerei

Der Innenraum der Kirche entstand dreischiffig mit breitem Mittelschiff und schmalen Seitengängen. Fred Eckersdorff (1909–2003) aus Meschede schuf das Christusbild auf der Apsis-­Wand. Es wurde Anfang der 1980er-­Jahre abgedeckt. Der Künstler galt als Vertreter der zeitgenössischen “expressionistischen Kirchenmalerei”. Wilhelm Buschulte (1923–2013) aus Unna übernahm die Gestaltung der elf Glasfenster mit Motiven aus der Heilsgeschichte des Alten und Neuen Testamentes. Der Künstler Richard Sehrbrock (1929–2002) aus Elsen bei Paderborn zeichnete verantwortlich für die Gitter im Schwesternchor und für die große Tür zwischen Kirche und Marienkapelle.

Die Konsekration dauerte fast drei Stunden

Der Bielefelder Architekt Alfons Schmidt konzipierte zusammen mit seinem Kollegen Pothast in den 1950er- und 1960er-­Jahren zahlreiche katholische Kirchbauten in der Region – so auch die Klosteranlage der Ursulinen-­Schwestern in Schildesche. (Foto: Sammlung Wibbing)

Nach der Beräucherung und Salbung des Altares am Weihetag wurden in einer Kassette die geretteten Reliquien der heiligen Ursula aus dem Breslauer Kloster “Bey Mariä Hülf” in den Altar gesenkt. Die Weihe der Altargeräte schloss die Feierlichkeiten, die fast drei Stunden dauerten, ab. In den Mittelpunkt seiner Predigt stellte Kardinal Jaeger, ein Wort des Propheten Jesaja (25,9): “Sehet, das ist unser Gott! Sehet, das ist der Herr, der uns gerettet hat! Lasset uns frohlocken und fröhlich sein ob der Hilfe Gottes!” Er bezog die Worte in besonderer Weise auf den Schicksalsweg der Ursulinen von Breslau nach Bielefeld. Machtvoll klang die Feier mit dem Halleluja von Händel durch den Schulchor aus.

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