September

“Dieser September bildet in konzentrierter Form die gegenwärtige Kirche ab”, schreibt Claudia Auffenberg in ihrem Editorial in der neuen Domausgabe.

September. Editorial von Claudia Auffenberg. (Foto: unsplash)
September. Editorial von Claudia Auffenberg. (Foto: unsplash)
veröffentlicht am 19.09.2021
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Martin Walser, der große alte Mann der deutschen Literatur, sagte einmal in einem Interview, anders als Heinrich Böll würde er nicht aus der Kirche austreten, auch wenn er – anders als Böll – keinen Glauben mehr habe. Er bliebe, weil seine Mutter einen Austritt nicht verstehen würde. Ein bemerkenswertes Argument für einen Mann des Jahrgangs 1927! Nun war die Kirche, die seine Mutter kannte, eine ganz andere als heute. Für die Menschen ihrer Generation war die Kirche ein umfassend lebenserhaltendes und lebensgestaltendes System. Ein Austritt wäre einem Sprung ins Nichts gleichgekommen. Was wohl die Mütter derer sagen, die heute austreten und die heute eine ganz andere Kirche in einer ganz anderen Gesellschaft wahrnehmen?

September bildet gegenwärtige Kirche ab

Interessant: Dieser September bildet in konzentrierter Form die gegenwärtige Kirche ab. Da sind zunächst die Feste Mariä Geburt, Mariä Namen, Gedächtnis der Schmerzen Mariens. Das, worum es an diesen drei Tagen geht– Geburt, Beziehungen, Leid–, kennen wir alle. Man kann also in diesen Tagen sein ganzes Leben wiederfinden, meditieren, vielleicht sogar ein bisschen verstehen und annehmen. Und dazu ist doch die Kirche da: um dem Leben einen Rahmen zu geben, der Halt bietet, der zur Geltung bringt und bis zum Himmel reicht. Die Kirche hütet eine an Schätzen reiche Tradition, die sie weitergeben und zugleich darum bitten soll, diese Tradition mit dem eigenen Dasein anzureichern und der nächsten Generation zu schenken. 

Dieser September enthält auch die andere Seite der gegenwärtigen Kirche: die der Debatte, des Streites und– man muss es so sagen: der Niedergeschlagenheit, der Ratlosigkeit. Vor uns liegen die Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz und die nächste Vollversammlung des Synodalen Weges. Beides werden vermutlich für die Teilnehmenden keine vergnügungssteuerpflichtigen Veranstaltungen. Vor allem den Bischöfen dürften kräftezehrende Tage bevorstehen, da sie ja an beiden Versammlungen dabei sind. Sie haben diesen Weg angestoßen, das darf man nicht vergessen.

Streit ist nicht schlimm

Einstimmig fiel im Herbst 2019 der Beschluss, ein neues Format, den Synodalen Weg nämlich, zu erfinden und zu wagen. Anlass war der Blick in den Abgrund, den die MHG-Studie zum Missbrauch in der Kirche offenbart hatte. Dass es Streit geben würde, dürfte ihnen klar gewesen sein. Streit ist ja auch nicht schlimm. Wo Menschen zusammentreffen, zusammenarbeiten oder etwas zusammen bewerkstelligen, gibt es ihn, muss es ihn anscheinend geben. Und doch steht man aktuell als Ottonormalkatholikin bisweilen erstaunt vor dem, was sich da vor und– soweit man das mitbekommt– hinter den Kulissen abspielt. Wie kommt das bloß? Vielleicht gilt in der Kirche auch das, was Martin Walser einmal für die Literatur beschrieben hat: “Bei jeder Lektüre antwortet der Lesende mit seiner bewussten und seiner unbewussten Biografie auf das, was er liest.” 

Ihre
Claudia Auffenberg

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