Aufbruch wagen!  

Gedanken zum Pfingstfest von Jan Hilkenbach

Gemalte Taube vor Stacheldraht
Gemalte Taube vor Stacheldraht
veröffentlicht am 19.05.2021
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Unser Alltag ist immer noch von der Corona-Pandemie geprägt: Sei es durch die geltenden Einschränkungen oder durch direkte gesundheitliche Folgen. Die Hoffnung ist groß, dass sich die Situation langsam bessert und die wärmeren Temperaturen mehr Freiheiten erlauben. Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie begehen wir Pfingsten erneut unter diesen schwierigen Bedingungen. Die Worte und Bilder des Pfingstfestes bleiben gleich, aber fordern uns immer wieder neu heraus: Da ist das Bild vom Himmelssturm, der das gesamte Haus erfüllt; die Feuerzungen, die auf die Jüngerinnen und Jünger niedergehen; der Heilige Geist, der sie ermutigt und befähigt, die Frohe Botschaft zu verkünden; die Menge, in der alle die Verkündigung der Taten Gottes hören und verstehen. Pfingsten, das ist der notwendige Umbruch, der zu einem Aufbruch wurde.

Angesichts dieser Schilderungen frage ich mich, wo wir als Christinnen und Christen heute stehen und wie wir diesen Aufbruch immer wieder neu wagen können. Ich frage mich, wie wir die Frohe Botschaft heute authentisch verkünden und leben können. Skeptisch machen mich die Entwicklungen in unserer Kirche und der Umgang mit den vielfach beschriebenen Reformbedarfen. Skeptisch machen mich auch die Analysen, wonach der Glaube an Gott für viele Menschen heute nur noch eine Möglichkeit unter vielen ist. 

Zu dieser Skepsis kommt die Corona-Pandemie mit ihren Einschränkungen und Veränderungen. Es zeichnet sich ab, dass die Corona-Krise viele der gesamtgesellschaftlichen Prozesse beschleunigt. Umbrüche, die wir eigentlich erst in ein paar Jahren erwartet haben, werden voraussichtlich nun schneller auf uns zukommen. Die Gesellschaft nach Corona wird eine andere sein als vor der Pandemie. Und eins dürfte jetzt schon klar sein: Ein „Einfach-Zurück“ zur Zeit vor der Pandemie wird es nicht geben. Dies kann es auch nicht geben, weil es die Vor-Corona-Gesellschaft nicht mehr gibt. Die Menschen genauso wie Gemeinden und Verbände entwickeln sich stets weiter und gestalten ihre Zukunft unter den geänderten Rahmenbedingungen. Viele haben gemerkt, was ihnen persönlich wichtig ist und worauf sie tatsächlich verzichten können. Ich selbst sehne mich nach den Corona-Lockerungen, um endlich wieder unbeschwert Familie und Freunde zu treffen oder vielfältige Aktionen in den Jugendverbänden und Gemeinden zu erleben. Gleichzeitig schwingt bei mir aber auch Unsicherheit mit: Wie wird es mit dem gemeindlichen und verbandlichen Leben nach Corona weitergehen? Wie können wir als Kirche an das davor Bestehende anknüpfen? Und wie gelingt es uns, unter den neuen Rahmenbedingungen Kirche zu sein?

Als Kirche stehen wir mitten in diesem gesellschaftlichen Umbruch. Gleichzeitig gibt es aber auch innerhalb unserer Kirche großen Reformbedarf. Antworten auf diese Umbrüche, denen wir uns stellen müssen, sollen zwei für uns im Erzbistum Paderborn wichtige Prozesse geben:

Zum einen stecken wir als katholische Kirche in Deutschland mitten im Reformprozess des Synodalen Weges. Wir müssen und wollen als Kirche einen neuen Aufbruch wagen– dies ist angesichts der beschriebenen Situation notwendiger denn je. Ausgangspunkt des Synodalen Weges sind die viel zu lange nicht bearbeiteten Risikofaktoren für Machtmissbrauch bis hin zu geistlicher und sexualisierter Gewalt in unserer Kirche. Der erhebliche Reformbedarf beeinträchtigt meinen Glauben und meine Beziehung zur Kirche auch ganz persönlich. Manchmal hat der Glaube keine Chance mehr durchzudringen– so sehr der Glaube und ich mich auch bemühen. Wir sind verpflichtet, die Themen mit all ihren Verletzungen und Widersprüchen zu bearbeiten, damit der Glaube wieder Luft zum Atmen bekommt und wieder durchdringen kann. Das Ziel ist klar: Eine glaubwürdige und erneuerte katholische Kirche in Deutschland (Präambel der Satzung des Synodalen Weges). Dabei darf und muss um Positionen gestritten und gerungen werden. Das uns einende Ziel soll aber nicht aus dem Auge verloren werden. Niemand hat behauptet, dass dieser Prozess einfach werden würde, aber dies darf kein Hindernis sein, konkrete Schritte anzugehen und umzusetzen. Der so gewagte Umbruch könnte zu einem neuen Aufbruch werden, wohlwissend, dass wir auf dem Synodalen Weg noch nicht absehen können, was konkret im Herbst 2022 als Ergebnis stehen wird. Der Anfang ist jedoch gemacht und die erste Etappe ist bereits gegangen. Dahinter gibt es kein zurück mehr.

Zum anderen stehen wir im Erzbistum Paderborn mit der Perspektive 2030+ am Anfang einer neuen Etappe der Bistumsentwicklung. Wozu bist du da, Kirche von Paderborn? Diese Frage stellen wir uns unter den sich verändernden Gegebenheiten immer wieder neu. Als Katholikinnen und Katholiken im Erzbistum Paderborn stehen wir vor der Aufgabe, die Zukunft unserer Kirche aktiv zu gestalten. Viele Gruppen, Gemeinden und Verbände nutzen den derzeitigen Umbruch, um neue Formate auszuprobieren und wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Bei der Bistumsentwicklung stehen besonders sieben Schlüsselthemen im Fokus. Nach den wertvollen Debatten müssen wir die nächsten Schritte gehen. Gemeinsam müssen wir die Schlüsselthemen umsetzen und einen neuen Aufbruch für unsere Kirche im Erzbistum Paderborn wagen. 

Für mich wird aus diesen Erfahrungen eines deutlich: Wenn wir uns als Christinnen und Christen der Gegenwart stellen, können wir diese gemeinsam aktiv gestalten und die Frohe Botschaft leben. Ich bin überzeugt, dass wir uns diesen Umbrüchen in Gesellschaft und Kirche stellen müssen, um einen neuen Anfang zu wagen. Hierfür sehe ich schon jetzt viele ermutigende Beispiele: Katholikinnen und Katholiken, die sich in den Synodalen Weg und in die Prozesse auf allen Ebenen unserer Kirche einbringen; Jugendliche, die sich für eine gerechte Gesellschaft einsetzen und kreativ ihren Glauben leben; Engagierte, die in den Gemeinden aktiv sind und die Ökumene leben; Katholikinnen und Katholiken, die theologische Themen unterschiedlich bewerten und trotzdem– oder vielleicht gerade deshalb– miteinander im Gespräch bleiben. Für mich wird hier deutlich: Gemeinsam sind wir Kirche.

Dass wir als heutige Christinnen und Christen mit diesen Umbruchsituationen nicht allein sind, zeigt uns die Bibel eindrücklich auf. Umbrüche begegnen uns bereits vielfältig im Alten Testament und zeigen, wie sich Zukunft aktiv gestalten lässt. So sprach beispielsweise Gott zu Abraham: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde!“ Und Abraham lässt sich auf dieses Wagnis ein, sodass es zu einem wahren Aufbruch kommt. In dem Vertrauen darauf, dass Gott Abraham die Wege zeigen wird, kann er sich in seinem Handeln dem Segen Gottes gewiss sein. Gott sprach: „Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.“

Angst vor Veränderung, das Gefühl von Mutlosigkeit und Bedrückt-Sein– die Bibel kennt diese Erfahrungen. Doch sie ermutigt uns, im Vertrauen auf Gott nicht in Stillstand zu verharren, sich nicht ängstlich zurückzuziehen und zu resignieren. Daher wünsche ich uns für dieses Pfingstfest: Lassen wir uns nicht von der Corona-Pandemie entmutigen, sondern von der Frohen Botschaft ermutigen! Lassen wir uns erneut von der Pfingstgeschichte und ihren Bildern packen! Lassen wir uns auch auf die gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüche ein, die nicht das Ende von etwas Altem bedeuten, sondern eine Überführung in eine neue Zeit sind. Dann werden wir auch zukünftig sprach- und handlungsfähig sein. Dann werden wir Antworten auf neue Fragen finden und einen Aufbruch wagen. Dann werden wir ein Segen füreinander und unsere Mitmenschen sein.

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