„Wir werden sehr wachsam sein“

Caritas-Präsident Neher über seine Ideen zum Umbau der Gesellschaft

Eines der drei Plakatmotive zur neuen Caritas-Kampagne #DasMachenWirGemeinsam. Foto: Caritas
veröffentlicht am 22.01.2021
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Unsere Gesellschaft muss sozial gerechter und ökologischer werden, fordert Caritas- Präsident Peter Neher. Er betont: Das Geld für einen Umbau des Landes ist da, es muss nur endlich sinnvoll eingesetzt werden. Im Interview erklärt Neher, was sich in Bildung, Gesundheit und Klimaschutz konkret ändern soll – und was die Caritas mit ihrer neuen Jahreskampagne dazu beitragen will.

Das Motto Ihrer neuen Kampagne lautet: #DasMachenWirGemeinsam. Ist das nicht etwas abgedroschen nach all den Solidaritätsappellen in der Corona- Zeit?

Der Ruf nach Solidarität ist nie abgedroschen. Es ist immer wieder notwendig, sie einzufordern – gerade jetzt.

Wie könnte die Gesellschaft denn solidarischer und gerechter werden nach allem, was die Corona- Krise uns lehrt?

Wir müssen uns fragen: Wie wollen wir in Zukunft leben? Immer schneller, immer weiter, immer höher, mit immer mehr Verbrauch von Gütern? Diese Grundhaltung führt sich ad absurdum. 

Was ist Ihre Alternative?

Wir brauchen einen sozial gerechten ökologischen Umbau der Gesellschaft. Das ist eine unserer zentralen Forderungen für den Bundestagswahlkampf in diesem Jahr. Die CO2- Emissionen sind durch Corona nicht spürbar zurückgegangen. Gut, es wird jetzt ein bisschen weniger geflogen – aber das ist noch längst keine nachhaltige Veränderung. Und eine ungenügende Klima- und Umweltpolitik benachteiligt diejenigen, die es ohnehin schwer haben. 

Inwiefern?

Ärmere Menschen leben oft in Wohnungen, die an großen Straßen liegen, mit hoher Belastung durch Lärm und Abgase. Diese Menschen haben nichts von einer Klimaprämie für Elektroautos – weil sie sich solche Autos ohnehin nicht leisten können. Diese Prämie ist eine Förderung der Mittelschicht. Wir brauchen andere Formen, die auch die Ärmeren in den Blick nehmen.

Wie könnten die aussehen?

Sinnvoll ist zum Beispiel, den öffentlichen Nahverkehr für Bedürftige günstiger zu machen. Oder ökologische Wohnungssanierungen an den Mietpreis zu koppeln, nach der Devise: Ein Vermieter, der einen sozial verträglichen Mietpreis verlangt, soll bei der Sanierung höher bezuschusst werden als ein Vermieter, der einen höheren Mietpreis verlangt. Damit nach einer Sanierung Mieter mit niedrigen Einkommen nicht unter zu hohen Kosten leiden und sich die Wohnung nicht mehr leisten können. Es geht beim ökologischen Umbau nicht darum, einfach mehr Geld in das System zu pumpen – sondern darum, es zielgenau und sozial gerecht einzusetzen. 

Warum ist das so wichtig?

Die Klimawende kann uns nur gelingen, wenn wir auch die Menschen einbeziehen, die ihr Leben mit wenig Geld bestreiten müssen. Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sie gehören untrennbar zusammen.

Könnte eine sozial-ökologische Wende durch einen spürbaren CO2- Preis gelingen, wie ihn führende Klimaforscher fordern?

Das wäre sicher ein Weg. Wichtig ist mir, dass die Einnahmen aus der CO2- Steuer zum Teil an die Menschen rückerstattet werden. So könnten gerade die ärmeren Menschen profitieren, die letztlich am wenigsten zur Klimakrise beitragen. Viel weniger jedenfalls als jene wohlhabenderen Menschen, die zwar ein Elektroauto fahren und in gut sanierten Wohnungen leben, aber einen wesentlich höheren ökologischen Fußabdruck hinterlassen – weil sie beispielsweise mehr Flugreisen unternehmen und auch sonst sehr mobil sind. 

In der Corona- Krise hat die deutsche Politik in wesentlichen Fragen auf die Wissenschaft gehört. Wie bewerten Sie es, dass sie beim Klimaschutz die Warnungen der Wissenschaft weitgehend ignoriert?

Es ist bemerkenswert, wie stark die Wissenschaft in der Pandemie gehört wird. Und wie schnell große Mengen Geld zur Stabilisierung der Wirtschaft vorhanden waren. Dieses Verhalten sollte eine Blaupause sein zum Umgang der Politik mit dem Thema Klimaschutz. Leider ist das bisher nicht so. 

Woran liegt das?

Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Folgen der Pandemie wesentlich existenzieller und unmittelbarer erfahrbar sind als die Folgen der Klimaveränderungen. Wobei diese natürlich auch bei uns schon mit Händen zu greifen sind. Aber noch denkt die Politik, sie könne es sich hierbei leisten, Abstriche zu machen. 

Welche Lehren muss die Politik noch aus der Corona- Krise ziehen?

Die Pandemie hat gezeigt, wie dringend notwendig ein engmaschiges Netz der Gesundheitsversorgung ist. Bis kurz vor der Corona- Pandemie haben manche von zu vielen Krankenhäusern und zu vielen Betten geredet. Jetzt müssen wir schon kritisch nachfragen, ob diese Überlegungen sinnvoll sind. Wir brauchen eine angemessene Gesundheitsversorgung, auch in ländlichen Gegenden. Aber die Pandemie hat uns noch mehr gezeigt.

Nämlich was?

Wie unverzichtbar Pflegerinnen und Pfleger sind. Wobei ich es unfassbar finde, dass es einer Pandemie bedarf, damit alle deren Wert erkennen. Aber den Kolleginnen und Kollegen in der Altenhilfe, in den Krankenhäusern und in der Behindertenarbeit hilft kein Klatschen im Bundestag, und auf Dauer helfen ihnen auch keine einmaligen, staatlich geförderten Prämien. Wir brauchen tariflich angemessene Löhne, entsprechende Arbeitsbedingungen und letztendlich eine ganz neue Wertschätzung ihrer Arbeit.

Das ganze Interview gibt es im Dom Nr.3. Jetzt den Dom im unverbindlichen Probeabo neu entdecken!

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