Die Kluft zwischen Lehre und Leben

„Liebt einander“: Annika Manegold, BDKJ-Diözesanvorsitzende, über das aktuelle Positionspapier

Der BDKJ-Diözesanverband hat ein Positionspapier zum Thema "Liebt einander" verabschiedet. Foto: Jiroe/ Pixabay
veröffentlicht am 13.11.2020
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Paderborn. Kirche und Sexualität – kein einfaches Thema; schon gar nicht für junge Menschen. Um die Diskussion voranzubringen, hat der BDKJ- Diözesanverband ein Positionspapier mit dem Titel „Liebt einander“ verabschiedet. Es befasst sich mit Geschlechter diversität, Ehe bzw. Partnerschaft und Sexualität sowie Glaube und Partnerschaft. Der Dom sprach mit Annika Manegold (Foto), der BDKJ- Diözesanvorsitzenden, über den Beschluss und die Frage, warum hier dringend Handlungsbedarf besteht.

Manche sagen, die Kirche sollte sich beim Thema Sexualität heraushalten und einfach mal schweigen, weil in diesem Zusammenhang genug Unheil angerichtet worden sei. Warum kommt jetzt der Beschluss des BDKJ- Diözesanverbandes Paderborn?

Die Jugendverbände und der  BDKJ als Dachverband haben einen doppelten Auftrag: als freier Träger der Jugendhilfe einen staatlichen Auftrag und auch einen kirchlichen Auftrag, nämlich an und in der Kirche mitzuwirken. Wir stellen fest, dass sich die Lebensrealitäten junger Menschen verändern, worauf wir als Jugendverbandsarbeit reagieren müssen. Die Konzepte, die wir dazu entwickeln, entsprechen dem heutigen wissenschaftlichen Standard im Hinblick auf Geschlechtervielfalt und Diversität. Doch es entsteht eine Lücke zwischen unserem Verständnis und dem, was die kirchliche Lehre anerkennt. 

Das heißt, ihr Positionspapier ist eine Aufforderung an die Kirche, noch mal über das Thema nachzudenken und sich neu zu positionieren?

Auf jeden Fall! Auf der einen Seite haben wir die Lebensrealität junger Menschen sowie unseren Anspruch an Bildung und an Unterstützung. Auf der anderen Seite gibt es den Standpunkt der offiziellen kirchlichen Lehre. Das klafft auseinander. Wir sind nicht bereit, das weiter so hinzunehmen. Die Themen Sexualität und Partnerschaft werden im Synodalen Weg zu Recht deutlich in den Vordergrund gerückt. Die Ergebnisse der MHG- Studie sind für uns ausschlaggebend und auch der Ursprung des Synodalen Weges. Sie haben gezeigt, dass der Umgang der Kirche mit dem Thema Sexualität in der Vergangenheit nicht gut war und immer noch nicht ist. 

Welche Probleme haben Jugendliche mit dem Thema Sexualität ganz konkret? Sie bekommen über Ihre Jugendverbände sicher viele Rückmeldungen.

Eines der Hauptprobleme ist, wie es Menschen ganz persönlich geht. Sie sehen die Haltung des Lehramtes der katholischen Kirche einerseits, andererseits haben sie ihre eigenen Einstellungen und Überzeugungen. Sie fragen sich deshalb Dinge wie: „Darf ich so sein, wie ich bin? Will Gott das so? Und darf ich mein Leben so leben oder muss ich mich verstecken?“ Im schlimmsten Fall resultiert daraus eine tiefe Sinn- und Glaubenskrise. Ein anderer Aspekt ist hier Kirche als Arbeitgeberin. Ein Mensch, der einen queeren Hintergrund hat, sich aber in der Kirche beheimatet fühlt und gerne dort arbeiten möchte, hat eventuell ein Problem. Das schürt Ängste: Ein Mensch, der beispielsweise in einer homosexuellen Partnerschaft lebt, bekommt möglicherweise keine Aufstiegschancen oder erst gar keinen Job bei kirchlichen Einrichtungen. Glauben und Angst passen aus meiner Sicht in keiner Weise zusammen! 

Heute hat man oft den Eindruck, dass Jugendliche die katholische Kirche in Fragen der Sexualität ohnehin nicht mehr als adäquaten Ansprechpartner akzeptieren. Wie erleben Sie das als Interessenvertretung?

Wir haben innerhalb des Verbandes eine andere Kultur. Bei uns sind solche Themen präsent und werden diskutiert. Doch die Akzeptanz der Position des kirchlichen Lehramtes ist deutlich schwindend. Diverse Studien belegen, dass sich junge Menschen von der Kirche abwenden. Ich erlebe diese Spannung gerade bei jungen Menschen, die selbst nicht in das Bild der Kirche passen. Sie wenden sich trotzdem nicht von ihrem Glauben und der Kirche ab. Ich glaube nicht, dass es uns hilft, wenn wir uns alle voneinander entfernen, ohne dass ein Diskurs stattfindet. Unser Positionspapier zu Sexualität ist auch entstanden, weil wir einen Beitrag dazu leisten wollen, dass wieder ein Diskurs stattfindet.  

Ist das Papier nur eine Positionierung des  BDKJ nach außen oder auch nach innen? Soll es also eine Abgrenzung zur katholischen Kirche aufzeigen, damit der  BDKJ für die eigenen Mitglieder akzeptabel bleibt?

Nein, das Papier ist keine Abgrenzung zur katholischen Kirche. Aber es beruht natürlich auf den Erfahrungen der Mitglieder unserer Jugendverbände und auf wissenschaftlichen Studien. Es gibt in vielen Jugendverbänden bereits ähnliche Positionierungen und auch der BDKJ- Bundes verband hat eine Beschlusslage hierzu. Warum sollte das „eine Abgrenzung zur katholischen Kirche aufzeigen“? Wir sind Teil der katholischen Kirche – und gerade deswegen mischen wir uns ein. 

Wie sollte eine Botschaft der Kirche aus Ihrer Sicht aussehen?

National gesehen muss es zumindest möglich werden, etwa Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare durchzuführen. Kirche segnet alles, aber in diesem Fall zwei Menschen gleichen Geschlechts nicht. Das ist nicht wertschätzend gegenüber den Menschen. Sie haben schließlich einen Grund, warum sie ihre Liebe unter den Segen Gottes stellen wollen. Es muss auch eine Reform des kirchlichen Arbeitsrechts geben. Sexualität und die Form der Partner/-innenwahl dürfen da keine Rolle mehr spielen. Im weltlichen Kontext sollte geschaut werden, inwieweit eine deutsche Perspektive eingebracht werden kann, um beispielsweise den Katechismus abzuändern. Sämtliche wissenschaftliche Erkenntnisse zu Sexualität werden dort ausgeklammert. Ich wünsche mir, dass die Themen durch Beschlüsse der Synodalversammlung nach Rom getragen werden! 

In der Kirche gibt es auch verschiedene Positionierungen. Es gibt Priester, die durchaus umstrittene Segensfeiern machen und sich dann wahrscheinlich auch in einer Zerrissenheit erleben.

Ja, durch Berichte von Paaren, die sich segnen lassen wollten, habe ich beide Positionen kennengelernt. Es gibt Priester, die offen sind dafür, und es gibt andere, die das ablehnen und nicht einmal ihre Kirche als Ort zur Verfügung stellen, selbst wenn ein Laie den Segen spendet. Diese Situation ist schwierig für besagte Paare. Sie müssen sich zuerst jemandem öffnen, den sie ggf. nicht gut kennen, der aber als Seelsorger tätig ist, und haben keine Gewissheit über die Reaktion desjenigen. Andersherum bringt sich ein Geistlicher, der ein gleichgeschlechtliches Paar segnet, auch in die Bredouille, weil es formal nicht gestattet ist.  

Zu Ihren Forderungen gehört auch, die Kirche solle sich „von menschenfeindlichen und populistischen Stimmen distanzieren“. In welchem konkreten Zusammenhang steht diese Forderung?

Auf Äußerungen vonseiten des BDKJ- Diözesanverbandes bei abweichenden Positionen zur kirchlichen Lehre folgen oft Reaktionen, die äußerst populistisch und beleidigend sind. Es gilt dann zu schauen, wie wir mit krassen Reaktionen umgehen. Zu Themen wie Sexualität und Geschlechtervielfalt erleben wir eine zunehmende Radikalisierung auch im katholischen Kontext.  

Von wem fordern Sie eine Distanzierung zu menschenfeindlichen und populistischen Positionen – von der Amtskirche oder den Christen allgemein?

Beides wäre gut. Trotzdem ist das schlecht möglich, weil die Menschen, von denen wir eine Distanzierung fordern, ja auch Christen sind. Es wäre wichtig, dass Amtskirche da vor allem Position bezöge. Wenn sie dazu schweigt, ist das Wasser auf den Mühlen derer, die sich so äußern. Aber auch wir alle sind dazu gefordert, immer wieder klar zu widersprechen – egal, ob im Internet oder in der Kneipe.

Info

Hier gibt es den Beschluss in voller Länge

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