Im Mahlstrom des Zweiten Weltkriegs

Nach 20 Monaten Kinderlandverschickung kam ein Bielefelder vor 75 Jahren heim

Die zerstörte Breite Straße in Bielefeld: Dem heimkehrenden Schüler Heinrich Dürdoth bot sich ein trauriges Bild seiner Heimatstadt. Foto: Stadtarchiv Bielefeld
veröffentlicht am 30.10.2020
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Bielefeld. „Vom Hauptbahnhof kam ich. Es ging endlich nach Hause. 20 Monate zuvor war ich losgefahren. Nun lief ich durch Straßen mit zerstörten Häusern.“ So erinnert sich Heinrich „Heiner“ Dürdoth. 1945 – also vor 75 Jahren – war er gut 13 Jahre alt. Mit der „Kinderlandverschickung“ war er Ende Oktober 1943 nach Ungarn gekommen.

Über zwei Millionen Kinder

Die Kinderlandverschickung (KLV) gab es bereits vor dem Zweiten Weltkrieg – zu reinen Erholungszwecken. Mit den verstärkten Luftangriffen der alliierten Bomberstaffeln auf deutsche Städte wurde immer deutlicher, in welcher Lebensgefahr sich die Bewohner befanden. So entstand der Plan, alle Kinder und alle Personen, die nicht unbedingt zur Arbeit erforderlich waren, zu evakuieren. Eine entsprechende Anordnung Hitlers dazu hatte es bereits im September 1940 gegeben. Allerdings nahm die KLV in Bielefeld erst im Sommer 1943 konkretere Formen an. Die offizielle Bezeichnung lautete nun „Erweiterte Kinderlandverschickung“. Die „Reichsdienststelle KLV“ sollte bis Kriegsende über zwei Millionen deutsche Kinder „umgruppieren“, wie man auch sagte. 

KLV war freiwillig 

Das Hauptaugenmerk galt dabei den zehn bis 14 Jahre alten Jungen und Mädchen. Im Prinzip war die KLV freiwillig. Doch manchen Eltern war der Gedanke unheimlich, ihr Kind mitten im Krieg weit weg in einem fremden Lande zu wissen. Insofern bestand auch die Möglichkeit der Unterbringung in der näheren ländlichen Umgebung. Der Bielefelder Karl Irmer – geboren 1933 – weiß davon zu berichten. Er fand auf Vermittlung seiner Mutter Aufnahme bei einem Bauern in Bardüttingdorf in der Nähe von Spenge. Dort ging er in eine zweizügige Volksschule. Zur Mithilfe musste er zwei Kühe und eine Ziege einhüten. Auch nach Kriegsende war er noch längere Zeit dort. 

Aufruf an Bielefelder Mütter

Wie ernst die Machthaber die KLV verfolgten, daran ließ ein Aufruf des stellvertretenden NS-Kreisleiters Heidemann keinen Zweifel. Es hieß kategorisch: „Bielefelder Mütter! Gebt Euch keinen Illusionen hin! Ich fordere Euch hiermit auf, Eure Kinder in Sicherheit zu bringen. Ihr habt die Stadt zu verlassen.“ Der Aufruf endete drohend: „Jeder hat zu helfen und keiner hat zu fordern! Dieses gilt für alle. Jeden Widerstand gegen diese Anordnung werde ich mit Gewalt brechen!“ Die Organisation der KLV übernahm die „NSV“, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt. Die „NS-Fürsorge“ galt offenbar nicht in erster Linie dem Kindeswohl, sondern der Sicherstellung einer möglichst großen Zahl von fanatischen Flakhelfern und tapferen Wehrmachtssoldaten sowie potenzieller Mütter für den erforderlichen Kindernachwuchs in der Zukunft.

Die ersten Transporte

Am 14. August 1943 begannen die örtlichen NSDAP-Funktionäre mit der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ für die 10- bis 14-Jährigen. Um Ängsten unter den Eltern vorzubeugen, wurde der Begriff „Evakuierung“ vermieden und durch „Schulumgruppierung“ ersetzt. Bei einer Informationsveranstaltung in der Oetker-Halle betonte Oberbürgermeister Budde die Bedeutung der KLV für die Sicherheit der Kinder. Als Beispiel führte er einen Luftangriff auf Kassel an, bei dem 1800 Kinder ums Leben kamen – ohne KLV. Bei einer Attacke auf Münster nur 50 – „dank der Verschickung“. Ab Herbst 1943 erfolgten Bielefelder Transporte nach Oberbayern, Ungarn, Holland, nach Kaprun in Österreich. Eine Gruppe „Bielefelder Mädel“ – offensichtlich größtenteils vom Cecilien-Gymnasium – kam beispielsweise in das KLV-Lager „Lilbosch“ in der Nähe von Maastricht. Die 180 Schülerinnen wurden dort im großen Saal eines früheren Klosters in der Provinz Limburg untergebracht. Die Bielefelder Tageszeitung „Westfälische Neueste Nachrichten“ berichtete für die Eltern direkt aus den Niederlanden über die Verhältnisse der Unterbringung und den Zustand der Mädchen. Die Lagerleiterin „Fräulein Tilly“ führte aus, dass die „Mädel in den ersten zwei Monaten teilweise bis zu 18 Pfund zugenommen“ hätten. Auch seien der Unterricht „unter den dortigen Verhältnissen sehr gut durchzuführen“ und die Leistungen besser als zuvor. Weitere Zeitungsberichte dienten stets der Beruhigung der Eltern zu Hause.

Bericht über Abfahrtsatmosphäre

Zu einem der größten Transporte sollte derjenige am 29. Oktober 1943 mit Jungen der Höheren und Mittel-Schulen Bielefelds werden – mit fast 800 Schülern. Die Eltern hatten bei einer Versammlung erfahren, dass die „Volksdeutschen in Ungarn mit der größten Freude die Kinder in ihren geschlossenen Siedlungsgebieten“ aufnähmen. Die durchschnittliche Gewichtszunahme bei der KLV liege bei „7,7 kg“. Zur gesundheitlichen Vorsorge würden drei Ärzte, 26 staatlich geprüfte Krankenschwestern, 86 „Gesundheitsdienstmädel“ mitfahren. Die Tageszeitung „Westfälische Neueste Nachrichten“ berichtete am 30. Oktober 1943 über die Abfahrtsatmosphäre: „Um 12.00 Uhr stand auf dem Bahnhof ein endlos langer Zug. Aus den Fenstern blickten die frischen Pimpfengesichter. Muttis drückten ihre Jungs noch einmal ordentlich ab, ganz still putzten Omis ihre Tränen ab. Aus dem Zuge aber schaute kein trauriges Gesicht, sondern helles, frohes Lachen schallte uns entgegen.“

Nach „Ungarland“

Das Ziel war die „Batschka“, gelegen zwischen Serbien und Ungarn. Die „Westfälische Zeitung“ und die „WNN“ konnten am 16. November 1943 den „Verbleib der Schüler“ vermelden: die Falk-Schüler in Werbass, die Bosse-Schüler in „Bulkes“, die Helmholtz-Oberschüler in „Kiskér“ und die Rats-Gymnasiasten in Torschau. Diese Städte waren in der Regel nach 1784 durch die Donauschwaben – Migranten aus Baden, Franken, dem Elsass, Hessen und der Pfalz –  besiedelt worden. Studienrat Vogt-Ruscheweyh von der „Helmholtz-Oberschule“ berichtete in einem Brief: „Am 31. Oktober sind wir wohlbehalten hier eingetroffen. Der Zug fuhr über Wien, Budapest, Maria-Theresienstadt. Uns erwarteten 30 Panjewagen und ein Last-Auto. Sie brachten uns nach Kiskér.“

Heiners Odyssee

Ein eindrucksvoller Bericht über seine „KLV-Zeit“ liegt vom Bosse-Schüler Heinrich „Heiner“ Dürdoth – Jahrgang 1931 – vor. Er hatte seine Kinderzeit in der Nähe des Nordparks verlebt. Am 29. Oktober 1943 startete er vom Hauptbahnhof in sein „großes Abenteuer“. Er saß im Sonderzug, der „Punkt 12.00 Uhr den Hauptbahnhof“ verließ. Nach zwei Tagen Fahrt trafen sie in der Batschka ein. „Wir wurden auf einzelne Familien verteilt“ – so der damals knapp 12-Jährige. „Ich kam in eine Familie, bei der der Vater als Schuhmacher arbeitete. Der Sohn hatte sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet.“ Am 10. Mai 1944 kam Dürdoth zurück in seine Heimatstadt, um zehn Tage später mit einem neuen KLV-Transport nach Havlovice ins „Protektorat Böhmen und Mähren“ aufzubrechen. Im Januar 1945 ging es über Kirchweidach/Altötting nach Mühldorf am Inn in Oberbayern. Am 20. April 1945 startete ein Zug nach Bergkirchen bei München. Gerade an diesem Tag ertönte Luftalarm, und alle mussten Schutz suchen – teilweise unter den Waggons. Als in Bergkirchen bei Kriegsende ein US-amerikanischer Jeep auftauchte, erklärte der Lehrer: „Der Krieg ist verloren. Ich habe keinen Dienstherrn mehr. Seht nun selbst zu, wie ihr weiterkommt.“

Bucheckern gesucht

Die Jungen konnten bei Bauern unterschlüpfen. Bald aber kamen Gedanken auf, was denn nun zu tun sei. Die meisten hielten eine „Rückreise auf eigene Faust“ für zu gefährlich. Doch Heinrich Dürdoth wagte mit fünf weiteren Jungen den „Rückmarsch“ – zu Fuß gut 600 Kilometer. Manchmal konnten sie auf einen Güterzug springen, oder ein US-Armeelaster nahm sie mit. Nach acht Tagen die Ankunft in Bielefeld – „ungewaschen und in banger Erwartung, wie es ihren Familien ergangen war“. „Ich lief durch zerstörte Straßen“ – so der damals 13 Jahre und 9 Monate alte Bosse-Schüler. Seine Schule hatte nach dem 29. Oktober 1943 den Unterricht ganz eingestellt. Beim größten Luftangriff auf Bielefeld am 30. September 1944 wurde sie stark zerstört. Erst im November 1945 begann ein provisorischer Schulbetrieb – „vormittags und nachmittags“. Heinrich Dürdoth machte sich derweil nützlich – er „klopfte Steine“, befreite Ziegelsteine vom Mörtel. Auch suchte er Bucheckern. Dafür konnte er Öl eintauschen. Seine stürmische Jugendzeit wurde wieder „normal“.

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