Eine Gaststätte für alle Nationen

Ein außergewöhnliches Flüchtlingsprojekt in einer ehemaligen Mendener Kneipe

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Engagiert kümmern sich die Helfer mit viel Herzblut und Geduld um die Betreuung der Gäste in der einstigen Gaststätte. Foto: Helmut Rauer
veröffentlicht am 03.07.2020
Lesezeit: ungefähr 6 Minuten

Menden. Treff „Alt-Menden“: Wer diesen Namen zum ersten Mal hört, könnte meinen, es wäre ein Ort, an dem Alteingesessene an althergebrachten Traditionen festhalten. Aber das ist es gerade nicht. Was diesen Treffpunkt auszeichnet, ist die Aufgeschlossenheit für das Neue, für drängende Probleme unserer Zeit. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, die konkret vor Ort anpacken, aber auch über den Tellerrand hinausblicken. Menschen aus verschiedenen Kulturen, die sich begegnen und im Dialog voneinander lernen.

von Helmut Rauer

„Alt-Menden“ ist der Name einer Gaststätte, die schon einige Jahre leer gestanden hatte, bis sie sich 2018 mit neuem Leben füllte und zur internationalen Begegnungsstätte unter dem Dach des Sozialdienstes katholischer Frauen und Männer wurde. Hierher kommen Menschen aus vielen Ländern, aus Angola oder Peru, aus Russland oder Guinea, aus Syrien oder Marokko. Menschen, die es irgendwie nach Menden verschlagen hat, viele von ihnen als Kriegsflüchtlinge, aber auch Aussiedler und politisch Verfolgte. Alles Menschen, die sich in einer für sie fremden Welt neu orientieren und eine Sprache lernen müssen, die Unterstützung und Hilfe brauchen. Wer ist in der Fremde schon gern allein?!

Hier treffen sie auf Menschen, jung und alt, die Menden kennen wie ihre Westentasche, deren Familien zum Teil seit Generationen hier wohnen, die sich freundlich um sie kümmern und das Gefühl geben, willkommen zu sein. Die ihnen ehrenamtlich und unentgeltlich helfen, sich in deutscher Umgebung, Sprache und Kultur zurechtzufinden. So gibt es in der Ex-Gaststätte fast an jedem Wochentag regelmäßige Zusammenkünfte– offene Angebote für Frauen, Mütter mit Kindern, Männer und Jugendliche, Unterstützung bei den Hausaufgaben, Vorbereitung auf Sprachkurse und Prüfungen, Beratung bei Behördenangelegenheiten bis hin zur Vermittlung von Arbeitsstellen. Frühstückstreffen und Spaßnachmittage, Ausflüge und Feste (für die um Spenden gebeten wird) ergänzen das Programm.

Große Hilfsbereitschaft

Das alles begann im Jahr 2015 mit der großen Flüchtlingswelle aus Syrien. Viele Deutsche sahen die Geflohenen mit Bussen ankommen und vor den Notunterkünften stehen. „Sie hatten eine blaue Plastiktüte dabei, sonst nichts“, erinnert sich Monika Bölling (74) aus der Pfarrgemeinde in Menden-Bösperde. „Und da war alles drin, was sie noch besaßen.“ Solche Bilder lösten bei ihr und vielen anderen Christen eine große Hilfsbereitschaft aus. Eine erste Einladung zum Kaffeetrinken im Pfarrheim wurde von den „Gestrandeten“ so dankbar und mit Freude angenommen, dass weitere Treffen folgten. Das „Café Grenzenlos“, organisiert mithilfe der Caritas, war geboren, erfreute sich großer Beliebtheit.

Gemeinsame Renovierung

Als die Flüchtlingsfamilien nach und nach in Einzelwohnungen umziehen konnten, drohten Gemeinsamkeit und Begegnung nachzulassen. „Da war es ein Glücksfall, dass wir auf die frühere Gaststätte Alt-Menden stießen“, freut sich Monika Böllings Mann Herbert. „Der Eigentümer überließ uns das zentral gelegene Gebäude als neue Begegnungsstätte mietfrei.“ Ein halbes Jahr lang renovierten Flüchtlinge und Deutsche den Schank- und Gastraum gemeinsam, verputzten und strichen die Wände, hängten Decken ab, polierten den schönen alten Eichentresen und putzten die Gläser in den urigen Vitrinen.

Der Zapfhahn ist vorerst– und womöglich für immer– zugedreht. Aber die alte Kneipe sprüht vor Lebendigkeit. Dafür sorgen die zugezogenen Neu-Mendener aus aller Herren Länder, die rund 30 „Alt-Mendener“ Helfer, die deutschen Besucher, die einfach mal kommen und das Gespräch suchen (jeder ist willkommen) und ein etwa achtköpfiges Orga-Team als „Motor“.

„Ohne die Unterstützung vieler Firmen und Einzelpersonen und Institutionen, vor allem durch die Caritas und das Erzbistum Paderborn, wären wir nicht weit gekommen“, betont Monika Bölling. Dank vielfältiger Hilfe und Zusammenarbeit aber sind mehrere größere Aktionen entstanden. So zeigten Schüler des Gymnasiums an der Hönne ihre Solidarität, indem sie in einer Projektwoche Kunstwerke schufen, die nach wie vor im Treff „Alt-Menden“ ausgehängt sind. In den ersten Monaten der Corona-Krise haben Helfer zu Hause (der Treff war geschlossen) rund 2000 Mund-Nase-Masken genäht und gegen einen Obolus über die Kirchengemeinden an jedermann verkauft. Firmen und Haushalte spendeten die Stoffe.

Im Treff „Alt-Menden“ erfährt man schnell, wo Menschen mit wenig Einkommen der Schuh drückt. So zeigte sich, als viele Schüler wegen Corona ihre Hausaufgaben zu Hause am Computer machen sollten, dass etliche Kinder und Jugendliche dafür gar nicht ausgestattet sind. „Sie und ihre Eltern haben oft weder PC noch Laptop, und am Smartphone sind Schriftbild und Tastatur zu klein, um vernünftig damit für die Schule zu arbeiten“, erklärt Gabi Wozniewski vom Orga-Team. Also startete der Treff einen Aufruf. Und siehe da: Mendener Haushalte spendeten mehr als 20 gute gebrauchte Laptops. Heinrich Grote, ebenfalls vom Orga-Team, der sich beruflich mit PCs sehr gut auskennt, brachte die alten Geräte mit neuer kostenloser Software unentgeltlich auf Vordermann und konnte sie dieser Tage Schülern des Berufskollegs sowie jüngeren Schülern nach praktischer Einweisung zum Gratisgebrauch übergeben.

Tradition der Solidarität

Der Treff „Alt-Menden“ ist keine Frage des Alters und des „Festklebens“ an alten Traditionen. Es sei denn, man meint damit die Tradition der Solidarität, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, die es in Menden immer schon gab und die immer aktuell bleibt. Dann ist „Alt-Menden“ kein schlechter Name als Gaststätte für Gäste aus aller Welt.

 

 

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